ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2006PACS – Picture Archiving and Communication System: Abschied von der „Bildertüte“

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PACS – Picture Archiving and Communication System: Abschied von der „Bildertüte“

Dtsch Arztebl 2006; 103(28-29): A-1949 / B-1672 / C-1616

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Im Universitätsklinikum Heidelberg können die Ärzte auf das europaweit größte, vollständig digitale Bildarchivierungssystem zugreifen. Röntgenfilme und Lichtkästen haben ausgedient.
Blick in das Herzkatheterlabor des Universitätsklinikums Heidelberg. Fotos: Medienzentrum Universitätsklinikum Heidelberg
Blick in das Herzkatheterlabor des Universitätsklinikums Heidelberg. Fotos: Medienzentrum Universitätsklinikum Heidelberg
An den Herzkatheterarbeitsplätzen in der interventionellen Kardiologie des Universitätsklinikums Heidelberg herrscht konzentrierte Stille: Über die Monitore im leicht abgedunkelten Vorraum verfolgen die Mitarbeiter die Untersuchungen im Labor. Von den Aufnahmegeräten werden die digitalen Bilder direkt über das Hochgeschwindigkeitsnetzwerk des Klinikums zum zentralen Datenspeicher transportiert und dort im PACS (Picture Archiving and Communication System) dauerhaft archiviert. „Wir können die unterschiedlichen Untersuchungsmodalitäten zu einem Patienten kombinieren. Röntgenbilder oder -filme des Herzens und Kernspinaufnahmen werden im selben System verarbeitet und stehen teilweise auf demselben Bildschirm zur Verfügung“, erläutert Prof. Dr. med. Thomas Dengler. „Außerdem sind die Bilder mit der elektronischen Krankenakte verknüpft. Aktuelle Befunde lassen sich so beispielsweise mit Vorbefunden vergleichen.“
Die Diagnostik im Labor umfasst neben dem Herzkatheter unter anderem EKG, die Überwachung von Sauerstoffsättigung, Pulsfrequenz, Blutdruck und Atemfunktion, Herzultraschall sowie zusätzlich ein Kardio-MRT (Magnetresonanztomograph). „Die Kardiologie mit der komplexen Diagnostik ist der weitaus anspruchsvollste Bereich für die Einbindung in ein PACS“, erklärt Prof. Dr. med. Björn Bergh, Leiter des Zentrums für Informations- und Medizintechnik. Er ist verantwortlich für die Umsetzung des europaweit umfassendsten PACS, das seit 2003 stufenweise in Heidelberg eingeführt wurde. Vor allem die Vielzahl zu integrierender Schnittstellen hat dem IT-Experten und Radiologen manches Kopfzerbrechen bereitet. Inzwischen werden die Daten aus sämtlichen bildgebenden Geräten der diagnostischen Radiologie, der Neuroradiologie, der Kinderradiologie, der Nuklearmedizin und Strahlentherapie sowie der Kardiologie digital im PACS abgelegt. „Wir arbeiten in Heidelberg jetzt vollständig digital – ohne Röntgenfilme. Viele Universitätskliniken haben zwar ein PACS eingeführt, sind aber nicht unbedingt filmfrei“, erklärt Bergh. Insgesamt sind in das System rund hundert bildgebende Geräte, darunter Röntgen, CT, Kernspintomographie und Ultraschall, eingebunden. Es gibt 150 spezielle Befundungs- und Bildschirmarbeitsplätze. Berechtigte Nutzer können die digitalen Bilder innerhalb von Sekunden gleichzeitig an verschiedenen Orten aufrufen. Die Bilddaten werden über einen Web-Server verteilt und sind über einen Web-Browser (Internet Explorer) darstellbar.
Durch die jährlich rund 300 000 Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren entsteht die riesige Datenmenge von 15 Terabyte (TB). Dennoch sind sämtliche Daten stets online verfügbar und können – entsprechend der rechtlichen Vorgaben – bis zu 30 Jahre lang gespeichert werden. Die Gesamtspeicherkapazität des PACS von derzeit 108 TB wird dafür nach Bedarf weiter ausgebaut.
Großer Nutzen in der Routine
Bei der Einführung des PACS sei es nicht um Rationalisierungsmaßnahmen gegangen, betont der Leiter des Lenkungsausschusses PACS, Prof. Dr. med. Stefan Meuer, sondern „um die Verbesserung der Qualität der radiologischen Leistungen in der Patientenversorgung“. Dieses Ziel habe man erreicht. So sei die Kommunikation mit externen Partnern, wie zum Beispiel niedergelassenen Ärzten, einfacher. Gleichzeitig konnten die Wartezeiten der Patienten um 55 Prozent verkürzt werden. Einsparungen ergeben sich vor allem durch die Abschaffung der Röntgenfilme. Auf der Ausgabenseite stehen jedoch rund acht Millionen Euro Investitionskosten für das PACS, verteilt über einen Zeitraum von sechs Jahren bis 2008. Dann ist aufgrund der rapiden technischen Entwicklung bereits die Modernisierung des Systems fällig.
Mit der Installation eines digitalen Röntgen-Archivierungssystems müssen die Arbeitsprozesse in der Radiologie – von der Patientenanmeldung bis zur Leistungserfassung – völlig neu strukturiert werden. Das betont Prof. Dr. med. Günter Kauffmann, Geschäftsführender Direktor der Radiologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg. „Die Einführung des Systems hat die Organisation und Qualität erheblich verbessert“, meint Kauffmann. Durch die elektronische Vernetzung der Ärzte und Kliniken mit dem PACS konnte die Schnelligkeit der Befundung wesentlich erhöht und die Leistung bei gleichem Personal um 27 Prozent gesteigert werden.
Im Gegensatz zur Arbeit mit herkömmlichen Filmen können die Bilder nicht mehr verloren gehen, weil sie redundant gespeichert werden. Das aufwendige Suchen oder Abholen von Bildern entfällt, ebenso die teure Archivierung und Verwaltung. Über ein zentrales Patientenmanagement können die klinischen Abteilungen ihre Radiologie-Patienten direkt zur Untersuchung einbuchen – eine große Entlastung für die MTAs.
Mehr Kommunikation
Positiv wirkt sich die Einführung des PACS auch auf die Zusammenarbeit der Ärzte untereinander aus. Weil die Röntgenbilder klinikweit parallel am Computer zur Verfügung stehen, können Röntgenbesprechungen kurzfristig am Telefon oder per Beamer in interdisziplinären Konferenzen stattfinden. „Seit der Einführung des PACS hat sich deshalb die Zahl der klinisch-radiologischen Konferenzen vervielfacht“, erklärt Kauffmann. Damit sei allerdings ein erheblicher logistischer Aufwand verbunden.
Die Qualität der Befundung gewährleistet ein Tutorsystem: Jedem radiologischen Assistenzarzt steht ein Oberarzt oder Chefarzt zur Seite, der die Befunde elektronisch signieren und freigeben muss. Befund und Bild sind durch die Vernetzung unmittelbarer Kritik zugänglich. Offene Befunde lassen sich leichter überwachen; die Zeitauslastung ist über das Radiologieinformationssystem jederzeit abrufbar.
Bilder, die Patienten aus externen Einrichtungen in die Klinik mitbringen, werden eingescannt und in die Patientenakte integriert. Darüber hinaus kann der Patient seine Befunde auf einer CD mitnehmen und dem niedergelassenen Arzt für die Nachbetreuung übermitteln.
Röntgenbilder lassen sich – gut sichtbar – auf dem mobilen Visitenwagen abrufen.
Röntgenbilder lassen sich – gut sichtbar – auf dem mobilen Visitenwagen abrufen.
Das medizinische Personal kann nicht nur von stationären PCs auf die Bilder zugreifen, sondern auch während der Visite. Hierfür wurden alle Stationen der Heidelberger Medizinischen, Chirurgischen und Kopfklinik mit einem Funknetz (WLAN) ausgestattet. Dadurch lassen sich dort Bilder und Daten auch mit mobilen Geräten, wie etwa Laptops und Tablet-PCs, aufrufen. Gleichzeitig wurden mobile Visitenwagen mit extra großen Monitoren erprobt, auf denen selbst anspruchsvolle Röntgenbilder gut darstellbar sind. So kann bei großen Visiten jeder – die Patienten inbegriffen – die Bilder sehen.
Auch von außerhalb des Klinikums können Ärzte, die sich zuvor mittels starker Authentifizierung als zugangsberechtigt ausweisen müssen, medizinische Bilddaten verschlüsselt (per SSL) über das Internet abrufen. Das verschafft Ärzten, die Rufbereitschaft haben, zum Beispiel die Möglichkeit, Röntgenbilder anzusehen und mit ihren Kollegen im Klinikum zu besprechen, ohne dafür extra ins Klinikum kommen zu müssen.
Zeitgleich mit dem PACS wurde außerdem eine Teleradiologie-Lösung eingeführt, über die Kooperationspartner des Klinikums standardisiert mittels verschlüsselter E-Mails Bilduntersuchungen zur Begutachtung an die Spezialisten in Heidelberg senden können.
Austausch mit der Forschung
Seit kurzem ist auch das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) im Rahmen der Zusammenarbeit im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in das Netzwerk eingebunden. Ziel sei es, die multidisziplinäre Versorgung von Krebspatienten künftig noch enger mit der Krebsforschung zu verknüpfen, damit Ergebnisse aus der Forschung schneller beim Patienten ankämen, erläutert Prof. Dr. med. Hans-Ulrich Kauczor, Leiter der Abteilung Radiologie im DKFZ. Der Zugriff auf eine gemeinsame Datenbasis über das PACS ist hierzu ein wichtiger Schritt, von dem Forscher, Ärzte und Patienten profitieren. Einerseits ist es jetzt möglich, neue radiologische Strategien im Krebsforschungszentrum zu erproben und Daten für die klinische Versorgung an das Klinikum zu übermitteln, etwa wenn Patienten im NCT in eine wissenschaftliche Studie aufgenommen werden. Andererseits kann das DKFZ auf Daten, die bei radiologischen Untersuchungen eines Patienten im Klinikum gewonnen wurden, für die Planung einer speziellen Strahlentherapie zugreifen.
Durch den Zugriff auf Ausgangsbefunde, die im Zentrum oder an anderen Kliniken erstellt wurden, können die Ärzte zum Beispiel Größenänderungen eines Tumors im Rahmen einer Therapie besser verfolgen. „Fehlerquellen lassen sich so deutlich verringern“, sagt Kauczor. Ein zusätzlicher Nutzen entsteht für Wissenschaftler dadurch, dass Bilddaten vorhanden sind, die den gesamten Krankheitsverlauf dokumentieren und damit die Auswertung erleichtern.
In den nächsten Ausbaustufen des Systems will man weitere Verfahren, darunter Endoskopie, Mikroskopie und Fotografie, integrieren und zusätzliche Partner, wie zum Beispiel die Thoraxklinik Heidelberg und die Orthopädische Universitätsklinik, einbinden. Darüber hinaus wird die Bereitstellung von klinischen Bildinformationen mittels PACS immer wichtiger für Forschungszwecke, so etwa in der Genomforschung und der Bioinformatik. Heike E. Krüger-Brand
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