ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Kindstötungen: Rechtsfindung nach Gefühl

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Kindstötungen: Rechtsfindung nach Gefühl

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 310

Jachertz, Norbert

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Prozess gegen Sabine H.: wackeliges Urteil und mehr Fragen als Antworten

Kindstötung ist ein klassischer literarischer Stoff, siehe etwa Fausts Gretchen. Immer steckt eine ausweglose Lage dahinter. Sabine H. (heute 40) hatte mit 20 bereits drei Kinder und soll zwischen 1988 und 1998 neun folgende unmittelbar nach der Geburt getötet haben. Sie hat ihre Zwangslage nie geoffenbart. Sie schwieg noch vor Gericht. Über ihr Leben habe sie zwar klug und differenziert berichtet, vermerkt der begutachtende Psychiater Dr. med. habil. Matthias Lammel (54), aber Sexualität „komplett ausgespart“. Sobald die Sprache auch nur in die Nähe der ihr zur Last gelegten Taten kam, habe sie geschwiegen. Auf Geheiß ihres Anwalts. Das Landgericht in Frankfurt/Oder hat die Schweigerin wegen Totschlags in acht Fällen (der erste aus 1988 war verjährt) am 2. Juni zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Ein solcher „Fall“ von Kindstötung sprengt das Vorstellungsvermögen. Umso wichtiger wäre ein rechtlich überzeugendes Ergebnis eines solchen Jahrhundertfalls. Doch es haperte an allem: Die Ermittlungen konzentrierten sich allein auf die Frau und vernachlässigten mögliche Mitbeteiligte. Die Staatsanwaltschaft beherrschte nicht einmal das Verfahrensrecht und redete noch von Mord, als längst wegen Totschlags verhandelt wurde. Die Verteidigung spielte auf Risiko und verlor. Das Gericht stützte sich in dem entscheidenden Punkt, ob es sich um Tot- oder Lebendgeburten gehandelt hatte, auf Annahmen statt auf Beweise.
Das Gutachten des Brandenburgischen Landeskriminalamtes lässt keinen Schluss auf Todesursache und -zeitpunkt zu. So hat sich das Gericht auf seine Lebenserfahrung und vage Aussagen der Angeklagten im anfänglichen Polizeiverhör gestützt. Diese Aussagen waren indes nur in einem Fall klar genug, um zu einem Urteil beizutragen, ansonsten berief sich Sabine H. darauf, volltrunken gewesen zu sein: Sie hatte von den Geburten nichts mitbekommen wollen und hatte sich beizeiten betrunken. Auch die Spurenbeseitigung – Einhüllen in Plastiktüten und Begraben, angeblich in Blumenkästen – will sie nicht bewusst bemerkt haben. Gutachter Lammel folgerte, weil die Spuren sorgfältig beseitigt worden seien, könne sie nicht völlig betrunken gewesen sein. Daraus lässt sich auch der Umkehrschluss ziehen, falls die Frau doch voll-
trunken war, muss jemand anderes die Spuren beseitigt haben oder dabei mitgeholfen haben. Lammel fand jedoch „keinen Hinweis, dass es ein anderer gemacht hat“.
Dürftige Beweislage
Die Spuren der Kindstötungen blieben jahrelang, bis 2005, unentdeckt. Die Inhalte der Plastikbeutel müssen zu dieser Zeit eine übel riechende unförmige Masse gewesen sein. Das Landeskriminalamt hat bewundernwerterweise sieben weibliche und zwei männliche Kinder zu unterscheiden vermocht, alle von Sabine H. und ihrem vormaligen Ehemann Oliver.
Die Richterinnen erkannten trotz der dürftigen Beweislage auf die Höchststrafe. Das lag auch am Schweigen der Angeklagten. Sie hat sich damit jegliche Chance verbaut, Verständnis für ihre Zwangslage zu erwecken oder zu einer anderen Wahrheit beizutragen. Ihr Anwalt, Matthias Schöneburg (50), hatte seine Verteidigung auf das Schweigen aufgebaut. Er vertraute darauf, dass nur der eine vor der Polizei eingeräumte Fall als beweiserheblich herangezogen würde. Er hat sich geirrt.
Der Ex-Ehemann der Frau, ein ehemaliger Stasi-Mann, der in den fraglichen Jahren mit der Frau, die fast ununterbrochen schwanger war, das Bett geteilt hat, will von nichts gewusst haben. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde schnell eingestellt. Welche Funktion dem Mann in dem Handlungsraster zufiel, wurde demnach nicht geklärt. Es gab deutliche Hinweise auf eheliche Gewalt. Zu untersuchen wäre gewesen, wieweit das häusliche Leben der Familie in einem abgeschotteten Stasi-Wohnblock die Willensbildung der 1988 noch sehr jungen Frau geprägt hat. Das wäre spätestens angezeigt gewesen, als sich herausstellte, dass sich Sabine H. autoritären Forderungen zeitlebens schweigend fügte. 1988 kam es zu der ersten Kindstötung, die eine Art Durchbruch für die folgenden gewesen sein muss. „Diese Wiederholungen darf man“, so der forensische Sachverständige Lammel, „nicht als höheres Maß an Pathologie einordnen.“ Entscheidend ist somit der „Fall 1988“, der zwar verjährt war, dessen Umstände aber wegen der Pilotfunktion vor Gericht hätten geklärt werden müssen. Doch nichts davon. Der Ehemann habe „eine sehr untergeordnete Rolle gespielt“, so die Prozessbeobachterin einer Regionalzeitung.
Vorverurteilungen durch Volkes Stimme und Politik setzten sofort nach Bekanntwerden der Leichenfunde 2005 ein. Die Haftanstalt behandelte den Untersuchungshäftling wie eine verurteilte Wiederholungstäterin. Im Evangelischen Krankenhaus Luckau, in dem sie wegen eines gravierenden gynäkologischen Befundes operiert wurde, fanden Beobachter sie nach der Operation „mit Fußfesseln im Bett, trotz Bewacher“ vor: „Wir waren ja so entsetzt. Wo sollte sie denn hin in ihrem Hemd?“ Das Krankenhaus verweigerte auf Anfrage jegliche Auskunft. Eine Nachoperation im Februar wurde von der Haftanstalt abgelehnt. Nicht einmal Post und zugesandte Literatur händigte die Anstalt aus, berichtete Dr. med. Annemarie Wiegandt, die Verbindung zu Sabine H. aufnehmen wollte.
Revision ist angekündigt. Der Bundesgerichtshof kann nur die rechtliche Bewertung prüfen, nicht aber vermasselte Ermittlungen heilen. Norbert Jachertz
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