ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006krank – gesund. 2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln

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krank – gesund. 2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln

Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A-2035

Deres, Thomas

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Medizingeschichte
Schattenseiten und Glanzlichter
Thomas Deres (Hrsg.): krank – gesund. 2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln. Kölnisches Stadtmuseum, Köln, 2005, 352 Seiten, 330 farbige Abbildungen, gebunden, 24,80 €
Der Kölner Ärztestreik von 1904 war ein voller Erfolg. Die Kassenärzte setzten ihre Forderungen nach freier Arztwahl und höherem Honorar durch. Dieser und der kurz darauf ebenfalls erfolgreich beendete Leipziger Streik bedeuteten den Wendepunkt in den Beziehungen der Ärzte zu den Krankenkassen. Die Wende setzte eigentlich schon 1903 beim Deutschen Ärztetag, gleichfalls in Köln, ein, als Ärztevereinsbund und Hartmannbund den Schulterschluss suchten. Ein weiterer großer Schritt folgte beim 50. Deutschen Ärztetag 1931, auch in Köln, als die Grundstrukturen für die kassenärztliche Versorgung verhandelt wurden.
In Köln wurde damals also Ärztegeschichte geschrieben, fortgesetzt ab 1951, als sich die ärztlichen Spitzenorganisationen in Köln niederließen (und beendet 2004, als sie sang- und klanglos die Stadt verließen).
Solches ist nachzulesen in einem voluminösen Band, der die städtische Gesundheitspolitik und Krankenversorgung von der Römerzeit bis in die Gegenwart behandelt, konzentriert auf den öffentlichen Gesundheitsdienst. Verfasser sind 20 Mediziner, Historiker und (bei dieser Stadtgeschichte unentbehrlich!) Archäologen, darunter hervorragende Vertreter ihres Faches. Anlass für die Publikation war eine Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum im Herbst 2005. Der Ausstellung ist die reiche Bebilderung des Buches zu verdanken. Ansonsten stehen die Artikel für sich und sind für jeden von Interesse, der sich über die medizinische Versorgung aus lokaler Perspektive und am Beispiel einer großen Stadt informieren will. Anhand der lokalen Probleme und Lösungen wird „große“ Gesundheitspolitik erst anschaulich.
Städtische Krankheitsgeschichte ist nicht zuletzt eine Geschichte der großen Infektionen: Pest, Lepra, Cholera, Spanische Grippe haben in Köln gewütet und sind mit mehr oder öfters weniger Erfolg behandelt worden, zum Teil mit absonderlichen Methoden. Hinzugekommen ist Aids, deren Kölner Frühgeschichte ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Die Seuchen hatten auch ihr Gutes: Die Hygiene wurde vorangetrieben, die Gesundheitsaufklärung hatte hier einen ihrer Ursprünge, den Elenden widmeten sich mitleidige Siechenmägde.
In der Sorge für psychich Kranke hat sich die Stadt Köln nicht immer leicht getan, aber auch einige Meriten aufzuweisen – von der Fürsorgestelle für Nervöse bis zur modernen Gemeindepsychiatrie. Beschämend war die Haltung in der NS-Zeit. Die auf ihre Liberalität so stolze Stadt hat bei der Ausmerze genauso mitgemacht wie fast alle anderen in Deutschland. Es ehrt die Verantwortlichen für Ausstellung und Buch, die Schattenseiten wie die Glanzlichter gleichermaßen beleuchtet zu haben. Norbert Jachertz
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