ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Bildschirmarbeitsplätze – eine arbeitsmedizinische Bewertung

MEDIZIN

Bildschirmarbeitsplätze – eine arbeitsmedizinische Bewertung

VDUs in the workplace – an occupational health perspective

Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A-2047 / B-1760 / C-1704

Petersen, Jens

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LNSLNS Zusammenfassung
In der modernen Arbeitswelt nimmt der Anteil der Bildschirmarbeit stetig zu. Die bekannten ergonomischen Rahmenbedingungen für die Komponenten des Bildschirmarbeitsplatzes wie Bildschirmgerät, Tastatur, Maus, Büroarbeitsstuhl, Arbeitstisch und Arbeitsumgebung werden in der Bildschirmarbeitsverordnung zusammengefasst. Zunehmende Bedeutung gewinnt – auch im Hinblick auf Motivation und Arbeitsergebnis – die Gestaltung von Arbeitsorganisation und Arbeitsaufgabe. Obwohl Bildschirmarbeit allgemein als belastungsarm eingestuft wird, treten Beschwerden bei Beschäftigten auf. Sie betreffen überwiegend die Augen und das Sehvermögen sowie den Bewegungsapparat. Die Häufigkeit gesundheitlicher Beeinträchtigungen korreliert mit den ergonomischen Bedingungen des Arbeitsplatzes und psychosozialen Faktoren. Chronische Erkrankungen als Folge von Bildschirmarbeit sind bisher nicht nachgewiesen. Eine wirksame Primär- und Sekundärprävention wird durch die arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung „Bildschirmarbeitsplätze“ (G 37) geleistet, mit der eine angemessene betriebsärztliche Versorgung der Beschäftigten an Bildschirmarbeitsplätzen umgesetzt wird.

Schlüsselwörter: Bildschirmarbeit, Ergonomie, Sehvermögen, Prävention, arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung

Summary
VDUs in the workplace – an occupational health perspective
The proportion of work performed on computers in the modern working world is constantly increasing. The recognised ergonomic arrangement of the components of a conventional workstations, such as a monitor, keyboard, mouse, office chair, desk and the working environment itself are recognised legally in the "Bildschirmarbeitsverordnung," an item of federal law. The influence of work organization and of individual tasks on both motivation and productivity are also increasingly recognised. Although work at a screen is generally regarded as involving only minimal amounts of stress, employee complaints are not uncommon, in particular relating to the eyes, vision and the musculoskeletal system. There is a direct correlation between the incidence of employee health impairments and the ergonomic conditions of the workplace and psychosocial factors. Chronic illness as a result of visual display unit (VDU) work is as yet unproven. But effective primary and secondary prevention can be provided by the national screening tool "Workstations" (G 37), a preventive medical examination leading to appropriate occupational health interventions for workers using VDUs.

Key words: VDU work, ergonomics, eyesight, prevention, occupational health preventive examination

Die Arbeit am Bildschirm ist heute ein fester Bestandteil der Berufswelt – die Tendenz ist steigend. Derzeit geht man von etwa 14 bis 16 Millio-
nen Bildschirmarbeitsplätzen in Deutschland aus. Viele Fachrichtungen der Medizin sind entweder mit dieser Arbeitsform selbst befasst oder betreuen Beschäftigte wegen deren Beschwerden. Ergonomische Standards werden zwar durch die Bildschirmarbeitsverordnung vorgegeben, bleiben aber in der Praxis häufig unberücksichtigt.
Im Folgenden werden die wesentlichen arbeitsmedizinischen Aspekte, mögliche gesundheitliche Auswirkungen und die sich daraus ergebenden Anforderungen an die Gestaltung von Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen dargestellt. Dabei handelt es sich um Bedingungen, die bereits in die Sicherheitsregeln der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft eingebracht und mit der seit 1996 gültigen Bildschirmarbeitsverordnung an europäische Richtlinien angepasst wurden. Ziel des Konzeptes der arbeitsmedizinischen Vorsorge ist ein Ansatz, der über die Untersuchung der Augen und des Sehvermögens hinausgeht und eine wirksame Primär- und Sekundärprävention von Beschwerden am Bewegungssystem miteinbezieht. Beispielhaft seien hier das HWS- oder LWS-Syndrom genannt. Zahlreiche ärztliche Fachgebiete sind in die praxisnahe Betreuung einbezogen und neben der Arbeitsmedizin aufgefordert, die Beschäftigten angemessen beraten zu können.
Bildschirm
Das „System Bildschirmarbeitsplatz“ stellt durch die bildschirmgebundene Zeichendarstellung im Gegensatz zum Lesevorgang besondere Anforderungen an das Sehvermögen. Die auf dem Bildschirm dargestellten Zeichen müssen scharf, deutlich und ausreichend groß sein und einen angemessenen Zeichen- und Zeilenabstand aufweisen. Das dargestellte Bild muss stabil, verzerrungs- und flimmerfrei sein. Die Helligkeit und der Kontrast zwischen Zeichen und Untergrund müssen einfach einstellbar sein und den Verhältnissen der Arbeitsumgebung angepasst werden können. Für Zeichen und Hintergrund sollten keine gesättigten rote und blaue Farben verwendet werden, um die durch frequenzabhängige unterschiedliche Brechung von blauen und roten Lichtstrahlen bedingten höheren Anforderungen an den Scharfeinstellungsmechanismus zu vermeiden. Der Bildschirm muss frei von Störungen, Reflexionen und Blendungen und leicht dreh- und neigbar sein. Der Sehabstand sollte je nach Arbeitsaufgabe und Zeichengröße zwischen 500 und 800 mm betragen.
Bei dem Sehvorgang am Bildschirm spielen Sehschärfe, Stellung der Augenachsen, Fusion, binokulare Bewegungen, Akkommodation, zentrales Gesichtsfeld und im Einzelfall Farbensinn eine wichtige Rolle. Besonders hohe Anforderungen werden an das beidäugige Sehen gestellt. Die Grundlagen des Sehens an Bildschirmarbeitsplätzen sind gut untersucht (1). Bisher konnten nach langjähriger Bildschirmarbeit außer physiologischen Anpassungsreaktionen (2) lediglich eine nicht signifikante Zunahme von Exophorien nachgewiesen werden (3). Chronische Veränderungen oder Erkrankungen der Augen und des Sehvermögens sind nicht nachgewiesen worden. Trotz der bekannten Abhhängigkeit von Akkommodation und Konvergenz von der Blickrichtung wird nach wie vor die Größe des Blickwinkels in der Vertikalebene diskutiert.
Asthenopische Beschwerden steigen mit der Anzahl nicht oder unzureichend korrigierter Sehfehler deutlich an. In diesem Zusammenhang ist die optimale Korrektur der Augen durch eine Sehhilfe als Universalbrille für den Alltag oder als eine in der Bildschirmarbeitsverordnung eigens aufgeführte spezielle Sehhilfe für den Bildschirmarbeitsplatz besonders bedeutsam. Je nach Altersstruktur der Beschäftigten beträgt der Anteil der durch die altersabhängige Verringerung der Akkommodationsbreite erforderlichen speziellen Sehhilfen an Bildschirmarbeitsplätzen jedoch nur ein bis fünf Prozent (4).
In Deutschland sind etwa zehn bis zwölf Millionen Personen vom „Trockenen Auge“ betroffen, darunter sicher auch viele Beschäftigte an Bildschirmarbeitsplätzen. Nach Meinung des Autors wird die Bedeutung von Bildschirmarbeit und Raumklima für die Genese des „Trockenen Auges“ in der Regel überschätzt. Eine Senkung der Lidschlagfrequenz durch Bildschirmarbeit und eine vergrößerte unbenetzte Fläche der Augenoberfläche bei ungünstiger Bildschirmposition sind nachgewiesen worden (5). Grafik 1 zeigt eine ergonomische Aufstellung des Bildschirms mit günstiger, abwärts geneigter Blickrichtung.
Die Diskussion über die Eignung von Personen mit Epilepsie für die Arbeit an Bildschirmarbeitsplätzen kann als abgeschlossen betrachtet werden (6). Im Hinblick auf den geringen Anteil von fünf Prozent der Personen mit photosensitiver Epilepsie, der Frequenz von Lichtreizen von 15 bis 20 Hz, mit denen photokonvulsive Reaktionen ausgelöst werden, und der vorgeschriebenen Bildwiederholfrequenz von Bildschirmgeräten von mindestens 85 Hz, ist eine Gefährdung nahezu ausgeschlossen.
Aus arbeitsmedizinisch-präventiven Überlegungen ergab sich die Notwendigkeit, insbesondere die Augen und das Sehvermögen regelmäßig präventiv sowie bei entsprechenden Beschwerden zu untersuchen und in die arbeitsmedizinische Vorsorge zu integrieren. Die Berufsgenossenschaften haben hierzu eine arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung, den Berufsgenossenschaftlichen Grundsatz „Bildschirmarbeitsplätze“ (G 37), gemeinsam mit Arbeitsmedizinern und Augenärzten sowie unter Einbindung von ergonomischen und technischen Sachverstandes interdisziplinär erarbeitet. Elemente und Ablauf des G 37 sind in Grafik 2 dargestellt.
Arbeitstisch
Der Arbeitstisch muss eine ausreichend große und reflexionsarme Oberfläche (empfohlener Reflexionsgrad 0,2 bis 0,5) besitzen und eine flexible Anordnung der Arbeitsmittel ermöglichen. Ausreichender Raum für eine ergonomisch günstige Arbeitshaltung muss vorhanden sein. Aus ergonomischer Sicht sind höhenverstellbare Tische vorteilhaft, die eine Anpassung an die optimale Sitzhöhe ermöglichen. Dieses kann auch durch eine Fußstütze gewährleistet werden. Höhenverstellbare Arbeitstische können auch für eine wechselnde Arbeitshaltung an Steh- und Sitzarbeitsplätzen eingesetzt werden (7).
Tastatur
Die Tastatur muss vom Bildschirm getrennt sein, damit die Benutzer eine ergonomisch günstige Arbeitshaltung einnehmen können. Sowohl die Tastatur als auch sonstige Eingabemittel müssen auf der Arbeitsfläche variabel angeordnet werden können. Die Arbeitsfläche vor der Tastatur muss ein Auflegen der Hände ermöglichen, die Tastatur eine reflexionsarme Oberfläche aufweisen. Form und Anschlag der Tasten müssen eine ergonomische Bedienung ermöglichen. Die Beschriftung der Tasten muss sich vom Untergrund deutlich abheben und bei normaler Arbeitshaltung lesbar sein.
Bisher konnte kein eindeutiger Nachweis von pathologischen Veränderungen durch die Arbeitshaltung am Bildschirm im Bereich der oberen Extremität als eigene Krankheitsform geführt werden (8, 9). Insbesondere bei dem Konzept des „Repetitive Strain Injury(RSI)-Syndrom“ wurde keine Veränderung anatomischer Strukturen nachgewiesen. Bei dem Repetitive Strain Injury(RSI)-Syndrom handelt es sich um unspezifische Nacken-, Schulter-, Arm- und Handbeschwerden nach repetitiven Tätigkeiten, wie sie zum Beispiel bei dem Bedienen einer Tastatur auftreten.
Unter dem Begriff „Cumulative Trauma Disorders (CTD)“ werden zusätzlich spezifische Krankheiten wie beispielsweise das Karpaltunnelsyndrom oder die Epicondylitis radialis eingeordnet. Die Bedingungen für die Anwendung des Begriffs „Berufskrankheit“ sind im Kasten dargestellt. Die Beschwerdehäufigkeit im Unterarm-Hand-Bereich bei Bildschirmarbeit steigt mit unzureichender Tastaturgestaltung und -position, ungünstiger Körperhaltung, Arbeitsbelastung und mangelhafter Pausengestaltung an. Besonders beeinträchtigen hier monotone Tätigkeiten, wie sie zum Beispiel im Schreibdienst und in der Belegverarbeitung auftreten.
Zunehmend bedeutsam werden Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule. Insgesamt muss trotz geringer Muskelbelastung verbunden mit hochrepetitiven Bewegungsabläufen bei Tastaturarbeit von einem funktionellen System der Halswirbelsäule und des Schulter-Arm-Bereichs mit besonderer Beanspruchung des Bewegungsapparates im Unterarm-Hand-Bereich ausgegangen werden. In diesem Zusammenhang verdient das Karpaltunnelsyndrom mit einer Häufigkeit von ein Prozent in der Allgemeinbevölkerung gerade bei der Betreuung von betroffenen Beschäftigten an Bildschirmarbeitsplätzen besondere Aufmerksamkeit. Ein kausaler Zusammenhang des Karpaltunnelsyndroms mit Tastaturarbeit konnte bisher nicht sicher belegt werden (10), insbesondere fehlt der Nachweis einer Kompression des N. medianus (11). Daher ergeben sich derzeit neben den Empfehlungen für eine ergonomische Schulter-Arm-Position bei der Arbeit am Bildschirm keine speziellen Maßnahmen für die Primärprävention des Karpaltunnelsyndroms.
Maus
Die Maus sollte so gestaltet sein, dass ihre Tasten in normaler Körper- und Handhaltung betätigt werden können, ohne dass sie unbeabsichtigt ihre Position ändert. Die für die Tastatur aufgeführten Erkenntnisse gelten in ähnlicher Weise auch für die Maus als Eingabemittel. Eine im populären Sprachgebrauch als „Mausarm“ bezeichnete Erkrankung muss als oben beschriebene Beanspruchungsfolge ohne anatomisches Korrelat aufgefasst werden, zumal Beschwerdeangaben von Beschäftigten nicht mit der Muskelaktivität korrelieren (12). Radialdeviation ist mit erhöhter Beschwerdehäufigkeit verbunden (13). Experimentell konnte bei Eingabetätigkeiten eine Erhöhung des Karpaltunneldrucks nachgewiesen werden, die Bedeutung des Befundes ist aber noch nicht abschließend geklärt.
Vorlagenhalter
Vorlagenhalter werden insbesondere bei umfangreichen Schreibarbeiten verwendet. Sie müssen stabil und verstellbar sein und so angeordnet werden können, dass sie im optimalen oder maximalen Blickfeld ohne hierfür notwendige Kopfbewegungen liegen. Die Größe der Auflagenfläche sollte den üblicherweise verwendeten Vorlagen entsprechen.
Büroarbeitsstuhl
Ein guter Büroarbeitsstuhl kann wesentlich zur Vermeidung von Beschwerden am Bewegungsapparat beitragen. Eine ausreichende Verstellbarkeit ist nur dann gegeben, wenn Benutzer mit unterschiedlichen Körpermaßen einwandfreie Sitzhaltungen bei vorgegebenen Arbeitshöhen einnehmen können.
Die Rückenlehne soll die natürliche Form der Wirbelsäule in der vorderen, mittleren und hinteren Sitzhaltung unterstützen. Dabei sollte die Rückenlehnenoberkante bis in den Bereich der Schulterblätter reichen und die Rückenlehnenwölbung (Lendenbausch) die Wirbelsäule in ihrem unteren und mittleren Bereich unterstützen. Dynamisches Sitzen mit wechselnden Sitzhaltungen erfordert permanent neigbare Sitzlehnen mit Einstellmöglichkeit zum Ausgleich der interindividuell unterschiedlichen Anlehnkraft. Arretierungsmöglichkeiten für verschiedene Sitzhaltungen sind sinnvoll. Stoßbelastungen der Wirbelsäule beim Hinsetzen können vermieden werden, wenn das Körpergewicht durch eine geeignete Stuhlkonstruktion federnd abgefangen wird. Durch Armstützen wird die Belastung im Schulter-Armbereich reduziert, dabei bieten höhenverstellbare Armstützen eine gute Anpassung an individuelle Körpermaße und können uneingeschränkt empfohlen werden.
Diskutiert wird immer wieder eine chronische Schädigung des Bewegungsapparates durch eine sitzende Tätigkeit. In einem aktuellen Überblick über arbeitsplatzbezogene Risikofaktoren und Erkrankungen für den Bewegungsapparat wurde für den Bereich der Lendenwirbelsäule allerdings keine Assoziation zwischen Erkrankungen und Beschwerden und sitzender Tätigkeit nachgewiesen. Die Diskussion über den geeigneten Sitzneigewinkel wurde immer wieder durch aktuelle Beiträge ergänzt und erscheint auch heute nicht abgeschlossen. Insgesamt wird die Bewertung von Beschwerden am Bewegungsapparat durch ein multikausales Ursachengefüge erschwert – sie können oftmals nicht allein mit ergonomisch unzureichend gestalteten Arbeitsplätzen erklärt werden (14, 15).
Etwa die Hälfte der Beschäftigten an Bildschirmarbeitsplätzen äußern im ersten Jahr Beschwerden am Bewegungsapparat, die auch positiv mit zahlreichen außerberuflichen Faktoren korreliert waren, darunter Alter, Geschlecht und Anzahl der Kinder. In besonderem Maße müssen arbeitsorganisatorische und psychosoziale Faktoren in der Arbeitswelt berücksichtigt werden (16).
Zentrale Ansatzpunkte in der Primärprävention unspezifischer Rückenbeschwerden bleiben weiterhin körperliche Aktivität und Bewegungsübungen, allerdings sind spezielle Programme der Primärprävention nicht immer erfolgreich. Bei chronischen Rückenschmerzen hat sich ein interdisziplinärer Therapieansatz mit Wiederherstellung der subjektiv erlebten Funktionsfähigkeit unter Berücksichtigung der Behandlungserwartungen der Patienten bewährt. Sinnvolle Primärprävention muss hier durch ergonomische Einrichtung der Arbeitsplätze, sportliche Aktivität und strukturierte Bewegungsübungen umgesetzt werden.
Arbeitsumgebung
Am Bildschirmarbeitsplatz muss ausreichender Raum für wechselnde Arbeitshaltungen und Bewegungen vorhanden sein. Dieses wird – wie auch die erforderliche Beinfreiheit – in der Praxis häufig nicht angemessen berücksichtigt. Die Bewegungsfläche sollte mindestens 1,5 m² betragen, sie sollte an keiner Stelle weniger als 1,0 m tief sein. Die Fläche je Arbeitsplatz sollte einschließlich allgemein üblicher Möblierungen und anteiliger Verkehrswegeflächen nicht weniger als 8 bis 10 m² betragen.
Die Beleuchtung muss der Art der Sehaufgabe entsprechen und an das Sehvermögen der Benutzer angepasst sein. Ältere Beschäftigte benötigen aufgrund physiologischer Alterungsvorgänge des Auges höhere Beleuchtungsstärken. Für die Beleuchtung von Bildschirmarbeitsplätzen sollten Lampen der Lichtfarbe warmweiß oder neutralweiß eingesetzt werden. Über die möglichen Auswirkungen von Vollspektrumlampen, die im Gegensatz zu herkömmlichen Leuchtstofflampen das gesamte Spektrum des sichtbaren Lichtes abbilden, wird derzeit intensiv diskutiert. Hier werden positive Effekte auf Stimmungslage, Aktivität und damit Produktivität unterstellt. Die Qualität der Beleuchtung wirkt sich vor allem auf das visuelle Leistungsvermögen aus. Sie ist entscheidend dafür, wie genau und wie schnell Farben, Details und Formen erkannt werden. Leuchtende und beleuchtete Flächen dürfen keine Blendung verursachen, Reflexionen auf der Bildschirmoberfläche sollten so weit wie möglich vermieden werden.
Um eine Beeinträchtigung der Konzentration und der Sprachverständlichkeit zu vermeiden, ist die Lärmentwicklung der Arbeitsmittel und aus der Umgebung, zum Beispiel durch Telefonate, zu beachten. Der Beurteilungspegel Lärm soll auch unter Berücksichtigung der von außen einwirkenden Geräusche abhängig von der Tätigkeit beispielsweise bei überwiegend geistigen Tätigkeiten höchstens 55 dB(A) und Tätigkeiten wie beispielsweise der Daten- und Texterfassung 70 dB(A) betragen. Zum Vergleich beträgt der Beurteilungspegel für Ventilatoren in Fotokopierern 45 dB(A), für eine halblaute Unterhaltung im Abstand von 2 m 60 dB(A) und für einen vorbeifahrenden PKW etwa 70 dB(A).
Als Raumtemperatur für sitzende und leichte Tätigkeiten sind 20° bis 22 °C zu empfehlen. Die Luftgeschwindigkeit im Raum soll nicht mehr als 0,1 bis 0,15 m/s betragen, um subjektiv unangenehme Zuglufterscheinungen zu vermeiden. Unangemessene Einstellung von raumlufttechnischen Anlagen (RLT) mit zu starker Luftströmung sind in der Praxis ein häufiger Grund für fehlende Akzeptanz dieser Anlagen bei den Beschäftigten. Die relative Luftfeuchte in Büroräumen mit Fensterlüftung ergibt sich durch den Luftaustausch. Eine zusätzliche Befeuchtung der Raumluft ist normalerweise nicht notwendig. Auch wenn eine geringe Luftfeuchte subjektiv als problematisch empfunden wird, sind negative Auswirkungen einer niedrigen Luftfeuchte nicht belegt. Vorhandene RLT sollten so ausgelegt sein, dass die relative Luftfeuchte höchstens 50 Prozent beträgt. Eine zu hohe Luftfeuchte kann wegen der möglichen Wachstumsförderung von Mikroorganismen problematisch sein.
Die Gefährdung von Beschäftigten durch elektromagnetische Strahlung wurde in den letzten Jahren intensiv untersucht und diskutiert. Eine Keimzellmutagenität und fruchtschädigende Wirkung wurde unterstellt. Bisher gibt es bei wiederholten Untersuchungen keinen Beleg für eine relevante gesundheitliche Gefährdung. Dies trifft sowohl für die in Bildschirmgeräten verwendeten Kathodenstrahlröhren mit der auftretenden geringen Röntgenstrahlung, die am Glas der Röhre nahezu vollständig absorbiert wird, als auch für das elektrostatische Feld von Bildschirmgeräten zu. Allerdings wurde die Diskussion erneut durch Einführung von Funk-Netzverbindungen belebt (17). Niederfrequente Felder entsprechen in ihren Stärken den sonst im Haushalt und Büro auftretenden Feldern, biologische Effekte werden erst durch deutlich höhere Feldstärken verursacht. Die bei den Funkanwendungen Bluetooth und Wireless Local Area Net (WLAN) definierten Grenzwerte sind bisher bei keiner Untersuchung überschritten worden, mögliche biologische Wirkungen durch diese hochfrequenten elektromagnetischen Felder sind nicht zu erwarten. In der Mehrzahl ergaben Studien, dass die von den Beschäftigten selbst auf eine Elektrosensibilität zurückgeführten Symptome überwiegend stress- und persönlichkeitsbedingt auftraten (18).
Arbeitsorganisation
Neue Formen der Arbeit wie Telearbeit führen bereits heute in Bürobereichen zu veränderten Belastungsmustern und damit zu einem Wandel der Anforderungen an Kompetenz und Qualifikation der Beschäftigten. Die Kommunikations- und Informationsgesellschaft wird zunehmend durch Aufhebung klassischer Arbeitszeitmodelle, mobile und nicht mehr personengebundene Arbeitsplätze, Auflösung traditioneller Arbeitsorte und flexibler Arbeitsmittel geprägt sein.
Die Rolle psychischer Belastungen wird in diesem Zusammenhang intensiv diskutiert (19). Es konnte gezeigt werden, dass zum Beispiel die Arbeitszufriedenheit von einer Reihe von Faktoren, darunter Entscheidungsspielraum, Kommunikationsmöglichkeiten und -fähigkeiten, beruflicher Perspektive und sozialem Umfeld abhängt. So geben Beschäftigte mit monotoner, bewegungsarmer Tätigkeit wesentlich häufiger Beschwerden an als Arbeitnehmer mit abwechslungsreicher Tätigkeit und größerer Selbstbestimmung (20). Dabei wird deutlich, dass eine Unterforderung ähnlich negative Auswirkungen hat wie eine akute oder chronische Überforderung in Abhängigkeit von den vorhandenen Fähigkeiten. Dies wirkt sich auch auf die Anwesenheitsquote aus, die durch ein Zusammenwirken zahlreicher Faktoren beeinflusst wird. Bei Bildschirmarbeit sollten regelmäßige, kurzzeitige Erholzeiten eingehalten werden. Kurze Pausen haben einen deutlich größeren Erholungseffekt als längere Erholzeiten gleicher Gesamtdauer.
Arbeitsmedizinische Vorsorge
Aus den oben beschriebenen Erkenntnissen leitet sich ein Bedarf für eine zielorientierte arbeitsmedizinische Vorsorge bei Beschäftigten an Bildschirmarbeitsplätzen ab. Sie wurde mit der arbeitsmedizinischen Vorsorguntersuchung nach dem Berufsgenossenschaftlichen Grundsatz „Bildschirmarbeitsplätze“ (G 37) realisiert. In Grafik 3 ist die kontinuierliche Zunahme der G 37-Untersuchungen dargestellt.
Die G 37-Untersuchung beinhaltet eine umfassende Anamnese mit Arbeitsanamnese im Hinblick auf relevante Beschwerden und Erkrankungen von Augen, Bewegungsapparat, Nervensystem und Stoffwechsel einschließlich Medikamenteneinnahme. Damit verbunden ist eine Untersuchung der Augen und des Sehvermögens nach den Richtlinien der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und eine abschließende arbeitsmedizinische Beurteilung (21). Ergänzt wird der G 37 bei Bedarf durch tätigkeitsbezogene Untersuchungen zum Beispiel des Bewegungsapparates. Grafik 4 zeigt die Häufigkeitsverteilung der jeweiligen arbeitsmedizinischen Beurteilung bei der G 37-Untersuchung.
Bei Bedarf kann eine Ergänzungsuntersuchung durch einen Augenarzt durchgeführt werden. Wenn erforderlich erfolgt im Rahmen des G 37 auch die Beratung im Hinblick auf die Verordnung einer speziellen Sehhilfe für den Bildschirmarbeitsplatz. Mit mehr als 1,2 Millionen jährlich durchgeführten Untersuchungen nach G 37 wird der arbeitsmedizinische Beratungsbedarf bei Beschäftigten an Bildschirmarbeitsplätzen deutlich (22).

Manuskript eingereicht: 31. 8. 2005, revidierte Fassung angenommen: 3. 1. 2006

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A 2047–52.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Jens Petersen
Bereich Prävention
Verwaltungs-Berufsgenossenschaft
Hauptverwaltung Hamburg
Deelbögenkamp 4
22297 Hamburg
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