ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Interview: Protonentherapie ist erfolgreich
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LNSLNS Beim Lesen des Interviews mit dem Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) stolperte ich über folgende Bemerkung der DÄ-Redakteure: „Im stationären Bereich besteht . . . die Regelung, dass neue Leistungen so lange zulasten der GKV abgerechnet werden können, bis der Nachweis erbracht ist, dass sie keinen Nutzen haben. Jüngstes Beispiel ist die Protonentherapie, die unter enormen Investitionen breit eingeführt wird.“ Im selben Zusammenhang fragt der G-BA-Vorsitzende, wieso man denn gleich in die Fläche gehen müsse, bevor die Evidenz bewiesen sei. Als unbedarfter Leser, der den Hintergrund des Rechtsstreits – Kompetenzstreitigkeit zwischen G-BA und BMG – nicht kennt, muss man annehmen, dass Protonentherapie eine neue, nutzlose, kostspielige Therapieform ist. Das Gegenteil ist der Fall: Protonentherapie wird seit rund 50 Jahren mit Erfolg praktiziert. Circa 50 000 Patienten wurden mit zum Teil überragenden Ergebnissen mit Ionenstrahltherapie (IST), wie man die Therapie mit Protonen- und Schwerionen allgemein nennt, behandelt. In den ersten Jahrzehnten waren es eher seltene Tumore, wie Aderhautmelanome, Chordome oder Chondrosarkome, bei denen die IST ihre Überlegenheit unter Beweis stellte. Inzwischen bewährt sie sich auch bei Tumoren im Kindesalter, intrakraniellen Gefäßmissbildungen, Prostatakarzinomen oder Frühstadien des nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms, um nur einige Anwendungen zu nennen. Was die Wirtschaftlichkeit der Technik (die sicher noch ein beachtliches Rationalisierungspotenzial hat, wenn sie erst weitere Verbreitung findet) anbelangt, wurde z. B. in einer schwedischen Kosten-Nutzen-Analyse für Kopf- und Halstumore, Medulloblastome, Mamma- und Prostatakarzinome festgestellt, dass bei Wahl geeigneter Risikogruppen (z. B. linksseitiges Mammakarzinom bei vorgeschädigtem Herzen) Protonentherapie durchaus kosteneffizient sein kann (Lundvist et al., 2005). Deutsche Gruppen haben wichtige Forschungsbeiträge zur IST geliefert. Dennoch sind wir Nachzügler, was die klinische Nutzung der Therapie angeht. Von den weltweit zwei Dutzend operativen Zentren befinden sich nur zwei auf deutschem Boden. Sowohl in Berlin (HMI) als auch in Darmstadt (GSI/DKFZ) handelt es sich um Prototypplätze im nicht-klinischen Forschungsumfeld. Während die erste Protonentherapieklinik in den USA schon 1990 eröffnet wurde, wird es bei uns vermutlich noch ein Jahr dauern, bis das erste klinische IST-Zentrum seine Pforten öffnet . . .
Dr. med. Dr. rer. nat. Ute Linz, Forschungszentrum Jülich, 52425 Jülich
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