ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland

BÜCHER

Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland

Jüttemann, Gerd; Sonntag, Michael; Wulf, Christoph

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Psychologiegeschichte: Unterschiedliche Seelenkonzepte
Gerd Jüttemann, Michael Sonntag, Christoph Wulf (Hg.): Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005, VIII, 604 Seiten, 82 Abbildungen, gebunden, 44,90 €
Wenn in diesen Monaten der großartigen Pionierleistung Sigmund Freuds, der eine umfassende, auch heute noch differenzierteste Psychologie der Individual- und der Kollektivseele entworfen hat, gedacht wird, darf es angebracht sein, auf ein Buch aufmerksam zu machen, das in bestechender Weise die Geschichte der Seele im Abendland seit der Antike beleuchtet. Schon immer kreiste das Denken der Menschen um die Seele, um ihre Natur, ihre Herkunft und ihr Ziel. Es macht den Anschein, dass mit der Inbesitznahme der Seele durch die medizinische Wissenschaft, was von da ab als Psychologie figuriert, das allgemeine Interesse eher abnahm, und die Seelenkunde zusehends den Fachleuten überlassen wurde. So schreiben die Herausgeber eingangs auch, dass sich im „Psychoboom und auf dem Therapie- und Selbsterfahrungsmarkt“ eher ein „Erlöschen der Seele“ manifestiere.
Dass auch die teilweise uralten Spekulationen über die Seele ihrer Aktualität nicht völlig verlustig gingen, kann man erkennen, wenn gleichsam „moderne“ psychologische Konzepte Anleihen an viele Jahrhunderte zurückliegende Modelle nehmen: Das bekannteste Beispiel ist die Lehre von den Lebenstrieben und dem Todestrieb von Freud, der sich bei der Darstellung dieser Konzepte auch ausdrücklich auf die Theorie berief, die Platon im Symposion durch Aristophanes entwickeln ließ.
So unterschiedlich die zahlreichen Auffassungen zur Seele im Laufe der abendländischen Geschichte auch waren, gemein war ihnen, dass seit den Anfängen die Seele als über die Natur und den Menschen hinausgehend gedacht wurde. Sie steht von alters her zwischen den Menschen und einer jenseitigen Welt, und so lässt sich beispielsweise nach Augustinus nur über die Seele die göttliche Wahrheit erfassen. Um sich dem Begriff „Seele“ anzunähern, diese Metapher zu verstehen, haben die Herausgeber den Ansatz gewählt, „Höhepunkte und einschneidende Veränderungen der Verwendung des Begriffes Seele herauszuarbeiten“, und es ist ihnen gelungen, Autoren unterschiedlichster, mit dem Thema befasster Disziplinen für die Verwirklichung dieses Vorhabens zu gewinnen. Die Seelenvorstellungen bei Platon und Aristoteles, mit denen der Hauptteil dieses sorgfältig editierten Bandes beginnt, führen den Leser in ihm vertraut erscheinende Denkwelten (zum Beispiel das Gleichnis der Seele als gefiedertes Gespann mit Führer), deren vielfältige Bezüge und detaillierte Ausarbeitungen immer wieder staunen machen. Von hier aus geht es über die Neuplatoniker (Plotin und dessen Nachfolgern, denen zufolge die Seele an die Nahtstelle zwischen geistiger und wahrnehmbarer Welt zu denken sei), dann Augustinus, der Seele und Leib in ein hierarchisches Verhältnis zueinander bringt (schon er hat eine Art 3-Instanzen-Modell, die trinitarische Struktur des Ich, in der ihm Gedächtnis, Erkenntnis und Liebe als Spiegel Gottes erscheinen) und über verschiedene Varianten des Leib-Seele-Dualismus zum Mittelalter. Weitere „Stationen“ des umfangreichen Buches sind die frühe Neuzeit, daran anschließend die Zeit der Aufklärung und Romantik, um schließlich bei den wissenschaftlichen Psychologien anzukommen. Als innerer roter Faden durch alle Themenbereiche kann ein Gedanke gelten, der seine Aktualität nie verloren hat und den Augustinus in seinen zwei Fragen an die Philosophie ausdrückt, „die erste bezweckt, dass wir uns selbst, die andere, dass wir unseren Ursprung kennen lernen“. Christian Maier
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