EDITORIAL

Psychotherapie-Richtlinien/Gesprächstherapie: Verfahren oder Methode?

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 289

Bühring, Petra

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Die Änderung der Psychotherapie-Richtlinien durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) ging sehr zügig vonstatten – die Entscheidung zur GKV-Zulassung der Gesprächspsychotherapie steht noch aus. Das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung hat am 20. Juni entschieden, dass künftig die GKV-Zulassung als Psychotherapeut davon abhängen soll, ob eine Qualifikation für ein Verfahren nachgewiesen werden kann, mit dem mindestens die am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen behandelt werden können. Dies sind nach den Kriterien des G-BA Depressionen, Angststörungen und somatoforme Störungen (Anwendungsbereiche). Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) – erleichert darüber, dass „der Irrweg“, psychotherapeutische Verfahren für einzelne Indikationen zuzulassen, vermieden wurde – übt moderate Kritik an den Änderungen der Psychotherapie-Richtlinien: In der wissenschaftlichen Begründung der beschlossenen Anwendungsbereiche sei der G-BA „merkwürdig inkonsequent“. Denn wer die Häufigkeit einer Erkrankung zum entscheidenden Kriterium mache, könne die Suchterkrankungen nicht einfach übergehen, an denen in Deutschland immerhin mehr als zwei Millionen Menschen litten. Die wissenschaftliche Forschung berücksichtige bei der Diskussion um die Versorgungsrelevanz zudem noch weitere Faktoren: die Schwere der Erkrankung; die gesundheitlichen und sozialen Folgen nicht behandelter Erkrankungen und die ökonomischen Konsequenzen; die Frage, mit welchen psychischen Störungen Patienten überhaupt zum Psychotherapeuten gehen. Der G-BA berücksichtige stattdessen nur die epidemiologischen Daten zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen, so der BPtK-Vorwurf.
Mit der Frage, welche Auswirkung die geänderten Psychotherapie-Richtlinien nun auf die Entscheidung zur sozialrechtlichen Zulassung der Gesprächspsychotherapie (GT) haben wird, setzt sich die BPtK allerdings nicht auseinander. Ein Vorgehen, dass die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V. (GwG) „bedauerlich“ findet. Die Fachgesellschaft glaubt nämlich, dass der G-BA gerade jetzt die Richtlinien geändert habe, um die GT nicht als GKV-Verfahren zulassen zu müssen. Das Verfahren besitzt die Anerkennung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) zur vertieften Ausbildung – eine Empfehlung zur sozialrechtlichen Zulassung. Die GwG glaubt weiter, dass die neuen Richtlinien die „Möglichkeit schaffen sollen, um das Verfahren zu einer „Methode von Psychoanalytikern und Verhaltenstherapeuten abzuwerten“.
Ohne zu viel hineininterpretieren zu wollen: Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des G-BA-Beschlusses hat der Vorsitzende Dr. Rainer Hess noch einmal betont, dass die Empfehlungen des WBP für den G-BA „nicht bindend“ seien. Bei der GT hängt die Entscheidung davon ab, ob sie als eigenständiges „Verfahren“ eingestuft wird, das die Bandbreite zur Behandlung der drei Anwendungsbereiche besitzt, oder als „Methode“ beziehungsweise „Zusatzqualifikation“. In den G-BA-Beschluss wurde jedenfalls ein weiterer Passus aufgenommen: „Methoden, die nicht die geforderte Bandbreite besitzen, können zwar auch GKV-Leistung werden, aber nur, wenn sie von Therapeuten angewendet werden, die in einem breit angelegten Verfahren ausgebildet sind“ – möglicherweise in weiser Voraussicht. Petra Bühring
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