ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2006Deutsche Apotheker- und Ärztebank: Die Zukunft liegt in der Kooperation

POLITIK: Das Interview

Deutsche Apotheker- und Ärztebank: Die Zukunft liegt in der Kooperation

Dtsch Arztebl 2006; 103(28-29): A-1940 / B-1665 / C-1609

Flintrop, Jens; Stüwe, Heinz

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Günter Preuß (61) ist seit 1995 Mitglied im apoBank-Vorstand. Seit 2004 fungiert er als Sprecher.
Günter Preuß (61) ist seit 1995 Mitglied im apoBank-Vorstand. Seit 2004 fungiert er als Sprecher.
Günter Preuß und Günter Herion, Vorstandsmitglieder der „Standesbank“ der Heilberufe, über die wirtschaftliche Situation der Kassenärzte

DÄ: Seit Monaten gehen Tausende niedergelassene Ärztinnen und Ärzte auf die Straße, um gegen die chronische Unterfinanzierung des Gesundheitswesens und zu niedrige Honorare zu protestieren – und die apoBank vermeldet das beste Ergebnis ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte. Wie passt das zusammen?
Preuß: Dass es uns als Bank besser geht als dem Berufsstand, liegt einfach daran, dass wir immer noch wachsen. Die Zahl unserer Kunden hat sich im vergangenen Jahr weiter um 12 000 auf 289 000 erhöht. Damit einher ging eine entsprechende Ausweitung des Darlehensneugeschäfts. Inzwischen haben wir einen Marktanteil von 60 Prozent bei den Heilberufen, der Anteil an den Existenzgründungsfinanzierungen ist noch etwas höher.

DÄ: Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?
Preuß: Viele Banken haben die Branchenampel für Heilberufe auf Rot gestellt. Sie finanzieren kaum noch Existenzgründungen von Ärzten, weil sie sich sagen: „Wir wissen nicht, wie es bei den Ärzten weitergeht, also gehen wir kein Risiko ein.“

DÄ: Das hieße im Umkehrschluss, dass Sie sehr wohl wissen, wie es mit der Branche weitergeht.
Günter Herion (44) verantwortet seit 2003 als Vorstandsmitglied das Risikomanagement der apoBank. Fotos: Manfred Hermes
Günter Herion (44) verantwortet seit 2003 als Vorstandsmitglied das Risikomanagement der apoBank. Fotos: Manfred Hermes
Preuß: Wir sind eine Nischenbank, die sich auf den Heilberufssektor konzentriert. Dies verschafft uns einen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern. Denn wir haben den Branchenvergleich, die Benchmarks: lokal, regional, landes- und bundesweit.
Herion: In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass es sich bei den meisten Finanzierungen um Praxisübernahmen handelt – das heißt, in der Regel kennen wir als Bank den Standort bereits. Unter Berücksichtigung der Vorgängerzahlen können wir dann recht gut beurteilen, ob für diese Fachgruppe dieser Standort mit diesem Patientenstamm und der Qualifikation des Arztes, der sich da bewirbt, erfolgreich sein kann. Wir können abschätzen, wie hoch der Umsatz mindestens sein muss, damit der Arzt seine Familie versorgen und den Kredit bedienen kann.
Preuß: Und vor allem kennen wir den Gesamtumsatz der Praxis, also sowohl den GKV- als auch den PKV-Umsatz. Denn obwohl nur zehn Prozent der Deutschen privat krankenversichert sind, machen die Privatliquidationen heute durchschnittlich bereits rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes einer Arztpraxis aus.

DÄ: Stichwort Privatpatienten. Inwiefern nimmt die apoBank im Vorfeld einer Existenzgründung Einfluss darauf, dass der Arzt möglichst viele privat abrechenbare Leistungen erbringt?
Preuß: Wir gehen da sehr aktiv vor und predigen in unseren Existenzgründerseminaren die Bedeutung von individuellen Gesundheitsleistungen für den Praxiserfolg. Ich möchte betonen: Es widerspricht nicht ethischen Grundsätzen, IGeL anzubieten. Denn wer als Arzt nicht wirtschaftlich arbeitet, muss die Praxis schließen und kann letztlich niemandem mehr helfen – und seiner Familie schon gar nicht.

DÄ: Welche Tipps geben Sie dem Arzt darüber hinaus mit auf den Weg, damit seine Praxis wirtschaftlich erfolgreich ist?
Preuß: Entscheidend ist die Frage: Wie lassen sich Kosten sparen, ohne die medizinische Qualität zu verschlechtern? Wir raten den Ärzten dringend dazu, mit anderen Ärzten zu kooperieren. Ärzte, die miteinander kooperieren, haben eine günstigere Kostenstruktur als Einzelkämpfer. Der gemeinsame Empfang, die Nutzung eines gemeinsamen Gerätepools und auch eines gemeinsamen Mitarbeiterpools: das spart einfach Kosten.

DÄ: Stirbt die Einzelpraxis aus?
Preuß: Nein. Dennoch liegt die Zukunft in der Kooperation: Medizinische Versorgungszentren, Gemeinschaftspraxen, Ärztehäuser. Man wird die Entwicklung hin zu kooperativen Versorgungsformen allerdings stärker bei Fach- als bei Hausärzten und stärker in Ballungszentren als auf dem Land beobachten.

DÄ: Zurück zur schlechten wirtschaftlichen Situation vieler Arztpraxen: Hat die Zahl der Ärzte, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können, zugenommen?
Herion: Die Zahl der Insolvenzen ist bei Ärzten immer noch sehr niedrig – viel niedriger jedenfalls als bei anderen Mittelständlern. Ungeachtet des nach wie vor sehr niedrigen Niveaus hat sie sich in den vergangenen Jahren allerdings deutlich erhöht. Absolut betrachtet ist die Zahl der Insolvenzverfahren aber weiterhin sehr gering.

DÄ: Etwas genauer, bitte.
Preuß (links) und Herion im DÄ-Interview
Preuß (links) und Herion im DÄ-Interview
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Herion: Früher konnte man die jährlichen Insolvenzen unserer Kunden fast an einer Hand abzählen. Das hat sich etwas geändert. Heute liegt unsere Ausfallquote bei den Krediten bei etwa 0,25 Prozent. Dies spiegelt aber nicht unbedingt den Gesamtmarkt wider. Denn wir nehmen für uns in Anspruch, den besseren Ausschnitt des Gesamtmarkts im Portfolio zu haben, weil wir mit unserem Know-how das Risiko einer Existenzgründung zielgenauer abschätzen können als die Mitbewerber. Und wir greifen früher ein, wenn sich negative Entwicklungen abzeichnen.
Preuß: Mir ist noch etwas anderes wichtig: Die niedrige Insolvenzquote bei den Ärzten ergibt sich vor allem auch daraus, dass sehr viele Ärzte zunächst auf ihr Privatvermögen zurückgreifen, bevor sie Insolvenz anmelden. Wenn ein Arzt sein Familienvermögen aufbraucht, um eine Insolvenz abzuwenden, dann heißt das nicht, dass er gut verdient. Das wird oft verwechselt. Die Zahl der Insolvenzen ist noch nicht weltbewegend, aber die Zuwachsraten sind durchaus erschreckend.

DÄ: Wie gut ist der durchschnittliche Arzt über die finanzielle Situation seiner Praxis informiert?
Herion: Die erfolgreichen Ärzte wissen in der Regel über ihre wirtschaftliche Lage Bescheid. Diejenigen, die bei ihrer Tätigkeit die ethischen Werte in den Vordergrund rücken und sich um andere Dinge kaum kümmern, sind nicht so informiert. Aber da setzt ja genau die unterstützende Funktion der Bank an.

DÄ: Das heißt?
Herion: Da alle Existenzgründer auch ihre Hauptbankverbindung bei der apoBank haben, sind wir immer über die Liquidität eines Arztes informiert. Denn die 190 000 Kreditkunden werden mit Ratingsystemen ausgewertet. Das funktioniert wie ein Frühwarnsystem: Droht Gefahr, so erhält der Kundenberater den Hinweis, sich die Kontobewegungen des betreffenden Arztes genauer anzuschauen und ihn zu kontaktieren, um gemeinsam gegenzusteuern.

DÄ: Was ändert sich für den Arzt, wenn Ende 2006 die Eigenkapitalrichtlinien für die Banken – Stichwort Basel II – in Kraft treten?
Herion: Der einzelne Arzt sollte vor allem eine offene Informationspolitik gegenüber seiner Bank betreiben. Denn keine Information ist immer schlechter als eine schlechte Information. Liegen uns keine Informationen über das Praxisgeschehen vor, so bewerten wir das in unserer Ratingbeurteilung immer noch schlechter als eine Information, die kritisch ist.

DÄ: Wie sollte der Arzt vorgehen?
Herion: Wir benötigen vor allem betriebswirtschaftliche Auswertungen und regelmäßige Informationen über den Vermögens- beziehungsweise Schuldenstatus des Arztes. Das ist einfach zu machen. Die meisten Heilberufler arbeiten sowieso mit einem Steuerberater zusammen. Liegen uns Steuerberatervollmachten vor, so kann der Kontakt direkt zwischen Steuerberater und Bank laufen. Der Arzt wird entlastet.

DÄ: Und warum sollte ein Arzt so offenherzig gegenüber seiner Bank sein?
Herion: Jede Informationslücke schadet letztlich dem Arzt, zum Beispiel weil die Bank in bestimmten Situationen weniger finanzierungsbereit ist. Logisch ist auch, dass die Kreditkonditionen entsprechend dem angenommenen Risiko schlechter ausfallen, als wenn der Bankberater die volle Transparenz über das Praxisgeschehen hat.

DÄ: Eine letzte Frage: Besonders in den neuen Bundesländern haben Ärzte, die sich zur Ruhe setzen wollen, zunehmend Probleme, ihre Praxis zu verkaufen. Welche Gründe sehen Sie für dieses schwindende Interesse an der Tätigkeit als Freiberufler?
Preuß: Dafür gibt es aus meiner Sicht drei Gründe: die schlechte Bezahlung, die schlechten Arbeitsbedingungen und vor allem die überbordende Bürokratie. Die ärztliche Leistung innerhalb der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung wird immer schlechter bezahlt. Dabei sind die Arbeitsbedingungen, besonders als Hausarzt auf dem Land, miserabel. Als Landarzt müssen Sie nachts wegen eines Bauchzwickens raus und bekommen dies kaum vergütet. Da gehört eine Menge Idealismus dazu. Und dann die Bürokratie: Die DMP-Programme sind ein bürokratisches Monster. Viele Ärzte sind auch genervt von der Praxisgebühr und natürlich von den Dokumentationsvorschriften. Wir beobachten, wie Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren nahezu aufblühen, weil es dort eigene Stellen für die Verwaltungsarbeit gibt.
DÄ-Fragen: Jens Flintrop, Heinz Stüwe

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