ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1997Screeningverfahren: Nachweis von illegalen Drogen in der Praxis

POLITIK: Medizinreport

Screeningverfahren: Nachweis von illegalen Drogen in der Praxis

Heinz, Thomas W.

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LNSLNS Um den Konsum von Drogen in der ärztlichen Praxis nachweisen zu können, werden auf dem Markt in verstärktem Maße qualitative Drogen-Schnelltests mittels Urinteststreifen angeboten. Diese bieten für die tägliche Arbeit mit Drogenpatienten in Ambulanzen/Tageskliniken und in der Praxis des niedergelassenen Arztes deutliche Vorteile zu den aufwendigeren Testverfahren, die bei quantitativer Bestimmung mit weitreichenderer Fragestellung (zum Beispiel Forensik) weiterhin benötigt werden - wie zum Beispiel gaschromatographische Verfahren als Bestätigungstest.
In der täglichen Routinearbeit sind aber schnelle Aussagen erforderlich, um Patienten sofort mit den Resultaten solcher Tests zu konfrontieren und die Medikation (z. B. bei der Substitutionsbehandlung) dementsprechend anpassen zu können. Als Untersuchungsstoff bietet sich Urin an, da die Konzentrationen der verschiedenen Substanzen sich hier - im Gegensatz zu Blutproben - stoffwechselbedingt um etwa eine Zehnerpotenz höher anreichern.
Insbesondere der Konsum von "Ecstasy" hat in erheblichem Maße zugenommen, und dementsprechend sind Testverfahren gefragt, die differenziert Auskunft geben können. Komplizierend ist dabei, daß die Konsumenten zumeist nicht wissen, welche Inhaltsstoffe sie mit den Kapseln oder Tabletten en detail erworben haben. Die Kombinationen von Amphetamin und/oder Derivaten (MDMA, MDA, MDE, MBDB u. ä.) sind häufig und können in mehreren Schritten nachgewiesen werden. Zunächst ist im Urin ein Metamphetamintest sinnvoll, der bei negativem Ergebnis durch einen Amphetamintest ergänzt werden kann. Hierdurch läßt sich eine Fülle der momentan angebotenen "Designerdrogen" nachweisen. Für LSD als Klassiker der Halluzinogene, das zur Zeit eine neuerliche Renaissance erfährt, gibt es derzeit noch keinen Schnelltest, sondern ausschließlich Enzymimmunoassays, die nur in Labors vorgenommen werden können. Das weniger verbreitete PCP ("Angel Dust") kann mittels spezieller Teststreifen im Urin nachgewiesen werden.
Einige Drogen lassen sich auch mittels spezifischer mono- und polyklonaler Antikörper nachweisen. Es sind zur Zeit mehrere Urintests auf dem Markt, die auf immunologischer Grundlage funktionieren. Hierbei konkurrieren die auf die Teststreifen aufgebrachten speziellen Antikörper mit den fraglichen Drogen/Medikamenten und deren Metaboliten in der Urinprobe um eine begrenzte Anzahl von Antikörperbindungsstellen. Das nicht gebundene Konjugat bindet sich an das Reagenz in den Kontrollzonen der Teststreifen, und durch Farbausschläge in bestimmten Markierungsbereichen der Teststreifen können diese direkt den konsumierten Drogen oder Medikamenten zugeordnet werden. Die Nachweisgrenzen (Cut-offWerte) der verschiedenen Substanzen beziehungsweise deren Metaboliten orientieren sich an amerikanischen offiziellen Vorgaben des ehemaligen National Institute on Drug Abuse (NIDA):
c Amphetamine 1 000 ng/ml
c Metamphetamine 500 ng/ml
c Cannabinoide 100 ng/ml (geplant 50 ng/ml)
c Kokain 300 ng/ml
c Opiate 300 ng/ml (Heroin, Kodein, Morphin)
c Methadon 300 ng/ml
c Benzodiazepine 300 ng/ml
c Phenobarbital 3 000 ng/ml (Barbitole und andere Metaboliten 150 ng/ml).
Die nachfolgend aufgeführten Tests sind teilweise empfindlicher als von der NIDA gefordert. Im Hinblick auf die Retentionszeiten für Drogen im Urin gilt momentan:
1 THC - fünf Tage bei Konsum 4/w, zehn Tage bei täglichem Konsum, 20 Tage bei chronischem Konsum
1 Kokain - zwei bis vier Tage
1 Morphine - ein bis zwei Tage
1 Methadon - 24 bis 48 Stunden
1 Amphetamine und Metamphetamine - bis 72 Stunden
1 Benzodiazepine - sechs bis 90 Stunden
1 Barbiturate - eine bis 21 Stunden.
Ein sehr umfangreicher Test wird unter dem Namen "TriageTM 8" von der Firma Merck angeboten. Er ist in der Lage, über eine Urinprobe innerhalb von zirka 15 Minuten in einem Schritt die Hauptmetaboliten folgender Drogen qualitativ nachzuweisen: Opiate, Methadon, Kokain, Cannabis (THC), Benzodiazepine, Barbiturate, trizyklische Antidepressiva (TAD) und Amphetamin/ Metamphetamin. Dieser Test von acht Substanzen auf einmal ist leicht zu handhaben und kostet in der TriageTM-7-Version - ohne den TAD-Nachweis - etwa 45 DM.
Das AccustripTM-Verfahren der Firma Biomedical Diagnostics soll folgende Parameter im Urin innerhalb von zirka drei Minuten nachweisen können: Amphetamine, Metamphetamine, Barbiturate, Benzodiazepine, Kokain, Opiate, Cannabinoide und Methadon. Vom Kosten-Nutzen-Aspekt betrachtet, ist zu sagen, daß die verschiedenen Substanzen hierbei mit jeweils einem eigenen Teststreifen nachgewiesen werden, der allerdings pro nachzuweisender Substanz etwa sieben DM kosten soll.
Die Firma Mahsan bietet ebenfalls immunchromatographische Teststreifenverfahren an, die in unterschiedlicher Zusammenstellung einen ähnlichen Substanzbereich abdecken können (Amphetamine, Kokain, THC und Opiate kombiniert für zirka 28 DM - Einzelnachweis für etwa 7,20 DM). Auch dieses Verfahren arbeitet mit Urin-Samples und ist von Aufwand und Ergebnis vergleichbar mit dem oben genannten.
Als vierter Anbieter ist die Firma Boehringer mit einem Test namens FrontlineTM auf dem Markt. Hier können nach ähnlichem Schema innerhalb von zwei Minuten Opiate, THC und Kokain in Einzeltests nachgewiesen werden. Dieser Test kostet zur Zeit pro nachzuweisender Substanz etwa 7,70 DM.
Ferner bietet die Firma Biomar einen Screeningtest zum Nachweis der obengenannten Drogen in Speichel und Urin an (ToxiquickTM); hier liegen die Ergebnisse nach etwa zehn Minuten vor. Es handelt sich um eine Einzelbestimmung zum Preis von fünf bis sechs DM pro Substanz.
Es gibt also sowohl relativ kostengünstige Nachweismöglichkeiten für Einzelsubstanzen, die mittels einer Urinprobe je nach Fragestellung auch kombiniert werden, als auch breiter angelegte Übersichtsscreenings, die etwas längere Zeit benötigen und dementsprechend teurer sind. Bei der Preisgestaltung ist Verhandlungsgeschick kostensenkend. Die Tests lassen sich nach EBM ungedeckelt mit 170 Punkten - maximal 850 Punkten - abrechnen. Thomas W. Heinz

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