ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Psychoanalyse: Kein Vorbild für Ärzte und Forscher

BRIEFE

Psychoanalyse: Kein Vorbild für Ärzte und Forscher

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 312

Kornhuber, Hans Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Neue Wissenschaft und bessere Lebenskunst habe Freud uns gebracht? Ein Stück Hofbericht ist, was Michael Buchholz bietet. „Was richtig war, war nicht neu, und was neu war, war nicht richtig“ haben die kundigen Psychologen schon zu Lebzeiten Freuds kommentiert. Die Neurobiologie habe Freud bestätigt? Im Gegenteil, sie zeigt auf ihre Weise den Unterschied zwischen einer instinktgeleiteten Ratte und einem Menschen mit seinem riesigen Frontalhirn zum kreativen Denken und vernünftigen Wollen. Die Überschätzung der frühen Kindheit ist widerlegt (z. B. von Cécile Ernst), aber gerade auf diesem Irrtum beruht das ganze Verfahren Freuds. Mit Recht ist deshalb der Freudismus in den letzten Jahrzehnten als Therapie immer unwichtiger geworden. Dass er überhaupt so mächtig werden konnte, verdankte er dem Bankrott der amerikanischen Psychologie unter dem Behaviorismus, der sich im Gehege der Begriffe Reiz, Reaktion und Anpassung bewegte, und dem Sieg der amerikanischen Psychologie auch in Europa nach 1945. Bis 1965 war alles, was mit besonnenem Willen zusammenhing, aus der psychologischen Literatur verschwunden. Erst nach der neurophysiologischen Entdeckung des Bereitschaftspotenzials wagten die Psychologen wieder, über humanen Willen nachzudenken. Zugleich aber feierte der Freudsche Hedonismus als Weltanschauung 1968 einen absurden Triumph in der Kulturrevolution, an deren Folgen wir noch immer leiden. Freud hatte sich schon in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts infolge seines Kokainismus von der Wissenschaft verabschiedet und war Propagandist des Hedonismus geworden; er gründete dazu ein Propagandakomitee. Das „Realitätsprinzip“ stand nun im Dienste des „Lustprinzips“. Die Frankfurter Schule unter Horkheimer und Adorno machte aus dem Marxismus den hedonistischen Freudomarxismus. Mit Faschismus hat Kritik an Freud nichts zu tun; Karen Horney, Karl Jaspers, Viktor E. Frankl und Hans Jürgen Eysenck waren Antifaschisten. Ein Vorbild für Forscher ist Freud nicht, erst recht nicht für Ärzte. Allenfalls ein Schriftsteller, aber einer, der oft nur die halbe Wahrheit sagte.
Prof. em. Dr. med. Dr. h. c. Hans Helmut Kornhuber, Forstweg 13, 89143 Blaubeuren
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige