ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Gesundheitskarte: In der Warteschleife

POLITIK

Gesundheitskarte: In der Warteschleife

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 301

Krüger-Brand, Heike E.

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Im Labor der gematik werden Funktionalität, Interoperabilität, Stabilität und Sicherheit der Komponenten für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur getestet. Foto: gematik
Im Labor der gematik werden Funktionalität, Interoperabilität, Stabilität und Sicherheit der Komponenten für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur getestet. Foto: gematik
Größere Anwendertests der Karte und der Tele­ma­tik­infra­struk­tur starten frühestens Anfang 2007.

Wenn man die Richtung nicht kennt, nützt es überhaupt nichts, die Geschwindigkeit zu erhöhen.“ Dieser Spruch des Schlagersängers Dieter Bohlen lasse sich auch auf den Stand der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) beziehen, sagte der Mitarbeiter eines Systemhauses bei einer Informationsveranstaltung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für die Anbieter von Arztsoftware in Berlin. Der IT-Experte ist, wie derzeit knapp 30 weitere Mitarbeiter aus der Industrie, an die gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) entsandt, um die Entwicklung der technischen Spezifikationen für Komponenten und Dienste der künftigen Tele­ma­tik­infra­struk­tur voranzutreiben.
Viel zu tun zur Vorbereitung auf die neue Karte gibt es für die Softwarehäuser allerdings noch nicht, denn das Projekt ist gegenüber der ursprünglichen Zeitplanung inzwischen mindestens ein halbes Jahr im Verzug. So werden die im Rahmen der Testphase vorgesehenen Tests mit jeweils rund 10 000 Versicherten in den acht ausgewählten Testregionen – Flensburg, Bremen, Bochum/Essen, Löbau-Zittau, Trier, Wolfsburg, Heilbronn und Ingolstadt – nicht wie vorgesehen zum 1. Juli 2006, sondern voraussichtlich erst Anfang 2007 starten können. Viele Experten halten selbst diesen Termin für unrealistisch.
Unerledigte Detailarbeit
Die Gründe: Wichtige Details der Tele­ma­tik­infra­struk­tur sind entweder noch nicht vorhanden oder noch nicht abschließend definiert. So fehlt beispielsweise bei der Spezifikation für den Konnektor (zentral registriertes Gerät zur sicheren Anbindung der Praxis-EDV an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur) noch die Online-Funktionalität. Für die eGK-Spezifikation müssen teilweise neue Versionen der Datensätze und Schnittstellenbeschreibungen erstellt werden, weil man sich erst nachträglich auf ein einheitliches Datenformat für die Karte und die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (komprimiertes XML) verständigt hat. Dies hat zur Folge, dass die Industrie die für die Durchführung von Tests erforderlichen Komponenten nicht in ausreichender Menge bereitstellt. Die Vorbereitungen in den Testregionen sind dadurch praktisch zum Stillstand gekommen.
Gerade in der Vorbereitungsphase auf die Anwendertests ist aus Sicht der gematik allerdings größte Sorgfalt geboten. Als Betriebsgesellschaft der Selbstverwaltung mit inzwischen 97 Mitarbeitern ist sie für den funktionalen Umfang der Tests und die technische Umsetzung der physikalischen Komponenten und Dienste zuständig. „Designfehler können wir uns nicht leisten. Die Kosten vervielfachen sich in den Feldtests sehr schnell, wenn die Spezifikationen nicht einem hohen Qualitätsanspruch genügen“, sagte Dirk Drees, Geschäftsführer der gematik, bei einer von Euroforum veranstalteten Konferenz zur eGK in Berlin. „Wir müssen deshalb sicherstellen, dass wir mit seriös ausgetesteten Komponenten in die Regionen gehen.“
Auch die Anfang November 2005 vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) erlassene Rechtsverordnung, in der die Rahmenbedingungen für die Testphase der eGK detailliert festgelegt sind, hat an dem schleppenden Fortgang des Projekts bislang nichts geändert. Sie gibt für die Testvorhaben vier Teststufen vor, in denen jeweils vier Funktionsabschnitte sequenziell durchlaufen werden müssen (Kasten). Der Testumfang ist für jede Region somit gleich. Allerdings sollen die Funktionsabschnitte gestaffelt getestet werden, das heißt, jeweils zwei Regionen starten mit den Tests – den Anfang sollen Löbau-Zittau und Flensburg machen –, und zeitversetzt kommen zwei weitere hinzu. Nach der Teststufe 3 sollen möglichst keine Komponenten der Tele­ma­tik­infra­struk­tur mehr ausgetauscht werden, und auch die Geschäftsprozesse sollen weitgehend definiert sein. Auf jeder Stufe werden die Ergebnisse aus den Feldtests gesammelt und bei der gematik ausgewertet, damit sie für die Weiterentwicklung der Spezifikationen und Dienste berücksichtigt werden können. Zusätzlich werden die Probeläufe in den Regionen wissenschaftlich evaluiert.
Foto: gematik Dirk Drees: Derzeit keine seriöse Antwort auf die Frage nach dem Zeitplan möglich.
Foto: gematik Dirk Drees: Derzeit keine seriöse Antwort auf die Frage nach dem Zeitplan möglich.
In der Abfolge der Teststufen befindet sich das Projekt zurzeit erst auf der Stufe 2. So hat das Testlabor der gematik, das seit Dezember 2005 in Betrieb ist, eine erste, vorläufige Version der Musterumgebung für den Funktionsabschnitt 1 fertig gestellt. Diese soll Anfang Juli in mindestens eine Testregion zunächst für Offline-Tests ausgeliefert werden, bevor Anfang 2007 dann der Übergang in die Online-Welt beginnen kann.
Die Testregionen befinden sich derweil im Wartestand und „harren der Dinge, die aus Berlin kommen“, so Dr. med. Siegfried Jedamzik, Projektleiter des bayerischen Modellvorhabens in Ingolstadt. Zwar gehe die Forderung an die Politik, den Druck weiter aufrechtzuerhalten, doch nicht mit unrealistischen Terminvorgaben. „Musterumgebungen, die nicht funktionieren und die keine Realität abbilden, sind kontraproduktiv“, warnte er, zumal die Ärzte, die an den Versuchen teilnehmen, dies parallel zum normalen Praxisbetrieb bewältigen müssten. Unterstützung erhielt er von Dr. med. Eckehard Meissner aus der Region Flensburg, in der man bereits Erfahrungen mit dem elektronischen Rezept gesammelt hat. „Die Akzeptanz des Systems wird von den Leistungserbringern bestimmt werden“, betonte Meissner.
Mehr Tempo durch Änderungsverordnung
Fast zwangsläufig drückt das BMG weiter aufs Tempo. So ist eine Änderungsverordnung zur Rechtsverordnung angekündigt, die dazu beitragen soll, den Einstieg in die Feldtests zu beschleunigen. Ob dies gelingen kann, ist allerdings fraglich. So soll nach der kommenden Verordnung auf Wunsch der Ärzte unter anderem der Test des elektronischen Not­fall­daten­satzes als freiwillige medizinische Anwendung vorgezogen werden. Durch diese Erweiterung des ersten Funktionsabschnittes wird sich jedoch auch die Komplexität der Tests erhöhen.
Umstritten ist aus Sicht der Industrie außerdem eine Regelung, nach der die gematik in den ersten drei Teststufen die Spitzenorganisationen der Leistungserbringer oder Leistungsträger mit bestimmten Aufgaben beauftragen kann, ohne dass zuvor eine öffentliche Ausschreibung erfolgt. Kritiker sehen darin eine Überregulierung und befürchten einen mangelnden Wettbewerb, der das Projekt verteuern könnte.
Völlig offen ist ohnehin, wann der Einstieg in die 100 000er-Tests als Vorstufe für die flächendeckende Ausgabe der Gesundheitskarte beginnen kann. Eine seriöse Antwort darauf sei derzeit nicht möglich, sagte Drees. Eines steht für ihn jedoch fest: „Nach den 100 000er-Tests wird es noch einmal richtig spannend, denn da endet die Rechtsverordnung.“ Heike E. Krüger-Brand


Die vier Teststufen der eGK-Testphase:

- Stufe 1: Labortest. Dieser umfasst Funktions-, Integrations- und Interoperabilitätstests der Komponenten und der Netzwerkinfrastruktur sowie Sicherheitsaspekte. Diese Testphase findet zentral in der gematik statt.
- Stufe 2: Anwendertests. In Musterumgebungen werden mit Testdaten Prozessabläufe simuliert, wie zum Beispiel Signaturverfahren. Diese Tests finden zentral (in der gematik) und dezentral in den Testregionen statt. Die Musterumgebungen werden permanent optimiert und fortgeschrieben.
- Stufe 3: 10 000er-Tests in acht Testregionen. Unter Verwendung von Echtdaten werden unter realen Einsatzbedingungen jeweils 10 000 Versicherte in die Tests mit einbezogen. Die Komponenten haben zeitlich begrenzte Betriebszulassungen und können gegebenenfalls noch ausgetauscht werden. Je Testregion sollen sich 25 Ärzte, fünf Apotheken und ein bis zwei Krankenhäuser, darunter eine Universitätsklinik, beteiligen. Die Tests sollen zeitlich und hinsichtlich der Funktionen gestaffelt durchgeführt werden.
- Stufe 4: In drei Regionen werden 100 000er-Tests als Vorstufe für den eigentlichen flächendeckenden Betrieb durchgeführt und schrittweise weitere Anwendungen, wie etwa die elektronische Patientenakte, erprobt.

Die vier Funktionsabschnitte der Teststufen:
- Ausschließlich offline und parallel neben der alten Krankenversichertenkarte (KVK) wird im ersten Abschnitt die eGK mit der KVK-Funktionalität getestet, das heißt ihre Funktion als Speichermedium der Versichertenstammdaten. Hinzu kommen – nach der Änderungsverordnung – der Transport des elektronischen Rezepts und die Speicherung der Notfalldaten auf der Karte, sofern der Versicherte dazu sein Einverständnis gibt. Beteiligte Komponenten sind eGK, Heilberufsausweis und Institutionenkarte (SMC), Kartenterminal, Konnektor und Primärsysteme.
- Abschnitt 2 umfasst Tests wie in Abschnitt 1, jedoch mit Netzzugang. Für diese Anwendungstests müssen bereits Konnektor, Sicherheitsinfrastruktur (PKI) und zentrale Dienste online zur Verfügung stehen. So werden über den Versichertenstammdatendienst der Krankenkassen die Gültigkeit des Kran­ken­ver­siche­rungsnachweises geprüft, die Versichertenstammdaten mit den Daten der Kasse abgeglichen und gegebenenfalls aktualisiert. Ändert sich beispielsweise die Adresse oder der Zuzahlungsstatus eines Versicherten, wird dies beim nächsten Arztbesuch auf dessen Karte vermerkt.
- Im dritten Abschnitt kommt der Transport des elektronischen Rezepts über einen Verordnungsdatendienst hinzu, über den der Apotheker innerhalb der eGK-Infrastruktur das Rezept wieder abrufen kann. Die Tests beschränken sich zunächst auf die Verordnung apothekenpflichtiger Arzneimittel.
- Im vierten Abschnitt wird die Arzneimitteldokumentation – als freiwillige Anwendung für den Versicherten – erprobt. Außerdem müssen die sonstigen Verordnungen unterstützt werden. Dazu zählen die Verordnungen von Heil- und Hilfsmitteln, Betäubungsmitteln und Krankenhausbehandlungen. Nach der Änderungsverordnung muss auch der Versandhandel ermöglicht werden. Außerdem müssen organisatorische und technische Verfahren zur Wahrung der Versichertenrechte erprobt werden. So sollen beispielsweise in den Testregionen jeweils zehn Patiententerminals aufgestellt werden, an denen die Patienten Einblick in ihre Daten nehmen können. Beispielsweise können sie dort die letzten 50 Zugriffe auf ihre Karte kontrollieren und elektronische Rezepte verstecken oder löschen.
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