ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2006Arztgeschichten: Begräbnis zweiter Klasse

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Arztgeschichten: Begräbnis zweiter Klasse

Marpert, Christa Maria

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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Ärzteschaft.

Als Kind mochte ich Beerdigungen. Hauptsächlich, weil es dort Bienenstich vom Bäcker gab. Inzwischen kaufe ich mir den Bienenstich lieber selber.
Zur Beerdigung von Herrn Janzen ging ich dennoch, obwohl ich nicht einmal eingeladen war. Eigentlich ist es nicht meine Art, zur Beerdigung eines Patienten zu gehen. Da hätte ich ja auch viel zu tun, auf der Krebsstation ist der Tod ein häufiger Gast. Aber ich hatte Urlaub, und Herr Janzen war ein besonderer Patient gewesen.
Privatpatient, und dann noch Lehrer, eigentlich sprachen die Rahmenbedingungen dafür, diesen Mann von vornherein nicht zu mögen. Aber er war anders als die anderen. Brachte keine vorgefertigten Diagnosen mit, hatte keine Standesdünkel und ließ mir beim Blutabnehmen die freie Wahl, welche sei-
ner zerstochenen Venen ich punktieren wollte.
Bronchialkarzinom, Kleinzeller, extensive disease. Somit war alles klar. Sechs Zyklen Chemotherapie über je eine Woche, dazwischen immer zwei Wochen Pause. Erstmal gutes Ansprechen, das gibt den Leuten immer Hoffnung, obwohl man ihnen gesagt hat, dass es keine Heilung gibt. Und dann, spätestens ein halbes Jahr nach der Chemo, kommt das Rezidiv. Und das ist der Moment, wo auch die Privatpatienten von mir, dem Stationsarzt, und nicht mehr vom Chef versorgt werden. Der hat nämlich, obwohl er seit 20 Jahren in dem Job ist, eine Heidenangst vor Freund Hein. Kann weder vor seinen Patienten noch vor seinem Personal zugeben, dass er am Ende
ist mit seinem Latein, Ende der Fahnenstange. Und einer muss ja zu den Leuten rein. Das bin dann ich. Herr Janzen war immer freundlich, immer beherrscht. Als der Chef ihm nach der Lungenspiegelung die Diagnose mitteilte, und auch, als ich ihm sagen musste, dass das Rezidiv da ist und wir nur noch Symptome lindern können.
Distanziert und freundlich blieb er. Nichts mit Kübler-Ross, Phasen des Sterbens, wonach ja auch irgendwann eine Stinkwut kommt, wo ein Patient die Station zusammenbrüllt oder wenigstens mal eine Flasche Mineralwasser an die Wand knallt. Er hat alles mit sich abgemacht.
Er kam Montag morgens zur Chemo, eine schlanke Mittvierzigerin mit blondiertem Haar brachte ihn, blieb nur kurz und verschwand nach einem Abschiedskuss. Dann kam sie jeden Mittag für eine Stunde. Abgeholt wurde er am Freitagnachmittag von einer brünetten Frau, groß und schlank. Ab und zu wurde sie von einer älteren Dame begleitet, die sich uns als seine Mutter vorstellte.
Sie war die Einzige, die den Schwestern oder auch mir mal eine Frage stellte. Mit den anderen beiden habe ich nie gesprochen.
Als er tatsächlich sein Rezidiv hatte und länger stationär war, kamen die beiden Frauen abwechselnd, die Blondierte morgens, die Brünette nachmittags. Sie blieben länger, baten aber nie um Informationen und waren auch bei den Visiten nicht dabei. Das passte zu ihm, der immer kontrolliert ist und selbst entscheidet, wem er was sagt.
Als er sich eines Tages nicht mehr sauber rasierte und im Schlafanzug ohne Morgenmantel über die Station lief, war klar, er hat Hirnmetastasen. Hat sich auch prompt im CT bestätigt. Ein Versuch mit Bestrahlung brachte nicht viel, bald lag er nur noch auf dem Bauch in seinem Bett, musste gefüttert und gewindelt werden. Seine Termine konnte er nicht mehr koordinieren, und so kam eines Tages die Brünette ins Zimmer, als die Blondierte noch da war. Als der Pfleger Thomas die Blondierte mit „Frau Janzen“ ansprach, ist die Brünette ausgerastet, eine richtige Furie, und das in einem Sterbezimmer.
Aber woher sollte Thomas auch wissen, dass die Blondierte eben nicht Frau Janzen war?
Danach hat der Mann noch 14 Tage gelebt. In der Zeit kam nur noch die Mutter, die beiden jüngeren Frauen haben wir nicht wiedergesehen.
Jedenfalls war ich einer der wenigen, die sich auf der Beerdigung nicht gewundert haben. Auf dem Rückweg vom Friedhof tuschelten die Leute schon: „Gut situierter Lehrer, und dann ein schlichter Fichtensarg. Außerdem ein Einzelgrab, wo er doch verheiratet war. Will sie denn später nicht neben ihm liegen?“
Einen Kranz von der Ehefrau gab es auch nicht, nur einen von der Mutter. Alles in allem ein armseliges Begräbnis, eben ein Begräbnis zweiter Klasse. Christa Maria Marpert
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