BÜCHER

Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter / Kinderhaus. Leben und Ermordung des Mädchens Edith Hecht

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 320

Schreiber, Jürgen; Krischer, Markus

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Krankenmorde: Verschwiegene Geschichten

Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie. Pendo Verlag, München und Zürich, 2005, 304 Seiten, 22,50 Euro
Markus Krischer: Kinderhaus. Leben und Ermordung des Mädchens Edith Hecht. Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, 284 Seiten 19,90 Euro

Geschichtsschreibung durch Journalisten heißt nicht zuletzt Geschichten erzählen. Anhand eines einzelnen Schicksals wird Vergangenheit lebendig. Zu den Fakten tritt die Emotion. Eine gute Reportage berührt immer Herz und Verstand des Lesers. Schreiber, der der Familiengeschichte des Malers Gerhard Richter nachgegangen ist, ist Chefreporter beim Berliner „Tagesspiegel“; Krischer, der die Vergangenheit der kirchlichen Anstalt Schönbrunn bei Dachau beleuchtet, arbeitet im Ressort Deutschland Aktuell des „Focus“. Beide behandeln den gnadenlosen Umgang mit Behinderten in der Nazizeit, beide beklagen die Vertuschungen und die klägliche Rolle der Strafjustiz in der Nachkriegszeit.
Reporter Schreiber geht dem Schicksal von Marianne Schönfelder, die als „Tante Marianne“ eines Richter-Gemäldes posthum zu Ehren kam, nach. Marianne, die schizophren war, wurde mit 21 Jahren zwangsweise sterilisiert, in einer Dresdener Frauenklinik, deren Chef Professor Heinrich Eufinger war. Eufinger war der Vater von Gerhard Richters erster Frau. Insofern war Richter ahnungslos doppelt in die Geschichte verwickelt, einmal wegen seiner Tante, zum anderen wegen des Schwiegervaters. Tante Marianne wurde 1945 in der Anstalt Großschweidnitz umgebracht, Opfer des Hunger-Luminal-Schemas, das der Psychiater Hermann Paul Nitsche entwickelt hatte. Eufinger machte im Dritten Reich wie auch in der DDR Karriere, siedelte auf seine alten Tage in den Westen um und starb hoch verehrt. Nitsche wurde in dem berühmten Dresdner Prozess gegen Ärzte und Pflegepersonal sächsischer Pflegeanstalten zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet – einer der wenigen Fälle, in denen ein ärztlicher Krankenmörder strafrechtlich büßen musste.
Schreiber befragte den Maler Richter nach seinen Erinnerungen und Gefühlen, besuchte Wohnorte und alle Anstalten, die Marianne durchlaufen und durchlitten hatte. Der Reporter liebt die Details, auch die nebensächlichen wie Verkehrsverbindungen und Wohnungsmieten, und so entsteht ein Puzzlebild der Vergangenheit. Häufig greift der Autor zu Mutmaßungen und kühnen Interpretationen, wie es Marianne oder deren Angehörigen zumute gewesen sein müsse. Hin und wieder gelingen ihm so dichte Bilder. In die Geschichten sind die nüchternen Fakten eingeflochten: zur Familiengeschichte der Richters und Eufingers, zur Zwangssterilisation, zum Krankenmord in der Nazizeit, zu den willfährigen Gehilfen. Am Ende ahnt der Leser, wie vernetzt die Biografien von Opfern und Tätern und den vielen Unwissenden oder Halbwissenden gewesen sein mögen. Und er bekommt eine Vorstellung von der Verlassenheit der jungen Frau Marianne, die den Institutionen nicht entrinnen konnte.
Ein krankes Mädchen, das der NS-Euthanasie zum Opfer fiel, ist auch die Leitfigur in Krischers spannendem Buch über die Pflegeanstalt Schönbrunn des Ordens der göttlichen Vorsehung. Die eigentliche Leitfigur ist freilich Josef Steininger, der von 1917 bis 1962 deren geistlicher Leiter und Direktor war. Der Prälat Steininger wurde nach dem Krieg zu einem Säulenheiligen kirchlichen Widerstands gegen die NS-Untaten erhoben. Krischer zerstört das Standbild. Seiner Meinung nach geht die Überhöhung Steiningers auf dessen eigene, nach der NS-Zeit verfasste Rechtfertigungsschrift zurück, und die sei kunstvoll manipuliert. Krischer vergleicht Steiningers Schrift mit einer Fülle von Gegenakten und beschreibt sorgfältig das Umfeld der brau-nen Gesundheitsverwaltung in Bayern. Hier arbeitet er vor allem die Rolle von Max Gaum heraus, dem Anstaltsreferenten im Innenministerium. Krischer hält ihn für den Organisator des Massenmords an Behinderten in Bayern. Nach dem Krieg kam Gaum ungeschoren davon.
Folgt man Krischers scharfsinniger Analyse, dann hat Steininger es ohne nennenswerten Widerstand zugelassen, dass sämtliche Pfleglinge aus seiner Anstalt abtransportiert wurden. Schönbrunn wurde leer geräumt, um Platz zu haben für Alte aus Münchener Altersheimen, für ein Tbc-Hilfskrankenhaus und die Chirurgie des Nymphenburger Krankenhauses vom Dritten Orden. Die Pfleglinge kamen in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Anfangs diente diese als Zwischenstation für die Vergasungsanstalt Hartheim. Später wurden die Kranken in Eglfing-Haar direkt umgebracht. Steininger und viele andere, so etwa die Verhandlungsführer des Dritten Ordens, hätten gewusst, so der Autor, was mit den abtransportierten Kranken geschehe.
Den Ordensschwestern, die mit den Kranken eng verbunden waren, ging der Verlust der Kinder sehr nahe. Doch Steininger scheint es letztendlich darum gegangen zu sein, Schönbrunn als Anstalt zu retten, und sei es unter neuer Bestimmung.
Schicksalhaft verbunden mit der Schönbrunner Geschichte ist auch Hans Joachim Sewering, ab 1942 Arzt an dem Tbc-Hilfskrankenhaus, der in der Nachkriegszeit eine führende Rolle in der Ärzteschaft spielte. Sewering, der gelegentlich auch als Arzt zu den Schönbrunner Pfleglingen gerufen wurde, überwies 1943 ein 14-jähriges Mädchen nach Eglfing-Haar. In der dortigen „Kinderfachabteilung“ muss sie wie mehr als 300 andere Kinder umgebracht worden sein. Sewering bestreitet bis heute, gewusst zu haben, was in Eglfing-Haar geschah. Krischer vermeidet sorgfältig, Sewering einer Mitwisserschaft oder gar Mitschuld anzuklagen, zitiert auch die Münchner Staatsanwaltschaft, niemandem, also auch nicht Sewering, seien die Kindertötungen bekannt gewesen, erschüttert andererseits aber deren Recherchen.
Wenn es je letzte Klarheit geben sollte, dann vielleicht, wenn sich die Schwestern vom Orden der göttlichen Vorsehung endlich entschlössen, die Akten offen zu legen. Auch Krischer ist (wie der Rezensent vor Jahren) in Schönbrunn gegen eine Wand gelaufen. Norbert Jachertz
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