ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2006Südfrankreich: Malerische Provence – 100. Todestag von Paul Cézanne

FEUILLETON

Südfrankreich: Malerische Provence – 100. Todestag von Paul Cézanne

PP 5, Ausgabe Juli 2006, Seite 321

Sturmhoebel, Elke

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
La Côte Bleue: Die Bucht von Niolon Foto: Elke Sturmhoebel
La Côte Bleue: Die Bucht von Niolon Foto: Elke Sturmhoebel
Der Vergleich hinkt ein bisschen. L’Estaque sehe aus wie eine Spielkarte, schrieb Cézanne im Jahr 1876 seinem älteren Freund Camille Pissaro: „Rote Dächer vor dem blauen Meer.“ Auch sei die Sonne hier so fürchterlich, dass ihm schiene, als ob alle Gegenstände sich als Silhouetten abhöben. Dennoch kam er oft nach L’Estaque, um zu malen. Die Blicke, die sich Cézanne boten – vor allem die Sicht auf die Bucht von Marseille –, existieren so natürlich nicht mehr. 1946 wurde der einst stille Fischerort eingemeindet. Seitdem ist L’Estaque der nördlichste Stadtteil von Marseille, und der Hafen der zweitgrößten Stadt Frankreichs rückt immer näher an das einstige Künstlerdorf heran.
Doch wer weiß: Vielleicht hätten Paul Cézanne die Hafenkräne und Kaianlagen im nunmehr 16. Arrondissement gefallen. Möglicherweise wären sie ihm sogar besonders malerisch vorgekommen. Denn nicht etwa des Lichts wegen hielt sich der gebürtige Provenzale in Südfrankreich auf. Im Gegensatz zu Vincent van Gogh war das gleißende Licht für Cézanne nichts Besonderes. Vielmehr übte die Industriearchitektur von L’Estaque einen eigentümlichen Reiz auf ihn aus. Und so schmiedete Cézanne aus den Schornsteinen der Ziegeleien, den Häusern der Arbeiter, dem mächtigen Eisenbahnviadukt, den grünen Hügeln und dem tintenblauen Meer ganz eigene Kunstwerke.
Mit Vorliebe zerlegte er das Motiv und arrangierte die Bestandteile neu. Mit der Erkenntnis, dass die Natur sich aus geometrischen Figuren zusammensetzt, schuf er neue künstlerische Ausdrucksformen, die sowohl Expressionisten als auch Kubisten beeinflussten. Etwas plakativ geht er als „Vater der Moderne“ in die Kunstgeschichte ein.
Mit Anfang 20 schrieb er sich an der privaten Académie Suisse ein. Dort lernte er auch Pissaro kennen, der ihn zur Freilichtmalerei ermutigte. Um nicht als Soldat eingezogen zu werden, flüchtete er 1870 nach L’Estaque – zusammen mit seiner späteren Frau Hortens Fiquet, einer Buchbindergehilfin, die ihm in der Kunstakademie nebenbei Modell saß. Ein Jahr später, nach Beendigung des Deutsch- Französischen Krieges und Ausrufung der Pariser Kommune, kehrten die beiden nach Paris zurück.
In dem Jahr in L’Estaque entstand „Effet du soir“, „Abendstimmung“, das heute im Louvre hängt. Schon dieses Bild wies eine andere Technik auf als die meisten anderen impressionistischen Werke dieser Zeit, die mit hingetüpfelten Farben die Illusion von flirrendem Licht erzeugen. Cézanne indes erzielte die Kontraste, die Dichte und Dynamik mit breiten, übereinander gelegten Pinselstrichen.
Wenn man in L’Estaque dem „Chemin des Peintres“ folgt, bekommt man eine Ahnung, wie es hier ausgesehen haben mag, als Cézanne, Braque, Raoul Dufy und andere Künstler ihre Staffeleien aufstellten und Skizzenblökke zückten. Auf diesem „Weg der Maler“ zeigen acht Infotafeln die hier entstandenen Bilder, mit Erläuterungen auf Französisch und Englisch. Vor manche Blickachsen haben sich mittlerweile moderne Gebäude geschoben. Andere Motive wiederum haben einen hohen Wiedererkennungswert.
Neben der Kirche, im Haus Nr. 2, wohnte Cézanne während seiner zahlreichen Aufenthalte bis Mitte der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Bäckereien verführen mit „chichis fregis“; die süßen Krapfen sind eine Spezialität von hier. In den Bars am Hafen riecht es nach Pastis und frischen Croissants. Auf dem Wasser schaukeln neben schnittigen Jachten auch bunte Fischerboote. Am Himmel kreist ein Flugzeug zum Landeanflug auf den nahen Flughafen Marseille-Provence.
Cézanne pendelte jahrelang hauptsächlich zwischen Paris, L’Estaque und Aix en Provence. Nachdem er keine öffentliche Anerkennung fand, zog er sich von der Pariser Kunstszene zurück und ging 1890 endgültig nach Aix, wo er 1839 geboren worden war. Immer und immer wieder malte er, wie besessen, den nahen Montagne Sainte-Victoire. Von den 44 Ölgemälden und 43 Aquarellen des Bergmassivs ist jedoch nur eines in Frankreich geblieben. Am 23. Oktober 1906 stirbt Paul Cézanne im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Er war beim Malen in ein Unwetter geraten. Elke Sturmhoebel


Cézanne-Jahr 2006
- Hauptausstellung „Cézanne en Provence“ bis 17. September im Musée Granet in Aix en Provence. Dafür werden 120 Werke aus internationalen Museen und Galerien zusammengetragen. Geöffnet täglich von neun bis 21 Uhr, donnerstags bis 23 Uhr.
- Cézannes Elternhaus „Jas de Bouffan“ ist erstmalig für das Publikum geöffnet. In dem Landsitz aus dem 17. Jahrhundert in Aix verbrachte Cézanne 40 Jahre seines Lebens.
- Das „Atelier des Lauves“ oberhalb von Aix bezog er 1901. Neben der Besichtigung werden dort auch besondere Veranstaltungen geboten. So finden im Juli und August von Mittwoch bis Sonntag „Nuits des toiles“ statt. Die Bildernächte sollen die Welt Cézannes erstehen lassen.
- Ähnlich wie in L’Estaque gibt es auch in Aix en Provence malerische Rundgänge. „Sur les Pas de Cézanne“ führt vom Geburtshaus bis zur letzten Adresse des Künstlers. Ein goldenes „C“ im Straßenpflaster weist den Weg zu den Vierteln und Stätten, wo Cézanne lebte und arbeitete. Eine Broschüre ist im Tourismusamt erhältlich. „Les Paysages de Cézanne“ berührt hingegen die Landschaften, die der Künstler malte. Der Halbtagesausflug im Minibus (auf Französisch und Englisch) kostet 49 Euro.
Auskünfte: Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/M., Telefon: 01 90-57 00 25 (0,62 Euro/Min.), E-Mail: info.de@franceguide.com.
Internetadressen: www.franceguide.com, www.marseille-tourisme.com, www.aixenprovencetourism.com, www.cezanne-2006.com
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema