VARIA: Feuilleton

Opfer und Täter: Tante Marianne und so weiter

Dtsch Arztebl 2006; 103(28-29): A-1982 / B-1703 / C-1647

Stecker, Heidi

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Der Maler Gerhard Richter und die nationalsozialistischen Euthanasie-Morde

„Tante Marianne“ von Gerhard Richter: Das Bild wurde am 21. Juni für mehr als zwei Millionen englische Pfund bei Sotheby’s versteigert. Foto: Sotheby´s
„Tante Marianne“ von Gerhard Richter: Das Bild wurde am 21. Juni für mehr als zwei Millionen englische Pfund bei Sotheby’s versteigert. Foto: Sotheby´s
Gerhard Richter ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Künstler der Gegenwart. Seit etwa einem Jahr wird ein Aspekt im Werk und in der Biografie von Richter in den Vordergrund gerückt, der Richter-Interessenten zwar punktuell bereits bekannt war, bis dahin aber im Schatten anderer Werke und Werkgruppen gestanden hatte: die Verwicklung von Richters Familiengeschichte in die nationalsozialistischen Verbrechen an Kranken und Behinderten.
Das Gemälde „Tante Marianne“ von 1965, das in diesem Zusammenhang durch ein Buch des Journalisten Jürgen Schreiber (Ein Maler aus Deutschland, Pendo Verlag) sehr bekannt wurde, zeigt im Vordergrund ein Baby, das auf Kissen und Tüchern liegt. Dahinter steht ein lächelndes Mädchen im Look der Dreißigerjahre. Beide Kinder schauen zur Seite. Die in Grau gehaltene private, idyllische Szene zeichnet sich merkwürdig unscharf, wie verwackelt, ab und scheint sich dadurch den Betrachtenden zu entziehen. Das Kleinkind ist Richter selbst im Alter von vier Monaten und das Mädchen Richters Tante Marianne Schönfelder, 14 Jahre alt. Das Gemälde beruht auf einer Fotografie aus dem Jahr 1932.
Opfer der „Euthanasie“
Marianne, die Schwester von Richters Mutter Hildegard Richter, erkrankte wenige Jahre nach dieser Aufnahme an Schizophrenie. Nach einer Begutachtung 1937 wurde sie zunächst in eine Privatklinik, dann 1938 in die Sächsische Psychiatrische Landesanstalt Arnsdorf gebracht und geriet in die tödlichen Mühlen der nationalsozialistischen „Eu-thanasie“-Verbrechen. 1938 zwangssterilisiert, starb sie am 16. Februar 1945 im Zuge der so genannten „wilden Euthanasie“ in der Sächsischen Landesheilanstalt Großschweidnitz.
Richter nutzt als Vorlagen für seine Gemälde oft Fotografien aus Familienalben und aus Zeitungen und Zeitschriften, oft aus den Bereichen Sensation und Politik. Er arrangierte sie zu Tableaus und fasste dieses immense Arbeitsmaterial in seinem Kompendium „Atlas der Fotos, Collagen und Skizzen“ zusammen. Richters Methode, mit Fotografien zu arbeiten, bewirkt Distanzierung. Der Künstler tritt hinter die vermeintliche Handschriftlosigkeit und Unpersönlichkeit der Fotografie zurück. Richter malt zunächst korrekt die Bildvorlagen ab, die er mitunter Jahre nach deren Einverleibung in den „Atlas“ auswählt – aus Gründen, die er in dem Moment oft nicht eindeutig benennen kann. Die Bildmotive werden im Sinne eines Verfremdungseffektes großflächig verwischt und entziehen sich dadurch einem fetischistischen Fotorealismus. Der Betrachter muss sich vielmehr anstrengen, hinter das Geheimnis des Bildes zu kommen. Doch müssen die Motive quasi bildfähig, formal fassbar sein. Im „Atlas“ sammelte Richter beispielsweise Fotografien aus Konzentrationslagern, neben die er dort anders drastische, nämlich pornographische Fotografien stellte, die mediale, scheinbar gleichmacherische Bilderflut zitierend. Aber aus den Fotografien aus den Konzentrationslagern Gemälde zu entwickeln, hielt er für nicht darstellbar, genauer: für von ihm nicht machbar.
Ein weiteres Gemälde Richters, „Herr Heyde“ – auch aus dem Jahr 1965 – weist gleichfalls auf die NS-Euthanasie hin. Wiederum liegt eine Fotografie oder vielmehr ein Zeitungsausschnitt mit einer Fotografie zugrunde. Sie zeigt eine zunächst nichtssagende Situation: einen bieder und durchschnittlich aussehenden Herrn mit Hut und Brille und zwei Polizisten. Die Zeitung meldet die Festnahme des Dr. med. Werner Heyde. Heyde war ein führender „Euthanasie“-Täter. In der BRD praktizierte er jahrelang unter dem falschen Namen Dr. Fritz Sawade, obwohl viele in seinem Umfeld wussten, wer er wirklich war. Seiner Verurteilung durch einen Prozess entzog er sich 1964 durch Selbstmord. Das Gemälde hat Richter gelblich-braun wie vergilbtes Papier eingefärbt. Den Verweis auf die Zeitung ließ er stehen, indem er die Untertitelung der Fotografie mitmalte: „Werner Heyde im November 1959, als er sich den Behörden stellte“.
Scheinbare Willkür
Richter malt ein Opfer, Tante Marianne, und einen Täter, Dr. Heyde. Beide Gemälde folgen im Werkverzeichnis, das Richter selbst scheinbar willkürlich, nämlich nicht streng chronologisch und alles umfassend angelegt und nummeriert hat, dicht aufeinander. „Die Bilder Tante Marianne und Herr Heyde stehen also in einem direkten Dialog miteinander und interpretieren sich gegenseitig, indem sie die familiäre Geschichte in eine historische Dimension einordnen und das verbrecherische System der Nationalsozialisten am individuellen Schicksal erfahrbar werden lassen.“ (Dietmar Elger, Gerhard Richter, 2002) Von Storr nach einem Zusammenhang zwischen „Herr Heyde“ und „Tante Marianne“ befragt, antwortet Richter jedoch: „Es war nicht in meinem Bewusstein. [...] Ich wollte Bilder machen und nicht in das Lager derjenigen kommen,
die irgendetwas anklagen.“ (Robert Storr, Gerhard Richter, Malerei, 2002) Richter sorgt sich nämlich: „Dann wäre die Kunst als eine Aufarbeitung von Zeitgeschichte oder als Sozialarbeit gelesen worden.“ (Elger)
Makabre Faszination
Der 1932 in Dresden geborene Gerhard Richter zählt zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Nachkriegskunst. Nach dem Studium der Malerei in Dresden setzte er 1961 seine Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf fort. 2002 feierte ihn das Museum of Modern Art, New York, anlässlich seines 70. Geburtstages mit der größten, jemals einem lebenden Künstler gewidmeten Ausstellung. Foto: dpa
Der 1932 in Dresden geborene Gerhard Richter zählt zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Nachkriegskunst. Nach dem Studium der Malerei in Dresden setzte er 1961 seine Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf fort. 2002 feierte ihn das Museum of Modern Art, New York, anlässlich seines 70. Geburtstages mit der größten, jemals einem lebenden Künstler gewidmeten Ausstellung. Foto: dpa
In Zusammenhang mit Richters Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus wird häufiger auf das Gemälde „Onkel Rudi“ (1965) verwiesen. Es basiert auch auf einer Fotografie aus Richters Familienbildfundus und zeigt Rudolf Schönfelder, einen Bruder von Richters Mutter, der lächelnd in der Uniform der Wehrmacht posiert. Richter wusste eher vage etwas vom Schicksal seiner ermordeten Tante, die ihm in der Familie als Drohbild vorgehalten wurde. „Immer, wenn ich etwas ausgefressen hatte, hieß es, du wirst noch einmal wie die närrische Marianne.“ Onkel Rudi galt hingegen als strahlendes, charmantes, attraktives Mannsbild. Etwas von dieser makabren Faszination wird auch im Gemälde angedeutet. Der Wehrmachtssoldat „Onkel Rudi“ fiel; es ist nicht bekannt, ob er an Verbrechen beteiligt war. Auch hier thematisiert Richter explizit deutsche Geschichte.
Jürgen Schreiber führt die politisch-historischen Konstellationen in der Familie der ersten Frau Richters, Ema Eufinger, zusammen. Ihr Vater Prof. Heinrich Eufinger war Chefarzt an der Städtischen Frauenklinik Dresden-Friedrichstadt – und SS-Obersturmbannführer. Er vertrat nationalsozialistische Positionen, aber es hätte ihrer nicht bedurft, um – wie viele andere Mediziner – aus sozialdarwinistischen Haltungen heraus Zwangssterilisationen zu befürworten. Er nahm auch selbst solche vor; Marianne Schönfelder war allerdings nicht unter seinen Opfern. In der DDR konnte er nahezu unbehelligt weiter praktizieren, war berühmt und beliebt; in Burgstädt durfte er eine Klinik leiten. Richter meinte in Interviews mit Schreiber, davon zumindest keine bewusste Kenntnis gehabt zu haben.
Während der Fall Heyde ein Beispiel dafür ist, wie unbehelligt in der BRD NS-Täter weiter leben konnten, weist der Fall Eufinger auf einen ähnlichen Umgang mit den Tätern in der DDR hin. Konsequente Strafverfolgung wurde – aus verschiedenen Gründen – nicht betrieben.
Eufinger taucht bei vorgeblich heiteren und unverfänglichen Familienbildern auf. In Richters künstlerischer Darstellung erscheinen sie eher als eine Ironisierung des bürgerlichen deutschen Kleinfamilienlebens („Familie am Meer“ 1964). Mit dem Wissen um Eufingers Vergangenheit lassen sich diese Gemälde als düstere Kommentare zum gewöhnlichen deutschen Täter denken. Insbesondere Richters Familienbilder („Familie“ 1964) werden „mit spezifisch deutscher Nazi-Geschichte aufgeladen und damit um eine wichtige Porträt-Facette bereichert“ (Reinhard Spieler, Gerhard Richter, 2005).
Richter liegt das Psychologisierende von Porträts fern. Er will mit einer Wertung zurücktreten (er ist aber auch kein Pop-Art-Künstler, der Alltagsmaterialien aufwertet) und verbirgt sich lieber als Person hinter seinem Werk. „Die Vorstellung, der Betrachter könne seine Motive als eine Verarbeitung privater Erfahrungen lesen, war ihm jahrelang höchst unangenehm. Subjektive Befindlichkeiten, das war seine Lehre aus dem Informel, sollten in seiner Kunst keinen Platz mehr finden.“ (Elger) Richter meinte zwar einmal „Meine Bilder sind klüger als ich“ – später jedoch gestand er ein, die früher behauptete Indifferenz gegenüber seinen Motiven sei eine Schutzbehauptung gewesen.
Richter vertritt durchaus einen politischen Ansatz, die Motiv- und Sujetsauswahl bezieht sich oft auf Bilder, hinter denen gesellschaftlich relevante Themen und ganze Geschichten stecken. Der Künstler Richter verhält sich prononciert zur deutschen Geschichte, aber er vermeidet absichtsvoll – auch aus seinen Erfahrungen mit zwei deutschen Staaten heraus – ein augenfälliges Statement. Vordergründige politische Kunst ist ihm allein schon wegen der hohen moralischen Aufladung suspekt. Richter fürchtet, dass die Qualität der Kunst, die ja auch in einer großen Komplexität liegt, darunter leidet.
Familiengeschichten
Das Genre der zeitgenössischen Historienmalerei wurde in Deutschland nach 1945 sehr kritisch, wenn nicht gar als erledigt betrachtet. Richter hatte es in der DDR als Propagandamedium kennengelernt, das extrem ideologisch definiert und zur Illustrierung von Doktrinen benutzt wurde. Doch wird diskutiert, ob er eine neue Form des Historienbildes entwickelt habe. „Der ambivalente Charakter von Richters Arbeiten rührt daher, dass sie Historienbilder sind, die die Darstellbarkeit des Historischen problematisieren. Notwendig nimmt die Reflexion dabei ihren Ausgang von der Photographie als dem Medium, das die Form der Präsentation des Historischen entscheidend verändert und damit Status, Praxis und Möglichkeiten der Malerei neu bestimmt hat.“ (Stefan Germer, Ungebetene Erinnerung, 1989)
Gerade Richter weigert sich, sein Werk darauf zu reduzieren, dass ein Künstler sein Innerstes nach außen kehrt. Er meinte zu seinem Interesse an solchen Recherchen: „Da sind Familiengeschichten, die im Nachhinein richtig gestellt und damit verständlicher werden, oder solche, die überhaupt erst ans Licht gebracht werden. Und auf diese Weise können diese Bilder von Tante, Onkel, Vater und so weiter im Nachhinein eine zusätzliche Bedeutung erhalten.“ (Susanne Beyer, Ulrike Knöfel, Der Spiegel 33/2005) Heidi Stecker
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