ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Krankenhaus: Geschäft für Groß und Klein

POLITIK

Krankenhaus: Geschäft für Groß und Klein

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die öffentliche Hand zieht sich zurück, die Privaten rücken vor.

Mitten im ohnehin heißen sächsischen Sommer erhitzt der Streit um zwei Krankenhäuser im Raum Dresden die Gemüter. Der Kreis Meißen will seine Elblandkliniken, zwei Allgemeinkrankenhäuser, verkaufen. Im Gespräch sind die üblichen Verdächtigen, die großen Klinikketten. Die beiden Krankenhäuser kommen auf zusammen 750 Betten und wurden nach der Wende mit 150 Millionen Euro totalsaniert. Der Landrat favorisiert die Privatisierung. Angesichts der starken Veränderungen des stationären Gesundheitswesens sei ein starker Partner nötig. Die Gegner argwöhnen, zwei leistungsfähige Häuser sollten billig verscherbelt werden. Nach der Privatisierung werde rationalisiert und der Versorgungsauftrag überprüft. Auch die große Emotion fehlt nicht; ein namhafter Vertreter der sächsischen Ärzteschaft: Die Bürger seien seit Generationen mit ihren Krankenhäusern verbunden, hätten dafür Opfer gebracht und würden nun praktisch enteignet.
Was im Elbland passiert, läuft allenthalben. Die öffentliche Hand zieht sich zurück, definiert den öffentlichen Auftrag neu und überlässt das Feld den privaten Investoren, sei es im sozialen Wohnungsbau, beim Straßenbau, Schienenverkehr, bei der Post und sogar bei der öffentlichen Sicherheit. Das stationäre Gesundheitswesen ist nur ein weiteres Beispiel. Betrug der Anteil der privat getragenen Krankenhäuser 1993 noch 16,2 Prozent, so zehn Jahre später 24,8 Prozent und 2004 bereits 25,6 Prozent. Der Anteil der Öffentlichen ging dagegen von 43,5 Prozent (1993) auf 36,2 Prozent (2003) und 36 Prozent (2004) zurück. Die Freigemeinnützigen halten sich mit Anteilen um die 40 Prozent.
Spektakuläre Beispiele
Die großen Klinikbetreiber vermelden alljährlich Umsatzsteigerungen im zweistelligen Bereich. Einige spektakuläre Beispiele aus diesem Jahr: Asklepios, mit einem Umsatz von fast zwei Milliarden Euro Marktführer, übernahm drei Landeskliniken in Brandenburg, Helios (1,55 Milliarden Umsatz in 2005) die Humaine-Gruppe mit sechs Häusern, darunter zwei Schwerpunktkliniken, die Rhön-Klinikum AG (1,4 Milliarden Umsatz in 2005) das Uniklinikum Gießen-Marburg. Die Sana-Kliniken, mit 758 Millionen Umsatz (2005) der kleinste im Viererkreis, erwarben 2005 den Paritätischen Unternehmensverbund Berlin-Brandenburg mit fünf Krankenhäusern und 80 Arztsitzen.
Mit der Übernahme des Uniklinikums Gießen-Marburg gilt Rhön als Schrittmacher auf diesem lange als tabu geltenden Sektor. Am Erwerb der Brandenburger Landeskliniken durch Asklepios ist interessant, dass damit auch der Maßregelvollzug verbunden ist, der lange als rein öffentliche Aufgabe galt. Bemerkenswert ist schließlich, dass sich Sana mit den fünf Krankenhäusern auch 80 Arztsitze einverleibte – ein in die Zukunft weisender Fall. Helios wiederum beteiligte sich 2004 an der Poliklinik Berlin-Buch (der dortige Klinikkomplex gehört schon seit 2001 zu Helios) mit 120 000 Patienten pro Jahr und 14 Fachdisziplinen. Der Konzern eröffnete 2005 drei Medizinische Versorgungszentren in Sachsen und Thüringen. Derartige Verbindungen von ambulanter und stationärer Versorgung stehen bei allen Privaten auf dem Programm. Sie können damit ihre ganz große Stärke – die Optimierung von Abläufen – ausspielen. Die Klinikketten zielen vornehmlich auf die klammen und müden öffentlichen Träger. Die Privatisierungsprozesse seien, so Helios, inzwischen weitgehend standardisiert, sprich, sie gehören zum Alltagsgeschäft.
Alle Privaten, die Kliniken einwerben, versichern, bestehende Verträge einzuhalten und die gewohnte Versorgung der Patienten sicherzustellen. Zu beachten ist freilich das Kleingedruckte. Die Unternehmen betreiben nur das, was sich rechnet. Denn sie müssen auf Rendite achten. Die Rhön-Klinikum AG etwa ist im M-Dax notiert und muss sich beim shareholder value an anderen messen lassen. Ähnlich die Helios-Kliniken GmbH, die Ende 2005 von Dr. med. Lutz Helmig für 1,5 Milliarden Euro an die Fresenius AG verkauft wurde, oder Asklepios, dem Börsenambitionen nachgesagt werden. Helmig wandte sich übrigens dem Fluggeschäft zu.
Die Rhön-Klinikum AG verschweigt denn auch nicht, dass Neuausrichtungen von Kliniken mit unangenehmen Veränderungen verbunden seien. Würden Versorgungsrealität und Bedarf auseinander klaffen, werde man notfalls seine „Freiheitsgrade – private Unabhängigkeit – nutzen, um das Versorgungsziel zu erreichen.“
Die Privaten stellen zwar rund ein Viertel der Krankenhausträger. Gemessen an den Bettenzahlen, ist deren Stellung jedoch schwächer. Im Durchschnitt hat das private Krankenhaus 122 Betten. Zum Vergleich: Die Öffentlichen kommen auf 382, die Freigemeinnützigen auf 253. Für den privaten Sektor kennzeichnend ist somit nicht nur die Expansion der großen Klinikketten (die zunehmend größere Einheiten erwerben), sondern auch die der kleinen Spezialisten. Tatsächlich wächst die Zahl der Häuser mit bis zu 50 Betten kontinuierlich. Ein Blick in die „Gelben Seiten“ der Telefonbücher und auf die Anzeigenplantagen der Zeitungen lässt ahnen, was angesagt ist: die plastische und die Schlüssellochchirurgie. Bei solchen Kliniken sind die Übergänge von ambulanter zu stationärer Versorgung fließend. Das fasst bisher noch keine Statistik. Norbert Jachertz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema