ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Psychologie-Studienabschlüsse: Besser macht’s der Master

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Psychologie-Studienabschlüsse: Besser macht’s der Master

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 303

Alpers, Georg W.

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LNSLNS Im Zuge des Bologna-Prozesses werden Diplomstudiengänge in Psychologie von Bachelor- und Masterabschlüssen abgelöst.
Die Hochschulen sollten die Gestaltungsspielräume nutzen.

Seit In-Kraft-Treten des Psychotherapeutengesetzes ist auch der Zugang zu den Ausbildungen als Psychologischer Psychotherapeut und als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut geregelt: Erforderlich ist eine „an einer Universität oder gleichstehenden Hochschule bestandene Abschlussprüfung im Studiengang Psychologie, die das Fach Klinische Psychologie einschließt“ – bei Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeuten sind auch Abschlüsse in den Studiengängen (Sozial-)Pädagogik an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule zulässig.
Strukturelle Probleme lösen
Bislang war dies unmissverständlich, und fast alle Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten haben einen Diplomstudiengang abgeschlossen. Doch das Diplom wird es bald nicht mehr geben. Für die meisten Kollegen unmerklich, wurde der Abschied vom Diplom schon vor sieben Jahren eingeleitet, als die Regierungen der EU-Staaten in Bologna beschlossen haben, einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu bilden, der mehr Internationalität und damit mehr Austausch zwischen den Ländern ermöglichen soll. Dieser so genannte Bologna-Prozess soll europaweit bis zum Jahr 2010 einheitliche zweigestufte Studiengänge mit den jeweils berufsqualifizierenden Studienabschlüssen Bachelor und Master mit sich bringen (siehe Kasten).
Für Deutschland sollte diese Entwicklung auch dazu beitragen, mehrere strukturelle Probleme zu lösen, die nichts mit unzureichender Internationalität zu tun haben, vor allem eine Verringerung der Studienabbrecherquote, ein jüngeres Alter der Absolventen sowie eine Erhöhung der Akademikerquote. Vor kurzem wies eine OECD-Studie (12) auf die im internationalen Vergleich verhältnismäßig geringe Quote der Hochschulabsolventen in Deutschland hin.
Die Berufsgruppe der Psychotherapeuten betrifft der Bologna-Prozess in besonderem Maß, da er viele Fragen
bezüglich der Zulassungsvoraussetzungen zur Psychotherapieausbildung und der Eigenständigkeit des akademischen Heilberufes aufwirft (1, 2).
Während die Umsetzung des Bologna-Prozesses in den EU-Ländern offenbar sehr unterschiedlich erfolgt, scheint die deutsche Bildungspolitik entschlossen zu sein, die vereinbarten Ziele in den kommenden Jahren umzusetzen (1). Als Ausnahmen sollen zunächst lediglich einige Studiengänge mit Staatsexamen gelten, darunter auch die Medizin, deren Vertreter sich heftig gegen eine Anwendung auf ihr Fach wehren (10).
Auf der Basis des novellierten Hochschulrahmengesetzes (HRG) existieren schon seit 1999 „Strukturvorgaben für die Einführung von Bachelor-/Bakkalaureus- und Master-/Magisterstudiengängen“ der Kultusministerkonferenz (11). Auch der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung zeigt, dass sie sich diesen Zielen verpflichtet fühlt. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in Deutschland die Besonderheit, dass neben den Universitäten auch von den Fachhochschulen – obwohl deren Profilbildung auch in Zukunft unterscheidbar sein wird – dieselben Abschlüsse verliehen werden. Politische Erklärungen bekräftigen immer wieder, dass eine zunehmende Autonomie der Hochschulen erwünscht sei. Dies verbietet es beispielsweise, von politischer Seite starre Quoten einzuführen für die Zahl von Studierenden, die nach dem Bachelor- ein Masterstudium anschließen können. Die Übergangsquote wird vielmehr aufgrund der verfügbaren Lehrkapazitäten und der Profilbildung bestimmten Grenzen unterworfen sein. Was die festgeschriebene „berufsqualifizierende“ Qualität des Bachelorabschlusses in der Praxis bedeutet, hat sich für die meisten Berufe ebenfalls noch nicht herauskristallisiert. Vor allem bleibt offen, ob er eine Qualifikation für spezifische Berufe sein kann. Für einen Bachelor in Jura wurde von einem Verwaltungsgericht zum Beispiel festgestellt, dass dieser nicht „zur Aufnahme eines juristischen Berufs im klassischen Sinne“ befähige (9). Aus Sicht der Psychologen stellt sich die spezielle Frage nach der Voraussetzung zum Beginn der Psychotherapieausbildung. Möglicherweise ist hier eine Klarstellung des Gesetzgebers erforderlich (1). Bislang stützen sich einige Politiker auf die noch relativ unklaren Ausführungen zur Äquivalenz von alten und neuen Studienabschlüssen der Kultusministerkonferenz von 2003 (11).
Master und Bachelor sind seit langem die üblichen Studienabschlüsse im an-
gloamerikanischen Universitätssystem. Da eines der Ziele ihrer Einführung in Deutschland eine verbesserte Internationalisierung ist, werden die neuen Studienabschlüsse sicherlich auch Ähnlichkeiten mit den angloamerikanischen „Originalen“ haben. Erstaunlich ist, dass ein US-Bachelor mit dem Hauptfach Psychologie keineswegs zu einer psychologischen Berufstätigkeit qualifiziert; ohne weitere akademische Studienabschlüsse sind auch die Karriereoptionen im Fach Psychologie stark eingeschränkt. Obwohl also mit dem Bachelor eine Qualifizierung für eine unspezifische Berufstätigkeit vorliegt, bewerben sich daher die meisten Absolventen (circa 70 Prozent) für so genannte Graduate Studies, das heißt Promotionsprogramme oder Masterstudiengänge. Wer in den USA einen Master in Psychologie erwirbt, kann in verantwortlicher Position beispielsweise Testungen und Beratungen durchführen, psychotherapeutische Tätigkeiten im engeren Sinne werden jedoch in der Regel nur unter Supervision der promovierten (das heißt der zur Heilkunde zugelassenen) Kollegen erfolgen. Eine eigenverantwortliche psychotherapeutische Tätigkeit setzt in der Regel den Doktorgrad voraus (Ph.D.), der im Rahmen eines Promotionsstudienganges Klinische Psychologie erworben wurde. Eine Ausnahme von dieser Regel ist ein Promotionsabschluss von praxisorientierten Instituten, die unseren Fachhochschulen ähneln (Psy.D., Doctor of Psychology).
Obwohl die deutsche (psychotherapeutische) Fachöffentlichkeit lange kein ausgeprägtes Interesse an der Diskussion über die Gestaltung der neuen Studiengänge zu zeigen schien, haben inzwischen die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und einige Therapieverbände sowie die Bundes­psycho­therapeuten­kammer offizielle Stellungnahmen verabschiedet. Dabei kristallisiert sich eine einheitliche Position der Psychotherapeuten heraus. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (7) und ihre Präsidentin, Prof. Hannelore Weber, betonen, seit sie ihren Widerstand gegen die neuen Abschlüsse aufgegeben haben, dass es gilt, die Einheit des akademischen Faches Psychologie auf hohem wissenschaftlichem Niveau zu verteidigen. Ein konsekutiver Studiengang mit Bachelor of Science (BSc) und Master of Science (MSc) soll in Zukunft der Regelfall sein, da für die Vermittlung der Kernkompetenzen eines Psychologen mehr als sechs Semester erforderlich seien. Die Einheit des Faches solle durch einheitliche Abschlüsse (MSc in Psychologie) sichtbar werden, wobei die Vertiefungsrichtung lediglich im Supplement angegeben wird und den Absolventen damit nach wie vor alle psychologischen Berufszweige offen stehen. Nur bei Fortbestehen der Verknüpfung der psychotherapeutischen Anwendung mit der wissenschaftlichen Ausbildung auf hohem Niveau lasse sich die Psychologische Psychotherapie als akademischer Beruf und damit die Äquivalenz zu den Fachärzten gewährleisten (13). Mit vergleichbarer Begründung wird von einer Arbeitsgemeinschaft von Vertretern der Kammern, der Kinder-/Jugendlichenpsychotherapieverbände und der Fachhochschulen (4) auch für den Zugang zur Kinder-/Jugendlichenpsychotherapieausbildung der Master als Voraussetzung gefordert, und es werden entsprechende Mindeststandards beraten.
Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer betont die Prämisse bei der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes: Aufgrund der hohen Anforderungen an die Heilberufe könne nur Diplompsychologen oder solchen mit einem gleichwertigen Abschluss der Zugang zur Ausbildung nach dem PsychThG möglich sein (5). Wegen der politisch definierten Gleichstellung zum Diplom sei damit der Master der erforderliche Abschluss. Die Kammer bekundet gleichzeitig, dass vor allem der Nachwuchs für die altersbedingt ausscheidenden Kollegen (5) nur gewährleistet werden kann, wenn den Universitäten keine Übergangsquoten vom Bachelor- zum Masterstudiengang aufgezwungen werden. Als einer der größten Therapeutenverbände schließt sich auch die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie der Forderung nach dem Master als Zugangsvoraussetzung zur Psychotherapieausbildung an (8). Die von dieser Gesellschaft angeregte Diskussionen unter Fachkollegen (1) verdeutlicht, dass das Problem der langen Ausbildungszeiten (MSc plus Therapieausbildung) dadurch bewältigt werden kann, dass Inhalte der universitären Ausbildung künftig in der Ausbildung anrechenbar werden (14).
Umsetzungsbeispiele
In Deutschland gibt es bereits die ersten Umsetzungsbeispiele für Bachelor-/Master-Studiengänge in Psychologie. Am bekanntesten ist der Studiengang an der Ruhr-Universität Bochum, der bereits einen Jahrgang von Bachelor-absolventen hervorgebracht hat. Die zunächst angestrebte kürzere Studienzeit des spezialisierten MSc in Klinischer Psychologie ist dort nicht genehmigt worden, die Masterstudenten haben dort nunmehr einen vier Semester dauernden Studiengang begonnen. Die neueste Entwicklung in Bochum ist die Vorbereitung eines Promotionsstudiengangs, der normalerweise über den MSc, bei sehr guten Noten auch auf einem „fast track“ über den BSc, erreicht werden soll. Während dieses Beispiel als Erfolgsmodell für die Umstellung an etablierten Hochschulen gelten mag, entstehen andernorts Studiengänge in Psychologie, die sich nicht auf ähnliche Erfahrungen in Forschung und Lehre im Gesamtfach Psychologie berufen können. Beispielsweise kann neuerdings am Kurt Lewin Institut für Psychologie der FernUniversität Hagen ein „Master of Counselling“ erworben werden. Eine derart starke Konzentration auf spezifische Anwendungsgebiete gab es bisher lediglich an wenigen Fachhochschulen (zum Beispiel Diplom in Reha-Psychologie, Hochschule Magdeburg-Stendal). Ob diese beiden Beispiele einen Trend darstellen, bleibt abzuwarten. Sollte dies der Fall sein, werden nicht nur die Fachkollegen, sondern vor allem auch die Patienten künftig einer fast unüberschaubaren Fülle bislang unbekannter Berufsbezeichnungen, Studiengänge und Qualifikationen gegenüberstehen.
Gestaltungsspielräume nutzen
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Auswechslung der geschätzten
Diplomstudiengänge durch Bachelor-/ Masterstudiengänge in vollem Gange ist. Die Hochschulen sollten die Politik beim Wort nehmen und die vorhandenen Gestaltungsspielräume aktiv nutzen. Aus der Perspektive der Klinischen Psychologie und der Psychotherapeuten ist insbesondere auf eine bessere Verzahnung von Forschung und therapeutischer Praxis hinzuwirken, wobei man sich am angloamerikanischen System orientieren kann. Ebenfalls müssen sich Hochschulen, Ausbildungsinstitute und Fachverbände gegenseitig über ihre Ziele unterrichten, nur so kann die allseits bestehende Unzufriedenheit wegen der starken Überlappung von Inhalten des Studiums und der Therapieausbildung gelöst werden. Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten müssen ihre hart erarbeitete, hohe fachliche Reputation bewahren.

Literatur
 1. Alpers GW: Bachelor und Master kommen – aber wie und wann? Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis 2006; 38: 205–8.
 2. Alpers GW, Vogel H: Bachelor oder Master, wer wird Psychotherapeut? Was die Neufassung der Studienabschlüsse für die Psychotherapieausbildung bedeutet. Psychotherapeutenjournal 2004; 3: 315–9.
 3. American Psychological Association (APA) (2004): Education Directorate: Who do I want to become? Retrieved 11. 8. 2004, from www.apa.org/ed/want tobecome.html.
 4. Arbeitsgemeinschaft Zugang zur Ausbildung Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (AZA-KJP) (2005): Protokoll der konstituierenden Sitzung am 5. 11. 2005. Download unter www.dgvt.de/fileadmin/user_uplo ad/Dokumente/Aus_und_Weiterbildung/AZA_Proto koll.pdf (24. 4. 2006).
 5. Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) (2006a): BPtK-Mitglieder: Altersstruktur und Nachwuchsbedarf. BPtK-Newsletter, 6.
 6. Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) (2006b). Europäische Hochschulreform: Master-Abschluss sichert Qualität der Psychotherapie. BPtK-Newsletter, 5.
 7. Deutsche Gesellschaft für Psychologie: Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs) zur Einrichtung von Bachelor- und Masterstudiengängen in Psychologie an den Universitäten. Psychologische Rundschau 2005; 56: 242.
 8. Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie: DGVT-Position zur Frage des Zugangs zur Psychotherapieausbildung nach Einführung von Bachelor und Masterstudiengängen. Rosa Beilage 1/06, Supplementum zu Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 2006; 38: 49.
 9. Friedman J, Leffers J: Bachelor qualifiziert nicht für den Beruf. Spiegel Online (8. November 2005).
10. Katelhön S: Die Bologna-Deklaration Bedeutung für die Medizinerausbildung. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2006; 49: 370–4.
11. Kultusministerkonferenz. (10. 10. 2003). Ländergemeinsame Strukturvorgaben gemäß § 9 Abs. 2 HRG für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Retrieved 16. 9. 2004, from www.kmk.org/ hschule/strukvorgaben.pdf.
12. OECD: Bildung auf einen Blick: OECD Indikatoren; Paris: OECD 2004.
13. Pietrowsky R: Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie: Empfehlungen für die Eingangsvoraussetzungen bei Bachelor-/Master-Studienabschlüssen für die Ausbildung in Psychologischer Psychotherapie. Psychologische Rundschau 2005; 56: 309.
14. Vogel H, Ruggaber G, Kuhr A: Wünsche an die Novellierung der gesetzlichen Ausbildungsvorgaben. In: Kuhr A, Ruggaber G (Hrsg.): Psychotherapieausbildung.
Der Stand der Dinge. Tübingen: DGVT-Verlag 2003, 175–90.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Georg W. Alpers, Institut für Psychologie, Universität Würzburg, Biologische Psychologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Marcusstraße 9–11, 97070 Würzburg, E-Mail: alpers@psychologie.uni-
wuerzburg.de


Bologna-Prozess in Kürze
- Europäischer Prozess seit 1999, an dem inzwischen 45 europäische Staaten beteiligt sind.
- Ziel: europaweit vergleichbare Studienabschlüsse in einem zweigestuften Studium (Bachelor/ Master)
- Erste Stufe in der Regel dreijähriges Vollzeitstudium, dessen Abschluss (Bachelor) für den europäischen Arbeitsmarkt oder ein weiterführendes Studium qualifiziert.
- Flexibler Zugang zum Masterstudium (konsekutiv oder mit dem Bachelorabschluss eines anderen Faches)
- Masterstudiengang typischerweise zwei Jahre (Studiendauer insgesamt fünf Jahre)
- Profilbildung einzelner Hochschulen mit unterschiedlichen Angeboten, die durch Agenturen akkreditiert werden.
- Zielmarke für die Umsetzung: 2010
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