ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2006Grundlagen der Kariesprophylaxe bei Kindern: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Grundlagen der Kariesprophylaxe bei Kindern: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2006; 103(28-29): A-1971

Pieper, Klaus

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LNSLNS Frau Dr. Schülin-Casonato bezweifelt, dass exzessives Stillen frühkindliche Karies an oberen Schneidezähnen verursachen kann. Dem ist die Übersichtsarbeit von Harris et al. (1) entgegenzuhalten, in der alle Risikofaktoren der frühkindlichen Karies bewertet werden. Die Autoren berichten über einige Studien, die einen klaren Zusammenhang zwischen dem verlängerten (insbesondere nächtlichen) Stillen und einer frühkindlichen Karies herstellen konnten.
In Deutschland sammelte die Arbeitsgruppe um Prof. Wetzel von 1991 bis 2000 umfangreiches Datenmaterial zu den Ursachen des „Nursing-Bottle-Syndroms“ (NBS). Ausgewertet wurden 1 944 NBS-Fälle mit genauen zahnärztlichen Untersuchungsbefunden und ausführlichen Anamnesen (2). 43 Karies-Fälle (2,2 Prozent aller Patienten) waren eindeutig einem verlängerten Stillen zuzuordnen. Die durchschnittliche Stilldauer hatte 23,1 Monaten betragen, wobei 85 Prozent der Mütter nicht nur tagsüber, sondern auch nachts gestillt hatten. Nach unseren Erfahrungen mit NBS-Fällen ist als Hochrisikofaktor anzusehen, wenn Kleinkinder noch im zweiten Lebensjahr im elterlichen Bett schlafen und nachts immer wieder an der Mutterbrust nuckeln.
Selbstverständlich wollten wir mit unseren Ausführungen das Stillen nicht in Misskredit bringen, das wir aus zahnmedizinischer Sicht ausdrücklich befürworten. Allerdings kann sich gesundheitsförderliches Verhalten ins Gegenteil verkehren, wenn „des Guten zu viel getan wird“.
Dr. Bruhn vermittelt den Eindruck, dass Xylit ein „Heilmittel“ gegen Karies und Sorbit im Gegenzug Karies fördernd sei. Dies ist nicht zutreffend.
In einer Übersichtsarbeit diskutierte Van Loveren (3) kürzlich, ob es eine wissenschaftliche Evidenz für einen kariespräventiven und therapeutischen Effekt der Zuckeralkohole gibt. Er folgert:
- Produkte mit Xylit reduzieren bei regelmäßigem Gebrauch stärker die Mutans-Zahlen als Produkte mit Sorbit.
- Das regelmäßige Kauen eines zuckerfreien Kaugummis kann den Karieszuwachs hemmen, unabhängig von der Art des zugesetzten Zuckeralkohols.
- Klinische Studien legen nahe, dass Kaugummi mit Xylit einen größeren kariespräventiven Effekt hat als Kaugummi mit Sorbit.
- Der kariespräventive Effekt der entsprechenden Kaugummis und Süßigkeiten basiert anscheinend auf der Speichelstimulation, allerdings kann ein antimikrobieller Effekt nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Dass orale Mikroorganismen nach einer Adaptationsphase Sorbit abbauen können, ist schon lange bekannt. Diese Adaptation wurde jedoch nur in vitro beobachtet und findet nur statt, wenn außer Sorbit für diese Organismen keinerlei abbaubare Kohlenhydrate angeboten werden. Da unsere Nahrung immer kurzkettige Kohlenhydrate aus den unterschiedlichen Quellen enthält, tritt diese Adaptation in vivo nicht ein und hat keine Relevanz.
In dem Leserbrief wird außerdem suggeriert, die Aktion Zahnfreundlich e.V. fokussiere primär auf die Prüfung und Kennzeichnung sorbithaltiger Produkte. Tatsächlich können alle Produkte, die sich in einem international anerkannten Testverfahren (Plaque-pH-Telemetrie-Test und Erosionstest) als zahnschonend erwiesen haben, das Logo der Aktion Zahnfreundlich erhalten.

Prof. Dr. med. dent. Klaus Pieper
Medizinisches Zentrum für Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde der Philipps-Universität Marburg
Abteilung für Zahnerhaltung
Funktionsbereich für Zahnerhaltung
Georg-Voigt-Straße 3
35033 Marburg
E-Mail: pieper@med.uni-marburg.de

Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Harris R, Nicoll AD, Adair PM, Pine CM: Risk factors for dental caries in young children: A systematic review of the literature. Community Dental Health 2004, 21 (Supplement): 71–85. MEDLINE
2.
Metzler M: Typisierung des Nursing-Bottle-Syndroms (NBS) unter besonderer Berücksichtigung der einseitig verlängerten Stillernährung. Medizinische Dissertation, Gießen 2004.
3.
Van Loveren C: Sugar alcohols: what is the evidence for caries-preventive and caries-therapeutic effects? Caries Res 2004; 38: 286–93. MEDLINE
1. Harris R, Nicoll AD, Adair PM, Pine CM: Risk factors for dental caries in young children: A systematic review of the literature. Community Dental Health 2004, 21 (Supplement): 71–85. MEDLINE
2. Metzler M: Typisierung des Nursing-Bottle-Syndroms (NBS) unter besonderer Berücksichtigung der einseitig verlängerten Stillernährung. Medizinische Dissertation, Gießen 2004.
3. Van Loveren C: Sugar alcohols: what is the evidence for caries-preventive and caries-therapeutic effects? Caries Res 2004; 38: 286–93. MEDLINE

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