ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2006„G-BA und Akupunktur: Der Kaiser ist nackt“ / „Bundes­aus­schuss: Akupunktur als Regelleistung“: Überraschung und Verwunderung

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

„G-BA und Akupunktur: Der Kaiser ist nackt“ / „Bundes­aus­schuss: Akupunktur als Regelleistung“: Überraschung und Verwunderung

Dtsch Arztebl 2006; 103(28-29): A-1953

Michalsen, Andreas; Dobos, Gustav J.

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Die Ergebnisse der Studien ART und GERAC, der größten Akupunkturstudien weltweit, . . . wurden in den renommiertesten Fachjournalen veröffentlicht und sind von der Durchführung her und dem hohen Grad an Wissenschaftlichkeit beispielhaft. Überrascht hat der Kommentar von Till Spiro, der interessanterweise die Notwendigkeit zur Durchführung einer Studie über ein Verfahren, mit dem mittlerweile 26 Prozent aller Deutschen behandelt wurden, infrage stellt. Verwunderung haben die Interpretationsversuche des seiner Meinung nach „wichtigsten Prüfungsgegenstands“, der Untersuchung der spezifischen Wirkung der Akupunktur, ausgelöst. Einem mit den Paradigmen der modernen Wissenschaft vertrauten Arzt sollten die grundsätzlichen Unterschiede zwischen „efficacy“ und „effectiveness“ bekannt sein. Während man im wissenschaftlichen Diskurs für die „efficacy“ „spezifische“ Effekte attributiert, werden die hinzukommenden klinischen Wirkungen als unspezifisch deklariert und die Gesamtwirkung als „effectiveness“ bezeichnet. Nun ergibt sich für weite Felder der Medizin das Problem, dass Studiendaten zunehmend verdeutlichen, dass die unspezifischen Effekte bei der medizinischen Behandlung häufig die maßgeblicheren sind. Für den Patienten ist die „efficacy“ sowieso unwichtig, er wird eine Therapie zu Recht immer nur nach der Gesamtwirkung beurteilen. Aber auch das gesamte ärztliche Handeln und Entscheiden ist auf die gesamte Wirkung, also auf die Effektivität ausgerichtet. Oder wie würde man sich selbst im Krankheitsfalle zwischen einer weniger wirksamen spezifischen und einer hoch wirksamen, aber überwiegend unspezifischen Therapie entscheiden? Was sind aber die Erkenntnisse aus den ART- und GERAC-Studien? In den komplett publizierten ART-Studien war die Akupunktur bei Kniearthrose spezifisch wirksam, bei den Rückenschmerzen fand sich ein Trend zur spezifischen Wirksamkeit und bei den Kopfschmerzen war sie „nur“ unspezifisch wirksam. In den GERAC-Studien war die Akupunktur bei Rücken- und Kniebeschwerden unspezifisch wirksam, aber der konventionellen Therapie überlegen. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat also folgerichtig zwei Indikationen ausgewählt, in denen Akupunktur derzeit das wirksamste Behandlungsverfahren darstellt, das möglicherweise spezifisch wirksam und dazu noch sehr sicher ist. Die Akupunktur hier den Patienten vorzuenthalten ist vom klinischen Standpunkt aus mehr als patientenfern, wenn nicht ethisch bedenklich. Im Sinne der Effektivität und möglicherweise auch der Kosten-Nutzen-Vergleiche müsste sogar der Indikationsbereich Kopfschmerz zugelassen werden . . . Unspezifische Effekte sind nicht sicher unspezifisch, es lässt sich nur feststellen, dass wir derzeit keine ausreichend detaillierten Kenntnisse darüber haben, und es liegt sogar nahe, dass sie letztlich der Summe mehrerer spezifischer Wirkmechanismen entsprechen . . . Es wird folglich eines der wichtigsten wissenschaftlichen Themenfelder der Zukunft sein, die Natur unspezifischer Effekte besser zu verstehen . . . Wir möchten dem Kommentator empfehlen, zunächst mit der erforderlichen Präzision an das Thema heranzugehen und der Unspezifität ärztlichen Handelns etwas tapferer ins Auge zu sehen. Will er dann aber immer noch alle Verfahren aus dem Leistungskatalog herausnehmen oder nicht zulassen, für die kein spezifischer Wirkeffekt bekannt ist, dürfte aus dem gesamten Gebiet der instrumentellen, chirurgischen, physiotherapeutischen und psychosomatischen Ansätze in der neueren Schmerztherapie nicht mehr viel übrig bleiben. Kein gutes Angebot für den Patienten.
Literatur bei den Verfassern
Dr. med. Andreas Michalsen,
Prof. Dr. med. Gustav J. Dobos,
Stiftungsprofessur für Naturheilkunde der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung an der Universität Duisburg-Essen, Abteilung Innere Medizin
und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte,
Am Deimelsberg 34 a, 45276 Essen
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