ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Zukunft der Medizinischen Hochschulen: Es gibt Grund zu jammern und – sich zu verändern

POLITIK

Zukunft der Medizinischen Hochschulen: Es gibt Grund zu jammern und – sich zu verändern

Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A-2007 / B-1725 / C-1669

Rieser, Sabine; hib

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LNSLNS Um weiter Spitzenleistungen zu erbringen, braucht
die Hochschulmedizin Geld und das Engagement von Politik und Wirtschaft. Aber sie muss sich auch selbst dem Wettbewerb stellen.

Forschung schafft Innovationen, und Innovationen schaffen Arbeitsplätze – dieser Formel widerspricht hierzulande keiner. Die bundesdeutsche Forschungslandschaft gilt allerdings als ein sehr durchwachsenes Gebilde aus echten Schönheiten, mittelmäßigen Flecken, hässlichen Ecken und Gebieten, die verwahrlosen. So sehen viele Fachleute die deutsche Hochschulmedizin vor Probleme gestellt, die ihre wünschenswerte Weiterentwicklung gefährden: chronische Unterfinanzierung, Druck durch das Fallpauschalensystem, weitere Investitionskürzungen als Folge der beschlossenen Föderalismusreform, veraltete Strukturen, Abwanderung junger Wissenschaftler ins Ausland. Darüber und über Auswege aus der Krise diskutierten kürzlich Fachleute beim 67. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag (siehe auch DÄ, Heft 25/2006) und beim II. Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin.
„Wir müssen jammern, weil es momentan wehtut“, befand Prof. Dr. med. Karl Einhäupl, ehemals Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Als Folge der Föderalismusreform werde in den nächsten Jahren noch weniger Geld für die Hochschulen und die Klinika zur Verfügung stehen (siehe Kasten). Dabei hätten viele Einrichtungen großen Investitionsbedarf, weil die Länder seit Jahren zu wenig Geld zur Verfügung gestellt haben. Die ärmeren Bundesländer würden es ohnehin schwer haben mitzuhalten: „Statt Wettbewerb zwischen den Standorten werden wir einen Wettbewerb zwischen den Ländern haben.“ Einhäupl ist überzeugt, dass Privatisierungen der Hochschulmedizin zunehmen werden: „Die Länder sind dann nicht mehr für den Hochschulbau in der Pflicht und sparen Geld.“
Doch der Berliner Neurologe verweist darauf, dass die medizinischen Hochschulen etwas Besonderes sind, das man nicht leichtfertig abstoßen sollte: Sie sicherten schließlich die Qualität der ärztlichen Ausbildung und garantierten die Versorgung von Patienten mit anspruchsvollen Krankheitsbildern. Deshalb müsse es gewisse bundeseinheitliche Standards für die Medizinischen Hochschulen und die Klinika geben. Außerdem brauchten sie engagierte Ärztinnen und Ärzte, aber: „Im Kampf um die besten Köpfe sind die Universitäten im Nachteil, obwohl sie das Rückgrat von Ausbildung und Forschung sind“, sagt Einhäupl. Junge Forscher wanderten nicht nur ins Ausland ab, sondern auch in die Industrie oder zu außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
Wie Einhäupl sind allerdings auch andere Fachleute der Meinung, dass die medizinischen Hochschulen sich selbst verändern müssen, indem sie sich stärker als bisher dem Wettbwerb stellen und sich beispielsweise durch Schwerpunktsetzungen profilieren. „Sicher sind nicht alle 34 deutschen Universitätsklinika zukunftsfähig, so wie sie heute aufgestellt sind“, konstatierte Prof. Dr. med. Rüdiger Siewert, Präsident des Verbands der Universitätsklinika. Fusionen und Privatisierungen seien aber nur Scheinlösungen. Man müsse den Hochschulen mehr Eigenständigkeit einräumen und mehr unternehmerische Freiheit lassen, zum Beispiel zur Ausgründung der Klinika als eigenständige Unternehmen. Prof. Dr. med. Martin Paul, Dekan der Medizinischen Fakultät Charité Universitätsmedizin Berlin, gab zu bedenken, dass hinter Fusionen eine sinnvolle Idee stecken müsse. Als reine Sparmodelle seien sie „zum Scheitern verurteilt“.
Dr. h. c. Ludwig Georg Braun, Vorstandsvorsitzender des gleichnamigen Medizintechnikkonzerns, vertrat die Auffassung, für eine erfolgreiche innovative Forschung sei es erforderlich, dass sich Industrie und Hochschulen besser verkoppelten. Es müssten mehr Netzwerke und mehr Centers of Excellence innerhalb der Universitäten entstehen, am besten europaweit, um der Industrie eine professionelle Struktur für Studien und Forschungsprojekte zu bieten. Einzelne freundschaftliche Kontakte und einige wenige Kooperationsverträge wie bisher reichten nicht aus.
Mehr Mut zu investieren
Wie stark der Druck auf alle in der Forschung Tätigen längst ist, verdeutlichte Dr. Heinrich von Pierer, Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG. „Spitzenlöhne kann nur zahlen, wer technologisch an der Spitze steht“, stellte er klar. Deutschland müsse sich auf seine Stärken besinnen und beispielsweise in der Medizintechnologie seine Kraft zur Innovation immer wieder unter Beweis stellen, um am Markt mitzuhalten. Deshalb sei es unumgänglich, das Interesse junger Menschen für naturwissenschaftliche Fächer zu wecken. Zur Attraktivität von Berufsbildern gehörten aber auch überzeugende Arbeits- und Einkommensbedingungen – dies solle man bei der Diskussion um angemessene Einkommen für Ärzte bedenken.
Bei der Ausstattung von Krankenhäusern wünsche er sich „etwas mehr Mut“ vonseiten des Staates, sagte von Pierer. Statt wie häufig die Verteuerung der medizinischen Versorgung durch Großgeräte zu thematisieren, solle man stärker ihr Fortschrittspotenzial erkennen und die Einsparungen, die dadurch möglich seien. Als Beispiel führte er einen neuartigen Computertomographen seines Unternehmens an, der zwar teuer sei, es aber erlaube, rascher und strahlungsärmer als bisher Aufnahmen zu erstellen. Sabine Rieser

Nachteile für ärmere Bundesländer

Jahrelang war der Ausbau und Neubau von Hochschulen einschließlich der Hochschulkliniken als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern im Grundgesetz fixiert. Auch ihr Zusammenwirken bei der Bildungsplanung und der Förderung wissenschaftlicher Forschung war Gesetz. Als Folge der Föderalismusreform ist damit nun weitgehend Schluss. Noch bis 2013 wird der Bund zwar jährlich rund 700 Millionen Euro für den Hochschulbau an die Länder überweisen. Doch diese werden umgehend aus der Pflicht entlassen, ihrerseits Geld dafür aufzubringen. Von 2013 bis 2019 wird der Bund ebenfalls noch Geld bereitstellen. Doch die Zweckbindung entfällt dann; statt in Hochschulen kann damit auch in andere Vorhaben investiert werden. Im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung des Bundestags gaben sich Vertreter von SPD und Union zuversichtlich: Man erwarte, dass die Länder ihren Beitrag für den Hochschulbau bis 2010 auf 1,5 Milliarden Euro erhöhten und sich in ihren neuen Kompetenzen „kraftvoll betätigen“ würden.
Die Opposition ist skeptisch. Die FDP hatte in einem eigenen Antrag gefordert, die Bundesmittel für den Aus- und Neubau von Hochschulen nach den Studierendenzahlen zu bemessen. Bündnis 90/Die Grünen hatten ebenfalls vorgeschlagen, die Studierendennachfrage einfließen zu lassen und Bundesmittel zudem auch nach 2013 mit einer Zweckbindung zu versehen. Es sei nicht hinnehmbar, dass ein Land damit „Kaimauern oder den Straßenbau finanziert“. hib/Rie
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