ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1997Berechnungen zu Kosten und Nutzen: Sekundäre Prävention mit Statinen

POLITIK: Medizinreport

Berechnungen zu Kosten und Nutzen: Sekundäre Prävention mit Statinen

Koch, Klaus

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LNSLNS Wer die Präventionsmethoden der heutigen Medizin aus der Sicht reiner Kosten-Nutzen-Bilanzen sieht, erlebt meist eine Ernüchterung. Vorbeugung ist - wenn sie auf Medikamenten beruht - fast immer viel teurer als die "Reparaturmedizin". Eine Kalkulation des Institutes für Versicherungsbetriebslehre der Universität Hannover zeigt, daß diese Regel auch für den Einsatz des HMG-CoA-Reduktase-Hemmers Simvastatin in der sekundären Prävention der koronaren Herzkrankheit gilt. Allerdings zeigte die auf einer Pressekonferenz des Deutschen Grünen Kreuzes in Hamburg vorgestellte Analyse auch, daß bei einer strikten Beschränkung auf Hochrisikogruppen die Statine im Spektrum der Prävention nicht allzu schlecht liegen - und wie die Bilanz ausgeglichen gestaltet werden könnte.
Die Kosten-Nutzen-Berechnungen, die Prof. J.-Matthias Graf von der Schulenburg (Universität Hannover) erläuterte, beruhen auf der Grundlage der skandinavischen "4 S"-Studie, in der Simvastatin bei Patienten mit hohen Cholesterinwerten und bereits symptomatischer KHK getestet wurde; 80 Prozent hatten bereits einen Myokardinfarkt. Während der knapp fünf Jahre dauernden Studie starben 8,2 Prozent der mit Simvastatin behandelten Patienten gegenüber 11,2 Prozent unter Plazebo. Zusätzlich ging in der Simvastatin-Gruppe die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Liegetage um mehr als 30 Prozent zurück, weil die Herzinfarktrate sank und etwa ein Drittel weniger Angina-pectoris-Behandlungen, Ballondilatationen und Bypassoperationen nötig waren.

Kritische Größen der Bilanz
Auf das deutsche Gesundheitswesen umgerechnet, summierten sich diese Einsparungen auf durchschnittlich etwa 2 500 DM pro Patient. Das reichte aber bei weitem nicht aus, um Medikamentenkosten von etwa 7 000 DM wettzumachen: es blieben Netto-Kosten von 4 500 DM für eine Fünf-Jahres-Therapie.
Mit diesem finanziellen Einsatz gewann der "durchschnittliche 4-S-Patient" in fünf Therapiejahren etwa 90 Tage an Lebenszeit. Pro gewonnenem Lebensjahr kostet die Vorbeugung mit Simvastatin demnach etwa 18 500 DM, wobei die Spannbreite zwischen dem "best case"- und "worst case"-Szenario von 9 300 und bis fast 30 000 DM reicht.
Dieser Aufwand entspricht nach von der Schulenburgs Ansicht durchaus dem, was auch andere im HerzKreislauf-Bereich eingesetzte medikamentöse Vorbeugemaßnahmen kosten. Nach schwedischen Analysen, die Dr. Terje Pedersen (Aker-Hospital Oslo) vorstellte, kostet etwa die Therapie der Hypertonie zwischen 10 000 und 40 000 DM pro gerettetem Lebensjahr (Alter 45 bis 69, diastolischer Blutdruck 95 bis 99 mm Hg).
Lehrreich ist ein Blick auf zwei kritische Größen hinter solchen Kostenbilanzen. Erstens: Wie viele Patienten müssen wie lange ein Medikament nehmen, um ein Ereignis zu vermeiden? Schon bei mittleren Risiken, wie sie etwa im Bereich der primären Prävention typisch sind, fällt die Kosten-Nutzen-Relation der Statine steil auf mehrere hundertausend Mark pro gerettetem Lebensjahr ab.
Zweitens: Was kostet das Medikament? Anhand obiger Zahlen läßt sich leicht errechnen, daß in der Sekundärprävention - und nur da - die Kosten-Bilanz der Statine dann annähernd ausgeglichen sein wird, wenn die Firmen die Preise auf ein Drittel des heutigen Niveaus gesenkt haben. Klaus Koch

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