ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Psychotherapie: Gesundes Misstrauen
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LNSLNS Tränen der Rührung kamen mir ob des neuen ärztlichen Interesses an der Psychotherapie! Es scheint allerdings mehr im finanziellen Bereich denn in einem geistigen Paradigmenwechsel zu gründen. Tatsächlich stimmt schon lange ein erheblicher Prozentsatz Hilfesuchender „mit den Füßen“ dahingehend ab, dass sie zunächst sich selbst (Selbsthilfe), ihrem Heilpraktiker oder einer Alternativmethode vertrauen – natürlicher Ausfluss der zu respektierenden Patientenautonomie. Im Alternativsektor werden psychische Erkrankungen oft auf Basis der „common factors“ und methodenspezifischer Faktoren effizient und zur Zufriedenheit der Patienten gebessert (vgl. Andritzky 1997). Vor allem aber entzieht sich der Patient dort der durch die ärztliche (!) Psychiatriegeschichte selbst kreierten Stigmatisierung psychischer Störungen.
Angesichts dieser „Vorgeschichte“ wäre gesundes Misstrauen gegenüber der „Stärkung der ärztlich-psychotherapeutischen Kompetenz“ angebracht, denn: worin soll sie gegenüber dem durch sein Studium ohnehin schon besser vorbereiteten PP eigentlich bestehen?
Es scheint hier lediglich um Angst vor Verlust einer ohnehin kaum existenten ärztlich-psychotherapeutischen Versorgungsrelevanz zu gehen, wenn man unter „Psychotherapie“ mehr als nur ein „Gespräch“ oder „drei Sitzungen Psychotherapie“ versteht.
Auch wenn der Leser dann in den „Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II“ (S. 280 ff.) erfährt, dass man den „bedarfsgerechten Ausbau psychotherapeutischer Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen“ oder „Psychotherapie bei Psychosen“ anstrebt, so stellt sich die Frage, wie Ärzte etwas bewerkstelligen sollen, was bisher Sozialarbeitern zugewiesen wurde oder wofür nicht einmal PP die Ressourcen besitzen. Tatsächlich gehören „Suchterkrankungen“ und „Psychosen“ zu den Bereichen, zu denen PP den geringsten Zugang haben, was bei „Suchterkrankungen“ gleichermaßen für die Ärztliche Psychotherapie gilt (vgl. Andritzky 1999: 425).
Außer dem Bereich Psychosenpsychotherapie sind PP gegenüber den ärztlichen Psychotherapeuten für alle übrigen Indikationsbereiche, wie zum Beispiel Familien-, Partnerprobleme, Ess- und Belastungsstörungen, Sexual- und Lernstörungen, längst qualifiziert ausgebildet. Mein Vorschlag wäre daher, ärztliche Psychotherapie nur indikationspezifisch zu fordern im Bereich der Sucht- und Psychosentherapie, um überflüssige Konkurrenz in den übrigen Indikationsbereicheh zu vermeiden.
Walter Andritzky, Psychologischer Psychotherapeut, Kopernikusstraße 55, 40225 Düsseldorf

Angegebene Literatur:
W. Andritzky, 1997: Alternative Gesundheitskultur. Berlin: VWB-Verlag.
W. Andritzky, 1999: Zur Psychotherapiepraxis von klinischen Diplom-Psychologen und ärztlichen Psychotherapeuten.
In: Integrative Therapie 2 (4): 418–33.
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