ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2006Günter Gerhardt: Der „Fernseh-Doc“
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Der Allgemeinmediziner Dr. med. Günter Gerhardt ist als Fernsehmoderator bekannt geworden. Foto: wissen-gesundheit.de
Der Allgemeinmediziner Dr. med. Günter Gerhardt ist als Fernsehmoderator bekannt geworden. Foto: wissen-gesundheit.de
Wie lässt sich das Thema Medizin und Gesundheit angemessen in den Medien vermitteln? Für den Arzt und langjährigen Fernsehjournalisten ist dies immer noch eine Herausforderung.

Er ist im Verlauf seiner Medienkarriere auf vielen Fernsehsendern, darunter im ZDF, 3sat, WDR und RTL, zu sehen gewesen – Dr. med. Günter Gerhardt. Zurzeit moderiert er unter anderem bei SWR4 den „Gesundheitstipp“, im ZDF „PRAXIS täglich“ und in 3sat die „Teletipps vom Hausarzt“. In der Regel sind es kleinere Beiträge von jeweils drei bis fünf Minuten, etwa im „Fernsehgarten“ oder bei „PRAXIS mobil“, wobei man stets die „Quote“ im Blick behalten müsse. Diese generiert sich aus einem überwiegend weiblichen Zuschauerpublikum mit dem Schwerpunkt auf den mittleren und älteren Jahrgängen.
Auch in anderen Medien ist Gerhardt seit Jahren präsent: So schreibt er Kolumnen für Zeitschriften wie „Freundin“ oder „Frau aktuell“, verfasst Ratgeberbroschüren, hält Vorträge und hat kürzlich einen Film zum Thema „Hypertonie“ produziert, über den die Ärzte Fortbildungspunkte sammeln können. Über das Internet und das Gesundheitsportal „Wissen-Gesundheit“ (www.wissen-ge sundheit.de), für das er eine eigene Firma gegründet hat, erreicht der mediale Allrounder inzwischen auch jüngere Rezipienten. Themen wie Akne, Verhütung und Sexualität sind online besonders gefragt. Darüber hinaus stehen Broschüren zum Herunterladen bereit, etwa zum Thema Fasten, zur Reisemedizin oder zur Vogelgrippe. Zusätzlich gibt es auch einen Expertenrat per Post und per E-Mail. Gerhardt: „Ich bin anfangs erstickt in Post. Das Schlimmste, was ich bekommen habe, war ein Paket mit vier Leitz-Ordnern. Die meisten schicken mir einen Packen Befunde und schreiben: ,Sie sind meine letzte Hoffnung.‘“ Die Beantwortung solcher Anfragen ist aufwendig, kaum kostendeckend machbar und erfordert häufig eher den Psychologen. „Mit Textbausteinen kommt man da nicht weit“, erklärt Gerhardt. „Da habe ich wirklich zu meinem eigenen Schutz gesagt, das kann ich nur kostenpflichtig machen.“ Mit durchschnittlich fünf Anfragen monatlich wird die individuelle „Online-Lebenshilfe“ deswegen wohl nur mäßig nachgefragt.
Schon während der Schul- und Studienzeiten war Gerhardt für Schüler- und Studentenzeitschriften aktiv, und lange konnte er sich nicht für einen seiner drei Berufswünsche – Arzt, Journalist und Schauspieler – entscheiden. Auf den Rat seines Vaters hin („Bub, lern was Anständiges!“) begann Gerhardt jedoch zunächst ein Medizinstudium, das er 1976 mit der Promotion abschloss. Eine Weiterbildung zum Allgemeinarzt in den Fächern Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie und Pädiatrie sowie eine berufsbegleitende Weiterbildung in Psychotherapie folgten. 1979 ließ sich Gerhardt als Landarzt in Wendelsheim nieder, wo er bis heute zusammen mit seiner Frau und zwei weiteren Kolleginnen eine Gemeinschaftspraxis führt. Doch schnell wuchs bei ihm der Wunsch, „auch etwas anderes als immer nur ,Der Nächste, bitte‘ zu sagen“, so Gerhardt. Diesen Ausgleich fand er zunächst im berufspolitischen Engagement. 1989 wurde er mit 42 Jahren zum Vorstandsvorsitzenden der KV gewählt. Darüber hinaus übernahm er im selben Jahr das Amt des Vorsitzenden der Landeszentrale für Gesund­heits­förder­ung Rheinland-Pfalz und wurde Lehrbeauftragter der Universität Mainz – beides Tätigkeiten, die er noch heute ausübt.
Anfang Juli informierte Gerhardt gemeinsam mit Senta Berger, der Schirmherrin der Initiative „Stark gegen den Schmerz“, im ZDF-Fernsehgarten über Arthrose. Foto: ZDF
Anfang Juli informierte Gerhardt gemeinsam mit Senta Berger, der Schirmherrin der Initiative „Stark gegen den Schmerz“, im ZDF-Fernsehgarten über Arthrose. Foto: ZDF
Gerhardt, der morgens bereits um halb sieben in seiner Praxis stand und nachmittags den Pflichten als KV-Chef nachkam, hatte jedoch noch Kapazitäten frei: Fast zeitgleich mit seinem berufspolitischen Einstieg startete eine Arbeitsgemeinschaft mehrerer KVen in Rheinland-Pfalz und im Saarland eine Initiative mit dem Ziel, die Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern. Treibende Kraft war bald Gerhardt, der sich vorgenommen hatte, medizinische und gesundheitspolitische Themen stärker und vor allem seriös und unabhängig in den Medien zu verankern. Nach einer Hörfunkreihe bei einem privaten Sender im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft, bei der er erste Medienerfahrungen sammeln konnte, kam schließlich eine Anfrage vom Südwestfunk für eine Fernsehsendung. Der „Fernseh-Doc“ war geboren.
Schließlich lud Gerhardt montags bis donnerstags täglich im ZDF zur Fernsehsprechstunde ein. Ein für Gerhardt in mehrfacher Hinsicht schwieriges Jahr war das Jahr 2000: Da gab es einerseits den Verdacht, der damalige Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinhessen (heute KV Rheinland-Pfalz) decke einen Fall von Abrechnungsbetrug in seiner KV und behindere die staatsanwaltlichen Ermittlungen in einem Laborskandal. Erst 2006 wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Gleichzeitig geriet die von Gerhardt moderierte populäre ZDF-Ratgebersendung „Gesundheit“ wegen zu großer Nähe zur Pharmaindustrie in die Kritik und wurde in der Folge eingestellt. In beiden Fällen konnte dem Allgemeinmediziner keine Verstrickung nachgewiesen werden, doch hinterließen die Affären Spuren: „Das kann man nicht einfach so wegstecken“, erklärt der Medienprofi, der anschließend zwei Magengeschwüre auskurieren musste. Seither ist es ein wenig stiller geworden um den „Doc“, wie er in der Fernsehbranche genannt wird, doch seine alte Leidenschaft, der Journalismus, hat ihn zu keiner Zeit verlassen.
Was Gerhardt nach jahrzehntelanger Erfahrung allerdings oft ärgert, ist die Tatsache, dass er auf gute Medizinthemen häufig nur per Zufall stößt („Die richtig guten Themen finde ich leider oft nicht in der Fach-, sondern in der Laienpresse.“) oder – schlimmer noch – dass diese in den Medien falsch dargestellt werden. Selbst der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei hier vor Missgriffen nicht gefeit, etwa wenn die Makuladegeneration, wie in den Heute-Nachrichten geschehen, als grundsätzlich heilbar dargestellt werde, sagt Gerhardt.
Doch wie lässt sich dem Zufall bei der Themenfindung besser auf die Sprünge helfen? Dafür hat Gerhardt noch keine Lösung parat – allenfalls die Vision einer unabhängigen Ideenplattform, die auf vernetzter ärztlicher Kompetenz beruht und die seriös über Innovationen und Projekte in der Medizin informiert. „Es gibt in Deutschland wirklich gute Sachen“, ist er überzeugt, doch häufig erfahre man nichts davon. Anregungen von Ärzten, wie sich diese verborgenen Schätze heben lassen, sind ihm jederzeit willkommen, denn: „Medizin kann so spannend sein.“
Heike E. Krüger-Brand, Gisela Klinkhammer
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