ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/200616. Sächsischer Ärztetag: Schwarzer Peter wieder bei den Ärzten

POLITIK

16. Sächsischer Ärztetag: Schwarzer Peter wieder bei den Ärzten

Dtsch Arztebl 2006; 103(28-29): A-1944 / B-1668 / C-1612

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Der 16. Sächsische Ärztetag hat das Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz scharf kritisiert und eine umfassende Überarbeitung gefordert.

Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik und Ärzteschaft
Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik und Ärzteschaft
Seit Jahren sind die steigenden Arzneimittelkosten ein Reizthema in der gesundheitspolitischen Diskussion. Das Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) mit der Bonus-Malus-Regelung bringt nun für die verordnenden Vertragsärzte eine ganz neue Brisanz mit sich. Das Gesetz belaste in einer unverantwortlichen Form die Arzt-Patienten-Beziehung. Die Folgen für die Versorgungsqualität und eine weitere Bürokratisierung seien nicht absehbar – darin waren sich die Delegierten des 16. Sächsischen Ärztetages am 23. und 24. Juni in Dresden einig. Das Ärzteparlament forderte daher eine umfassende Überarbeitung des AVWG.
Plädoyer gegen die Bonus-Malus-Regelung: Kammerpräsident Jan Schulze. Foto: Bernhard Eifrig
Plädoyer gegen die Bonus-Malus-Regelung: Kammerpräsident Jan Schulze. Foto: Bernhard Eifrig
„Die Bonus-MalusRegelung muss wieder aufgehoben werden“, forderte Prof. Dr. med. habil. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Diese werde nicht die Ausgaben senken, sondern nur Unfrieden in den Praxen schaffen. Es handle sich zudem um einen ungekannten Angriff auf die ärztliche Therapiefreiheit. „Das AVWG ist lediglich der Versuch, staatliche Rationierung zu kaschieren“, kritisierte Schulze. Für Kammer-Vizepräsident Dr. med. Stefan Windau ist das neue Gesetz ebenfalls nicht hinnehmbar: „Ich erkenne die Not der Politik, aber ich akzeptiere nicht, dass dem Arzt wieder der Schwarze Peter zugespielt wird.“ Schließlich müsse der Arzt vor den Patienten begründen, warum er gewisse Arzneimittel nicht mehr verordnen könne. Windau plädierte für eine Positivliste als einzig praktikables Instrument. Diese sei mithilfe des Sachverstandes der Ärzteschaft zu erstellen. „Statt Stückwerk und technisch mehr oder weniger guter Gesetze muss endlich festgelegt werden, was bezahlt wird“, forderte er. Um dies zu erreichen, müsse sich die Politik gegen die Pharmaindustrie durchsetzen. Auch Schulze wies darauf hin, eine Positivliste sei bislang durch den Druck der Pharmalobby verhindert worden. Zudem kritisierte er die Preispolitik der Arzneimittelhersteller. „Bei allem Willen, das Verordnungsverhalten ökonomisch sinnvoll auszurichten, kann die Ärzteschaft nicht dafür haftbar gemacht werden, dass die Arzneimittelpreise in Deutschland inklusive Generika höher als in vielen anderen Ländern sind“, kritisierte Schulze.
Ulrich Dietz, Leiter des Referats Arzneimittelversorgung im Bundesministerium für Gesundheit, verteidigte hingegen das AVWG. Das Gesetz sehe beispielsweise eine Zuzahlungsbefreiung für Arzneimittel vor, wenn deren Preis 30 Prozent unter dem Festbetrag liege. Schon jetzt habe diese Regelung zu ganz erheblichen Preissenkungen bei den Generika geführt. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass so viel Luft in diesen Preisen ist, aber das war offensichtlich der Fall“, sagte er. Doch Dietz konnte die Delegierten mit seinen Ausführungen nicht so recht überzeugen. „Und wer zahlt dann meinen Regress: die Pharmaunternehmen oder die Politiker, die erst jetzt die Luft aus den Preisen gelassen haben?“, so der Einwand von Vorstandsmitglied Dr. med. Steffen Liebscher.
Die Delegierten waren sich einig: Das AVMG muss umfassend überarbeitet werden. Fotos (2): Sächsische Landesärztekammer
Die Delegierten waren sich einig: Das AVMG muss umfassend überarbeitet werden. Fotos (2): Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer
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„Ein wichtiger Grund für den Anstieg der Arzneimittelkosten ist die gigantische Werbemaschinerie der Pharmaindustrie“, betonte Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen. Er appellierte an die Verantwortung der Ärzte für eine rationale Arzneimitteltherapie. Eckpunkte sind dabei für ihn eine fundierte wissenschaftliche Grundlage bei optimaler Ausbildung und klinischer Erfahrung des Arztes, die ihm eine individuelle Anwendung im Einzelfall ermöglicht. Eine rationale Medikamentenversorgung müsse allerdings auch aus ökonomischer Sicht vernünftig sein.
Gravierende Defizite sieht Müller-Oerlinghausen nach wie vor in der Implementierung von Leitlinien. Zu diesem Ergebnis sei auch das Deutsche Leitlinien-Clearingverfahren 1999–2005 gekommen. Demnach ist es beispielsweise noch nicht gelungen, Basiswissen zu Therapie und Diagnostik der Hypertonie mithilfe von Leitlinien so zu vermitteln, dass es im individuellen ärztlichen Handeln aktiv verfügbar ist. Die Gründe dafür seien unklar. Vielfach, so Müller-Oerlinghausen, würden Leitlinien nach wie vor grundsätzlich missverstanden, etwa als „Kochbuchmedizin“. „Leitlinien geben prototypische Empfehlungen, sie können nicht jeden Behandlungsfall abbilden“, erklärte er. Eine leitliniengestützte Therapie stoße dort auf ihre Grenzen, wo die Datenlage unzureichend sei. Ebenso problematisch sei eine strikte Auslegung beispielsweise bei Multimorbiden, die unter Umständen dem Patienten und der Solidargemeinschaft schaden könne. Eine individuelle Abwägung der Therapieentscheidung sei allerdings nicht mit einer Beliebigkeit zu verwechseln. Die Pharmakotherapie sei ein wichtiges Feld für die Versorgungsforschung, so der Ausblick Müller-Oerlinghausens für die Zukunft. Dr. med. Birgit Hibbeler

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