ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Schädel-Hirn-Verletzungen: Folgeschäden vermeiden

MEDIZINREPORT

Schädel-Hirn-Verletzungen: Folgeschäden vermeiden

Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A-2020 / B-1733 / C-1677

Bühring, Petra

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Mit Plakatkampagnen will die Hannelore-Kohl- Stiftung darauf aufmerksam machen, wie wichtig das Tragen eines Fahrradhelms gerade für Kinder ist.
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Die Qualität der Versorgung von Schädel-Hirn-Verletzten sollte verbessert werden, ergab eine Pilotstudie an 6 800 Patienten.

Nur fünf Prozent der Patienten, die nach einem Unfall wegen einer akuten Schädel-Hirn-Verletzung stationär behandelt wurden, erhielten anschließend eine Neurorehabilitation. Von ihnen wurde die Hälfte nicht neuropsychologisch behandelt, obwohl sie an mental-kognitiven Funktionsstörungen litten. Dieses „unverständliche Defizit“ kritisierte Prof. Dr. med. Klaus von Wild, Münster, bei einer Pressekonferenz der ZNS – Hannelore-Kohl-Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems anlässlich der Präsentation einer Studie zur Qualität der Versorgung von Schädel-Hirn-Traumata (SHT). Die nach Angaben der ZNS europaweit größte Pilotstudie analysierte die Versorgung von 6 800 Patienten, die zwischen März 2000 und Februar 2001 in Akutkrankenhäusern der Regionen Hannover und Münster aufgenommen wurden. „Die Ergebnisse der Hannover-Münster-Studie sind auf ganz Deutschland übertragbar“, erklärte Paul Wenzlaff vom Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen.
Schädel-Hirn-Traumata verschiedener Schweregrade erleiden in Deutschland im Durchschnitt 330 von 100 000 Einwohnern (Schlaganfall: 250 von 100 000). Während der Schlaganfall hauptsächlich alte Menschen trifft, ist SHT die Haupttodesursache bei den unter 45-Jährigen. Zunehmend ist mit 28 Prozent die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Schädel-Hirn-Verletzungen. Als Risikogruppen gelten auch alte Menschen über 75 Jahre sowie 20- bis 25-Jährige. Im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern steht in Deutschland nicht mehr der Verkehrsunfall (26 Prozent) an der Spitze der Ursachen für SHT, sondern mit 52,5 Prozent Stürze bei der Arbeit sowie im Haus und in der Freizeit – zunehmend auch bei Kleinkindern.
Nach einem Unfall erfolgt bei zwei Dritteln der Betroffenen die Erstversorgung innerhalb einer Stunde, stellte die Studie positiv fest. Selbst ein Großteil der nur leicht Schädel-Hirn-Verletzten gelangt unter Begleitung eines Arztes in dieser Zeit in eine Klinik. Zwischen ländlichen Regionen und städtisch strukturierten Gebieten gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Mehr als 80 Prozent der Patienten erhält bereits während der ersten Stunde eine radiologische bildgebende Diagnostik. Allerdings erhielten 82 Prozent der Patienten nur ein Röntgenbild des Schädels „mit mehr als zweifelhafter Aussagekraft“, kritisierte Prof. Dr. med. Eckhard Rickels, Ulm, Studieninitiator ebenso wie von Wild und Wetzlaff. Notwendig sei oftmals aber eine Computertomographie. Am Unfallort würden neurologische Schäden nur bei 60 Prozent der Betroffenen festgestellt, „mit der Folge, dass eine nachfolgende Verschlechterung nicht erkannt werden kann“. Zudem würden schwer Schädel-Hirn-Verletzte häufig nicht intubiert, entgegen den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Die Zahl von einem Prozent aller Schädel-Hirn-Verletzungen mit tödlichem Ausgang (hochgerechnet rund 2 750 pro Jahr) gilt zudem im internationalen Vergleich als zu hoch.
Prof. von Wild kritisierte nachdrücklich, dass nur 258 der erfassten 5 221 Hirnverletzten (fünf Prozent) nach der Akutbehandlung in Abteilungen für neurologische oder neurochirurgische Frührehabilitation verlegt würden. Dies sei jedoch dringend erforderlich, um Folgeschäden zu vermeiden. „Durch rechtzeitige Weichenstellung können inzwischen die geschädigten Funktionen so weit wie möglich wiederhergestellt werden, bevor ein Patient vollends aus der Lebensbahn geworfen wird.“ Die meisten Kosten seien schließlich durch Arbeitsausfall bedingt: Sie werden auf 2,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Gelinge die Wiederherstellung nicht vollständig, könnten mithilfe der Neuropsychologie Ersatzstrategien für die ausgefallenen oder geschädigten Funktionen erarbeitet werden. All dies sei durch Frührehabilitation möglich, „sie muss nur in Anspruch genommen werden“. Auch im ambulanten Bereich lasse das Überweisungsverhalten der Ärzte zu Neuropsychologen zu wünschen übrig, bemängelte von Wild. Fazit der Experten nach Abschluss der Hannover-Münster-Studie: Die medizinische Versorgung Schädel-Hirn-Verletzter ist besser als ihr Ruf, aber die Qualität muss gehoben werden. Petra Bühring

Literatur
Rickels E, von Wild K, Wenzlaff P, Bock WJ: Schädel-Hirn-Verletzung, Epidemiologie und Versorgung, Ergebnisse einer prospektiven Studie. W. Zuckerschwerdt Verlag 2006.

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