VARIA

Erstaunt und verlegen

Dtsch Arztebl 2006; 103(30): A-2054 / B-1767 / C-1711

Eberhardt, Günther

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LNSLNS Als junger Assistenzarzt im Krankenhaus fiel mir die Aufgabe zu, einer betagten Patientin eine intravenöse Injektion zu verabreichen. Die Frau lag schon lange auf Station und war sehr krank. Sie war uns wegen ihres Lebensmutes, ihrer immer währenden Freundlichkeit und unendlichen Geduld ans Herz gewachsen.
Die Schwestern hatten ihr einen Mittelscheitel gekämmt, rechts und links ein Zöpfchen geflochten und diese mit wunderschönen Schleifchen verziert.
Als ich ins Zimmer kam, saß sie auf der Bettkante und baumelte mit den Beinen, wie ein kleines Mädchen. Trotz ihrer schweren Krankheit war sie stets zu Scherzen aufgelegt und im Inneren der Kindheit näher als dem Alter.
Die arme Frau litt unter schweren Ödemen. Salopp gesagt, das Wasser stand ihr bis zum Hals. Das war durchaus wörtlich zu nehmen. Sogar die Arme hatte die Gewebsflüssigkeit stark aufgetrieben.
Eine Vene konnte ich nur erahnen. Ich empfand tiefes Mitgefühl für diesen geplagten Menschen.
Äußerst behutsam setzte ich die Kanüle an. Mein ganzes Können legte ich in diese Injektion. War es meine Intuition oder ein glücklicher Zufall, ich fand die Vene auf Anhieb.
Wie befreit kam es mir von den Lippen: „Jetzt bin ich drin.“
Vielsagend, und ich glaube auch ein wenig erleichtert, lächelte mich die Schwerkranke an: „Ja, ja, mein Junge, zwei junge Menschen müssen Glück haben.“ Erstaunt und verlegen wusste ich keine passende Antwort und wandte mich errötend ab. Günther Eberhardt
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