ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Sigmund Freuds 150. Geburtstag: Psychoanalyse spielerisch entdecken

FEUILLETON

Sigmund Freuds 150. Geburtstag: Psychoanalyse spielerisch entdecken

Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A-2053 / B-1766 / C-1710

Franzen, Georg

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Eine unkonventionelle Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Ausgehend von Freuds Lebensstationen und seinen berühmtesten Fallgeschichten, zeigt das Jüdische Museum Einblicke in die Welt von Zwangsneurose, Kastrationskomplex und Über-Ich. Filmsequenzen aus 100 Jahren Filmgeschichte sowie Couch-Fotografien von Berliner Psychoanalytikern vermitteln in einer originellen Installation etwas von der Faszination und den Geheimnissen rund um die Psychoanalyse.
Die Ausstellung, eingebettet in die umfangreiche Sammlung zur jüdischen Kulturgeschichte, legt als erste Assoziation nahe, dass Freud selbst ein Teil dieser geworden ist. Zugleich wird dem Besucher bewusst, wie stark verwurzelt der Begründer der Psychoanalyse in dieser Historie ist. Man erwartet in dem traditionellen Rahmen des Museums deshalb etwas ganz anderes und ist überrascht,
auf eine Torteninstallation zu stoßen: Freuds Geburtstags-
torte. Darauf werden in 24 Szenen – mit einfach hergestellten Puppen – Einblicke in Freuds Lebensstationen gegeben: Geburt, Familie, Heirat, Charcot, Rom-Reise, Berliner Institut, Krankheit, Aufbruch ins Exil. Die Szenen werden von kurzen Hörspielstücken begleitet.
Wie in einer Leuchtreklame, die an Pop-Art erinnert, werden die grundsätzlichen psychoanalytischen Begriffe erklärt: Orale Phase, Urszene, Trieb, Übertragung, das Unbewusste, Freie Assoziation, Ödipuskomplex, Narzissmus. Falldarstellungen zu Anna O., Dora, der kleine Hans, Rattenmann, Schreber, Wolfsmann werden plastisch mit einfachen Mitteln erläutert. Hier und da lässt sich ein Kästchen öffnen, eine Tafel hin und her schieben. Der Blick von Anna O. in den Spiegel beispielsweise, als sie den Vater als Totenkopf halluziniert, kann so nacherlebt werden.
Den Besuchern wird ermöglicht, in spielerischer Art die Psychoanalyse zu entdecken. Das Konzept der Ausstellungsmacher, über eine künstlerische Installation hochkomplexe psychoanalytische Begriffe auf einfache Art und Weise nahe zu bringen, scheint gelungen – ein leichter, humorvoller Zugang zur Psychoanalyse.
Ziel der psychoanalytischen Kur ist letztendlich Erleichterung, Entlastung und Freiheit für die individuelle Persönlichkeit. Kunst und Psychoanalyse haben darin durchaus Gemeinsamkeiten, folgen gleichsam einem kreativen Prozess. Kunst kann sich als Form einer symbolischen Erfahrung vermitteln, in der es zu einer Begegnung kommt. Symbolisches Verstehen ist demnach erfahrungs-orientiert. Bestimmte sprachliche Begriffe der Psychoanalyse haben längst einen eigenen symbolischen Wert. Hier korrespondiert dann die künstlerische Installation mit den Begrifflichkeiten der Psychoanalyse und lädt ein zu einer Assoziationsreise, die sich nicht nur auf die psychoanalytischen Begriffe beschränkt.
Der Besucher lässt sich gerne am Ende der Ausstellung, nachdem er den dunklen Gang durch die Traumwelt passiert hat, auf einer der Couchen nieder. Hier ist es möglich, sich zurückzulehnen und Ausschnitte aus Filmsequenzen anzusehen, welche subjektive Sichtweisen auf den analytischen Prozess zwischen Therapeut und Patient skizzieren. So schreibt Karl-Josef Pazzini, Psychoanalytiker und Professor für bildende Kunst in Hamburg, im didaktisch gut aufbereiteten Ausstellungskatalog: „. . . Für diese kurze Charakterisierung wichtiger Momente der Psychoanalyse steht nun die Couch, wie man im alltäglichen Reden bemerken kann, in Witzen, in Comics, in Filmen. Sie wird zum darstellbaren Symbol der Nichtdarstellbarkeit, aufgeladen mit all den Fantasien zu den Grenzsituationen, auf die sie anspielt.“ Rundherum sind die Arbeitsgeräte von 140 Berliner Analytikern auf Fotos zu sehen: Couch neben Couch. Die unterschiedlichen Ausstattungen der Räume lassen erahnen, dass Psychoanalytiker Individualisten sind, die mit ihrer Persönlichkeit den Rahmen des Möglichen oder Unmöglichen abstecken.
Psychoanalyse ist auch eine Antwort auf das gesellschaftliche Problem, dass Sinngebung und Orientierung nur mehr als individuelle Aufgaben verstanden werden, die sich nicht auf transzendente Autoritäten beziehen können oder wollen. In der Ausstellung bleibt dieses Transzendente außerhalb des Raumes der Sonderausstellung bewahrt. Der Blick über den Tellerrand in die ständige Ausstellung des Museums lohnt daher. Freud ist Teil dieser Historie – eine individuelle Auseinandersetzung im Raum des Museums, den Raum der Psychoanalyse zu entdecken. Mit dem unkonventionellen Ausstellungskonzept werden individuelle Assoziationen und Berührungen ermöglicht: Psychoanalyse zum Anfassen. Dr. phil. Georg Franzen

Fotos: Jüdisches Museum, Berlin
Fotos: Jüdisches Museum, Berlin
Die Ausstellung „Psychoanalyse – Sigmund Freud zum 150. Geburtstag“ ist bis zum 27. August zu sehen: Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin, Telefon: 0 30/25 99 33 00, E-Mail: info@jmberlin.de, Internet: www.jmberlin.de.
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