ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2006Organspenden: Eindringlicher Appell
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LNSLNS Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Bundesbürger aufgefordert, anderen Menschen durch eine Organspende neues Leben zu schenken.

Bereitwillig bewies der Bundesaußenminister, dass es sich bei ihm nicht nur um fromme Worte handelte. Wie selbstverständlich zückte Frank-Walter Steinmeier (SPD) seinen Organspenderausweis, als ihn Besucher der Wohltätigkeitsveranstaltung „Wir Kinder vom Ederhof“ im Schauspielhaus Hannover danach fragten. Bei der großen Mehrheit in Deutschland vermisse er aber dieses Engagement, beklagte Steinmeier als Gastredner der Benefizmatinee der Rudolf-Pichlmayr-Stiftung für das von ihr geführte Kinderrehabilitationszentrum in Tirol. Zwar bekundeten zwei Drittel aller Bürger, dass sie Organspenden gut fänden. „Aber gerade mal zehn Prozent sind dann dazu auch wirklich bereit“, sagte Steinmeier. So stünden den jährlich 10 000 Patienten, die Niere, Leber, Herz oder Lunge benötigten, nur 3 500 Spenderorgane zur Verfügung. „Aus diesem Missverhältnis müssen wir herauskommen“, appellierte der Minister. Es gehe darum, durch bessere Information eine breitere gesellschaftliche Basis für Organspenden zu schaffen.
Einen Schritt weiter ging Prof. Christoph Broelsch, der Direktor des Transplantationszentrums Essen. „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, sind drei bis fünf Menschen gestorben, weil sie kein passendes Organ gefunden haben.“ Er habe kein Verständnis für die vielen Vorbehalte. Freiwilligkeit reiche nicht mehr aus. „Deshalb muss ein anderes Gesetz her.“
Berührende Beispiele
Wie dringlich Organspenden auch und gerade für Kinder sind, zeigten einmal mehr die berührenden Beispiele vom Ederhof in Stronach in Tirol. 2 000 Kinder und ihre Familienangehörigen wurden seit 1992 in dem von Prof. Rudolf Pichlmayr und seiner Frau Prof. Ina Pichlmayr gegründeten Rehabilitations- und Dialysezentrum betreut. In einer ganzheitlichen Therapie erholen sich die Kinder und Jugendlichen nicht nur von ihren anstrengenden Operationen, sie werden auch dabei unterstützt, (zurück) in den Alltag zu finden. „Ihnen wird dort der Schlüssel zum Weg in ein neues Leben gegeben“, sagte Prof. Eckhard Nagel, Vorsitzender der Pichlmayr-Stiftung.
Marvin ist einer von ihnen. Im Alter von zwölf Tagen bekam er eine neue Leber transplantiert. Seitdem kommt der heute Zehnjährige jedes Jahr zum Ederhof. „Wir machen hier viel Gymnastik und wandern viel“, berichtet der Fan vom Hamburger Sportverein. Dass es ihm anfangs gar nicht behagte, „auf den Berg hochgescheucht“ zu werden, gibt er nur zögernd zu. Inzwischen schafft er auch das spielend. Die Schule leidet während seiner Kuren nicht. „Die schicken mir die Aufgaben in Mathe und Deutsch per Fax zum Ederhof.“ „Das macht ihm Spaß“, erzählt Marvins Mutter Manuela Schild fröhlich. Die Norderstedterin und ihre siebenjährige Tochter begleiten den kleinen Patienten bei fast jedem Aufenthalt nach Tirol.
Der Austausch der Betroffenen steht im Mittelpunkt der Therapie in Tirol. Die Kinder und ihre Eltern bildeten dort eine „Schicksalsgemeinschaft“, betonte Dr. Anne Schattenfroh, die Reha-Leiterin des Ederhofs. Die gesamte Familie einbeziehen, das gehört von Anfang an zum Konzept des Ederhofs, dieser in Europa immer noch einmaligen Einrichtung. In Deutschland, so beklagen Betroffene, gebe es immer wieder Probleme mit der Finanzierung durch die Krankenkassen. Waren früher drei Monate Aufenthalt gang und gäbe, sind es heute meist nur noch vier Wochen. Die Pichlmayr-Stiftung kümmert sich denn auch um die materielle Hilfe für die Familien. Um das Stiftungswerk im Sinne des Gründers weiterführen zu können, baten Nagel und Steinmeier um Spenden, Patenschaften und ehrenamtliches Engagement.
Beide würdigten das Werk Rudolf Pichlmayrs. Der 1997 verstorbene Mediziner leitete viele Jahre die Abdominalchirurgie und Transplantationsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Pichlmayr übertrug als Erster in Europa Kindern Spenderorgane. Schon früh erkannten der Chirurg und seine Frau, dass es aber allein mit der Transplantation nicht getan ist, dass die Betreuung der jungen Patienten nach der Operation mindestens genauso wichtig ist. Daraus wurde die Idee der Stiftung und später des Reha-Zentrums Ederhof geboren. Peter Mlodoch
In einer ganzheitlichen Therapie erholen sich transplantierte Kinder und Jugendliche auf dem Ederhof in Tirol. Foto: Ederhof
In einer ganzheitlichen Therapie erholen sich transplantierte Kinder und Jugendliche auf dem Ederhof in Tirol. Foto: Ederhof
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