ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Gesundheitsversorgung in Alaska: Medizin nördlich des Polarkreises

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Gesundheitsversorgung in Alaska: Medizin nördlich des Polarkreises

Schubert, Helga

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LNSLNSLNSLNS In Alaska liegt inmitten der Brooks Range, einem der am wenigsten erschlossenen Gebirge der Erde, das Dorf Anaktuvuk Pass. Die überwiegende Mehrzahl der Einwohner sind Nunamiut-Eskimos. Sie sind Halbnomaden, deren Leben immer noch eng mit der Karibou-Jagd verknüpft ist. Die Ärztin Helga Schubert hat das Gebiet bereist und beschreibt im folgenden Artikel die gesundheitliche Versorgung der abgelegenen 300Seelen-Gemeinde.


Die Nunamiut-Eskimos in Anaktuvuk Pass pflegen die Tradition ihrer Väter. Nach wie vor spielt die KaribouJagd für sie eine zentrale Rolle. Die Tiere liefern ihnen Nahrung, Kleidung und Grundmaterial für ihre Zelte, in denen sie wohnen, wenn sie auf der Jagd sind. Der Erfolgsdruck bei der Jagd ist allerdings nicht mehr so groß wie in früheren Zeiten. Mittlerweile werden die meisten Lebensmittel aus anderen Teilen Alaskas eingeführt. Da Anaktuvuk Pass nur mit dem Flugzeug zu erreichen ist, müssen jedoch alle Güter ein- und ausgeflogen werden. In den Sommermonaten wird das Dorf mehrmals täglich von Fairbanks, seltener auch von Barrow am Arktischen Ozean angeflogen. In der langen Wintersaison gibt es meist nur einmal täglich eine Flugverbindung nach Fairbanks, sofern das Wetter es erlaubt.
Die medizinische Versorgung der knapp 300 Einwohner von Anaktuvuk Pass muß aufgrund der isolierten Lage vor Ort gewährleistet sein. Sie wird vom Health Department des North Slope Borough organisiert, einer Art Genossenschaft, die sich für die Belange der Ureinwohner Nordalaskas einsetzt. Im Dorf gibt es eine kleine Gesundheitsstation (Health Clinic), die aus zwei Räumen besteht. Eine stationäre Behandlung ist dort nicht möglich. Die Station wird von einer Gemeindehelferin (Community Health Aide) betrieben. Rund 90 Prozent dieser Helferinnen sind ortsansässige Frauen. Voraussetzungen für die Ausbildung zur Gemeindehelferin sind ein High-School-Abschluß und ein absolvierter Erste-Hilfe-Kurs. Außerdem müssen die Bewerberinnen die englische Sprache und die der Einheimischen beherrschen. Die theoretische Ausbildung ist in drei Abschnitte gegliedert, die jeweils drei bis vier Wochen dauern. Zwischenzeitlich werden die künftigen Gemeindepflegerinnen entweder in einem Krankenhaus praktisch angelernt, oder sie arbeiten unter Anleitung eines Ausbilders in der Gesundheitsstation ihres Dorfes. Nach eineinhalb bis zwei Jahren wird die Ausbildung mit einer Prüfung abgeschlossen.


Die Gemeindehelferin trägt große Verantwortung
Im Verhältnis zur Kürze der Ausbildungszeit trägt die Gemeindehelferin ein beträchtliches Maß an Eigenverantwortung. Sie behandelt die Patienten in der Regel in der Gesundheitsstation. Ist der Allgemeinzustand des Patienten schlecht, macht sie auch Hausbesuche. In jedem Fall erhebt sie den Befund. Dabei kann sie Routinelaborwerte hinzuziehen, die sie selbständig bestimmen und teilweise auch beurteilen muß. Röntgenuntersuchungen sind im Dorf nicht möglich.
Nach der Befragung und Untersuchung des Patienten nimmt die Gemeindehelferin mit dem Arzt im 250 Meilen entfernten Fairbanks Kontakt auf. Mitunter kommt es vor, daß keine Funk- oder Telefonverbindung zustande kommt, so daß sie beispielsweise in Notfällen selbst über das weitere Vorgehen entscheiden muß. In der Regel legt jedoch der Arzt die weitere Behandlung fest. Er entscheidet auch, ob entsprechend der Schwere des Krankheitsbildes der Transport in ein Krankenhaus, etwa nach Fairbanks, erfolgen sollte.
Wenn medizinisch indiziert, sind Flug und Behandlung für die Nunamiut unentgeltlich. Sie müssen im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsgruppen auch keine Beiträge zur Kran­ken­ver­siche­rung entrichten. Werden die Nunamiut jedoch außerhalb von Anaktuvuk Pass ambulant medizinisch versorgt, müssen sie ihre Unterkunft am entsprechenden Ort selbst finanzieren.


Viermal im Jahr kommt der Arzt vorbei
Für Patienten, die sich aus medizinischen Gründen in Fairbanks aufhalten, gibt es dort das sogenannte Tanana Chiefs Patient Hostel, das, insbesondere für die Ureinwohner Alaskas, günstige Konditionen bietet. Die Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten ist deshalb groß. Ein geplanter Aufenthalt muß vorher bei der Gemeindehelferin des jeweiligen Dorfes angemeldet werden. Zu den Gruppen, die bevorzugt Plätze im Tanana Hostel erhalten, zählen Familienmitglieder von stationär behandelten Kindern, Patienten, die nach einer stationären Behandlung ambulant weiterbetreut werden müssen, mittellose oder alleinstehende Patienten sowie Frauen, die auf die Geburt ihres Kindes warten. Letztere werden ungefähr zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin von Anaktuvuk Pass nach Fairbanks geflogen.
Fairbanks gilt zwar als Metropole des nördlichen Alaska, die Stadt hat jedoch nur rund 30 000 Einwohner. Eine hochspezialisierte medizinische Versorgung ist dort nicht möglich. Patienten, die eine solche Behandlung benötigen, müssen nach Anchorage oder mitunter sogar nach Seattle im US-Bundesstaat Washington gebracht werden.
In regelmäßigen Abständen können Kranke auch in Anaktuvuk Pass einem Arzt vorgestellt werden. Sechsmal im Jahr hält ein auswärtiger Zahnarzt jeweils eine Woche lang seine Sprechstunde im Dorf ab. Viermal jährlich praktiziert ein Arzt aus Fairbanks und dreimal im Jahr einer aus Anchorage für einige Tage in Anaktuvuk Pass. Die Ärzte behandeln nicht nur Kranke, sondern bieten auch prophylaktische Untersuchungen und Immunisierungen an. So hat beispielsweise ein konsequent durchgeführtes Impfprogramm in Anaktuvuk Pass dazu geführt, daß Infektionskrankheiten, insbesondere Tuberkulose, in den letzten Jahren stark zurückgegangen sind.


Das Erbe des weißen Mannes
Historisch betrachtet waren Infektionskrankheiten wie Influenza oder Masern bei den Eskimos unbekannt. Die Erreger wurden erstmals von Einwanderern eingeschleppt. In Verbindung mit schlechten hygienischen Verhältnissen hatte dies verheerende Folgen für die Urbevölkerung. Die Sterblichkeit vor allem an Influenza und Tuberkulose war bis in die 50er Jahre hinein groß, und die Bevölkerungszahlen sanken enorm. Der USPublic Health Service startete aufgrund dessen eine Kampagne zur Bekämpfung der Tuberkulose sowie Hilfsprogramme für die einzelnen Dörfer. In der Folge nahm die Sterblichkeit an Infektionskrankheiten ab. Gleichzeitig sorgte ein "Baby Boom", der unvermindert anhält, für einen raschen Anstieg der Bevölkerungszahlen. Das zeigt sich deutlich am niedrigen Durchschnittsalter der Bevölkerung. Die 270 Einwohner von Anaktuvuk Pass sind im Mittel 18 Jahre alt. Fast die Hälfte von ihnen ist jünger als 16 Jahre.


Drogenfreies Alaska
Wichtiger Bestandteil der medizinischen Betreuung in Anaktuvuk Pass ist die Gesundheitsaufklärung. Zentrale Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das Programm "Tobacco free Alaska", das sich gegen Drogen-, Alkohol- und Nikotinabusus richtet. Bei den Ureinwohnern der polaren Gebiete hat sich der Alkoholmißbrauch zu einem großen Problem entwickelt. Betroffen sind vor allem die Gruppen, die sich von ihrer traditionellen Lebensweise lösen. Mit Einzug der "modernen Lebensweise" ist beispielsweise die Jagd bedeutungslos geworden. Eine alternative Tätigkeit, die auch Anerkennung bietet, gibt es häufig nicht. Der Alkohol bietet so für viele den einzigen Ausweg. Der steigende Alkoholkonsum führt außerdem dazu, daß die Zahl der Unfälle und Suizide ansteigt.
In Anaktuvuk Pass stellt sich die Situation günstiger dar als in anderen Regionen, wie die örtliche Gemeindehelferin berichtet. Das Dorf sei "trocken", was bedeutet, daß es in der Siedlung keinen Alkohol gibt. Seine Einfuhr ist unter Strafe gestellt. Es habe in den letzten Jahren nur selten Probleme mit Alkohol gegeben.
Möglicherweise spielt für diese positive Entwicklung das Festhalten an alten Traditionen, einschließlich der Karibou-Jagd, eine Rolle. Erfolgreiche Jäger gelten in Anaktuvuk Pass auch heute noch als Helden. Trotz technischen Fortschritts und der Möglichkeiten moderner Kommunikation pflegen auch die Jugendlichen die Kultur der Nunamiut, beispielsweise in traditionellen Gesangs- und Tanzgruppen sowie bei der Mitgestaltung des örtlichen Simon Paneak Museums.
Im Museum ist auch eine Bibliothek untergebracht, in der sich Literatur zur Geschichte der traditionellen Medizin der Nunamiut findet. Als eine Art medizinisches Wundermittel galt das Robbenöl. Es wurde sowohl bei Verbrennungen als auch bei Erfrierungen aufgetragen. Das Öl fand Anwendung bei Erkältungskrankheiten, zur Infektionsverhütung und bei abdominellen Beschwerden. Schnee oder Eis wurden bei Prellungen aufgelegt, um Schwellungen zu verhindern, aber auch in den Nacken gepackt, wenn jemand Nasenbluten hatte. Erhitzte Steine legte man bei Muskelverspannungen auf den Rücken. Aderlässe waren in vergangenen Zeiten eine recht häufig angewandte Behandlungsmethode. Bei Kopfschmerzen beispielsweise wurde eine schmale Inzision in der Temporalregion gesetzt, bis es zur Blutung kam. Schmerzen in anderen Körperteilen versorgte man meist durch Inzisionen im betroffenen Bereich. Viele Nunamiut beherrschten diese Methoden.


"Zivilisationskrankheiten" auf dem Vormarsch
Bei tiefen Wunden, etwa durch Jagdpfeile, wurde der Shaman zu Rate gezogen. Dieser entfernte, meist nach Erweiterung der Wunde, den Pfeil. Dem Schmerz versuchte er durch Gesang und Tanz zu begegnen. Eingriffe an den Viszeralorganen führten die Nunamiut nicht durch.
Für die Inland-Eskimos galt harte körperliche Arbeit und das Einhalten einer bestimmten Diät als wirkungsvollstes Mittel zur Erhaltung der Gesundheit. Mit der Übernahme von Lebensgewohnheiten des "weißen Mannes" treten mittlerweile vermehrt Krankheiten wie Diabetes mellitus und Herz-KreislaufErkrankungen auf. Aber auch davon ist, wie die Gemeindehelferin versichert, in Anaktuvuk Pass noch nichts zu spüren.


Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Helga Schubert
Kronenburggasse 27
99084 Erfurt

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