ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1997O mia donna, kratz mich mal

POLITIK: Die Glosse

O mia donna, kratz mich mal

Walter, Jürgen

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LNSLNS Es muß im Sommer 1993 gewesen sein. Abends nach einem arbeitsreichen Tag im nahen Eichholzwald zeigten sich an Bauch und Oberschenkel eines Waldarbeiters die ersten Pusteln, die bald zu jucken anfingen. Durch das Kratzen schienen sie sich über den ganzen Körper zu verbreiten. Nach acht schlaflosen Nächten war sein Körper mit blutig aufgekratzten Pickeln übersät. Er war aber nicht der einzige, und die Ärzte des schwäbischen Industriestädtchens waren ratlos, denn noch nie war vom Wald so etwas ausgegangen.
Der Waldarbeiter suchte seinen Hausarzt auf, einen bewährten Praktiker, der mit Blick auf die ausgedehnte Pickellandschaft und nach einigem Nachdenken auf Krätzmilben tippte. Er verschrieb das Lindan-Präparat "Jakutin", und angesichts der großen Familie des Patienten - möglicherweise mehrere Quadratmeter zu behandelnde Fläche - gleich eine Klinikpackung mit 1 000 ml. Prompt brachte das "Jakutin" schon am zweiten Tag Linderung. Die Pickel hörten auf zu jucken und trockneten aus, bis nach dem nächsten Waldeinsatz unter Eichen eine neue Generation aufblühte.
Nach zwei Jahren war der Literkolben "Jakutin" nahezu leer. Es tauchten beim Patienten die ersten Zweifel auf, ob es sich wirklich um Krätzmilben handelte, zumal man andernorts für das gleiche Phänomen die Haare der Eichenprozessionsspinnerraupe ausfindig gemacht hatte, aber auch weil Krätzmilben bekanntlich nicht sofort nach dem Anbeißen zu jucken beginnen. Außerdem soll die wöchentliche Ganzkörperbehandlung mit dem DDT-Verwandten Lindan auch nicht so ganz harmlos sein. Aber warum hat "Jakutin" geholfen? Der Wirkstoff konnte es nicht sein, eher die juckreizhemmende Trägersubstanz.
Das ist der richtige Weg: warten bis nach dem nächsten Arbeitstag im Wald, dann zum Hautarzt und ein "Antijucki" ohne Arachnizidzusatz verschreiben lassen. Der Facharzt bebegutachtet die Pusteln, läßt den Patienten erzählen, ohne zuzuhören, und diagnostiziert: "Insekten!" "Aber jetzt ist doch Anfang Februar und ganztägig unter Null, da fliegt doch nichts . . . Raupenhaare . . . Allergie . . .??" "Insekten" - war die definitive Antwort samt einem Rezept für Vitamin-B-Komplex und ein Repellent. "Aber zur Sicherheit machen wir noch einen Pricktest." Der Waldarbeiter konnte an der Übersichtstafel des Testkoffers sofort erkennen, was da durchgecheckt wurde: Biene, Wespe und 18 Pflanzen, aber der Eichenprozessionsspinner war nicht dabei. Alles Protestieren über die Zwecklosigkeit des Tests half nichts. Die 236 Mark (Faktor 2, 3) waren fällig.
Das Insekten-Repellent hat am nächsten Samstag nichts genützt, es war auch nichts zum Vertreiben da, dafür aber die Pickel, groß, zahlreich und juckend. Der letzte Rest "Jakutin" tropft aus der Klinikpackung. Wenn die Ärzte nicht helfen können, dann hilft nur noch der Selbstversuch - ein Allergietest mit zerstampftem Laub, Rinde, Flechten, Holz und Waldboden. Irgendwo müssen die Raupenhaare des letzten Sommers ja sitzen. Auf dem Rücken des Waldarbeiters legt die Gattin nach fachlicher Anleitung ein respektables Versuchsfeld an, und die Substrate zieren in einer stolzen Milupa-Gläschen-Reihe den Fenstersims, bereit für eine Raupenhaaranalyse im Zoologischen Institut der Universität Hohenheim. Aber wie es der Teufel so will: auf dem ganzen Rücken kein einziges Symptom, dafür aber am Wochenende eine reichliche Ernte wie gewohnt. Doch endlich kommt Professor Zufall zu Hilfe.
Es ist Frühjahr, die ersten zarten Brennesseln sprießen und erinnern daran, daß jetzt die Zeit für frischen Brennesselspinat gekommen ist. Der Samstagabend-Ausschlag ist wieder da, und der Waldarbeiter pflückt mit spitzen Fingern einen Eimer Urtica dioica für das Nachtessen.
Was ist denn mit den Pickeln los? Bereits am nächsten Morgen sind sie wie weggeblasen. Das kann nur die Heilkraft der Brennessel gewesen sein. Die Zufallsentdeckung wird nun laufend gestützt durch sofortiges Einreiben mit frischen Brennesseln, sobald sich die ersten Pickel ankündigen, und das ist bei jedem Arbeitseinsatz unter Eichen der Fall.
Der Waldarbeiter hätte sich zwei Arztbesuche und der Krankenkasse 500 Mark sparen können, wäre er schon 1993 beim Holzholen gestürzt und in die Brennesseln gefallen. Das Lindan-Depot im gut gefüllten Fettgewebe wäre auch etwas geringer ausgefallen. Letzteres liefert wenigstens eine bequeme Begründung, daß mit Rücksicht auf die Elektrik der Nervenbahnen von Schlankheitsprogrammen Abstand genommen werden muß. Denn angenommen, nach einer erfolgreichen Hungerkur würden die Hände anfangen zu zittern, hieße die Diagnose beim Facharzt sicher: "Alkohol."
Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Der Autor dieses wahren Berichts ist kein Arzt, sondern der hier vorgestellte Patient. Er ist auch kein Anhänger von Naturlehren, sondern vertraut auf die Schulmedizin, zumal jeder ordentliche Doktor die biologischen Wurzeln seiner Kunst nicht vergessen hat. Nur eines scheint bei Fachärzten verlorengegangen zu sein: die Bereitschaft, den Patienten anzuhören.
Jürgen Walter, Sindelfingen
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