ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2006Gerinnungsstörungen Auf die Anamnese kommt es an

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Gerinnungsstörungen Auf die Anamnese kommt es an

Strauß, Jochen; Becke, Karin; Schmidt, Jürgen

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LNSLNS Normale Laborparameter vor HNO-Operationen im Kindesalter schließen Gerinnungsstörungen nicht aus.

Die Diskussion um die Notwendigkeit einer Analyse der Blutgerinnung vor einer geplanten operativen Entfernung der Gaumen- und/oder Rachenmandeln im Kindesalter ist ein Evergreen auf vielen Kongressen. Als „Pro“-Argument werden weniger wissenschaftliche Gründe angeführt, sondern vielmehr Ängste vor forensischen Konsequenzen. Eine klare Stellungnahme vonseiten der Berufsgesellschaften schien längst überfällig. Diese sieht wie folgt aus:
- Die routinemäßige präoperative Bestimmung der Gerinnungsglobalteste Quick und PTT sowie der Thrombozytenzahl schließt Gerinnungsdefekte nicht sicher aus.
- Eine sorgfältige Anamnese ist daher zwingend und darf nicht nur aus der (einfachen) Frage nach früheren Blutungen bestehen.
- Die Blutungsanamnese von Vater und Mutter muss zusätzlich erhoben werden, da sich wesentliche Hinweise erst daraus ergeben.
Nach einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung (Klin Pädiatr 2005; 217: 20–24) hat die sorgfältige Anamnese eine höhere Sensitivität und Spezifität für die Aufdeckung bis dahin unbekannter Störungen der Blutgerinnung als eine routinemäßig durchgeführte Bestimmung von Quick, PTT und Thrombozytenzahl.
Viele pathologische Gerinnungswerte haben darüber hinaus ihre Ursache in technischen Problemen während der Abnahme, des Probentransportes und der späteren laborchemischen Analyse. Bei infektanfälligen Kindern finden sich – bedingt durch unspezifische Gerinnungsinhibitoren – häufig pathologische Werte für die PTT, die aber klinisch nicht relevant sind. Durch eine Gerinnungsanalyse sind chirurgische Blutungen weder vorherzusagen noch zu verhindern. Und die häufigste angeborene Gerinnungsstörung im Kindesalter, das Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom, ist durch globale Gerinnungstests wie Quick und PTT nicht sicher zu erfassen.
Die Experten wiesen darauf hin, dass die Anamnese gewissenhaft und strukturiert erhoben werden muss, wenn sie eine laborchemische Analyse der Blutgerinnung als Screeningverfahren ersetzen soll. Einen Leitfaden hierfür gibt die Tabelle wieder. Dieses Procedere wird ausdrücklich empfohlen. Die Gerinnungsanamnese sollte bei jedem Patienten im Rahmen der präoperativen Vorbereitung durch den Operateur erhoben werden. Erst bei einer auffälligen Anamnese erfolgt eine Basisdiagnostik (Thrombozytenzahl, Quick- beziehungsweise Prothrombinzeitwert, partielle Thromboplastinzeit und Fibrinogen sowie eine Diagnostik zum Ausschluss eines Von-Willebrand-Jürgens-Syndroms). Zur Abklärung seltener Defekte der Blutgerinnung durch eine differenzierte Diagnostik ist es sinnvoll,
einen auf die Gerinnung spezialisierten Wissenschaftler hinzuzuziehen.
Prof. Dr. med. Jochen Strauß
Dr. med. Karin Becke Dr. med. Jürgen Schmidt

Für den Wissenschaftlichen Arbeitskreis Kinderanästhesie der DGAI

Anschrift für die Autoren:
Prof. Dr. med. Jochen Strauß
Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin
HELIOS Klinikum Berlin
Hobrechtsfelder Chaussee 100, 13122 Berlin
E-Mail: jstrauss@berlin.helios-kliniken.de


Der Wissenschaftliche Arbeitskreis Kinderanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (DGAI) hat nach Verständigung mit der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNOKC) und der Gesellschaft für Thrombose und Hämostaseforschung (GTH) am 30. September 2005 ein Expertensymposium in Weinböhla durchgeführt, auf dessen Basis die Empfehlungen zur Anamnese von Gerinnungsstörungen entstanden sind.

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