ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2006Umfrage: Beim Arzt gut aufgehoben

THEMEN DER ZEIT

Umfrage: Beim Arzt gut aufgehoben

May, Uwe; Ries, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ärzte genießen in der Bevölkerung hohes Vertrauen, ergab eine repräsentative Befragung. Sie zeigte zugleich: Rezeptfreie Arzneimittel beurteilt die Bevölkerung viel kritischer, seit die Krankenkassen sie nicht mehr erstatten.

Rezeptfreie Arzneimittel dürfen seit In-Kraft-Treten des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG), von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnet werden. Als Folge des OTC-Erstattungsausschlusses durch den Gesetzgeber ging die Zahl der von den Ärzten in Deutschland verordneten rezeptfreien Arzneimittel von circa 266 Millionen Packungen (2003) auf 147 Millionen Einheiten (2005) zurück. Entgegen den Prognosen renommierter Marktforschungsinstitute wurde ein Großteil der wegfallenden Verordnungen nicht von steigenden Selbstkäufen aufgefangen. In den vergangenen zwei Jahren wurden jeweils mehr als 100 Millionen Packungen rezeptfreier Arzneimittel, die vor der Reform noch verordnet worden waren, nicht durch Selbstkäufe ersetzt. Die Patienten verzichteten in diesem Umfang auf die Anwendung von Arzneimitteln. Daran hat auch die Möglichkeit, dass Ärzte OTC-Präparate empfehlen oder ein „Grünes Rezept“ ausstellen, nichts geändert. Insbesondere bei leichteren Erkrankungen wurde zudem auch in vielen Fällen der Gang zum Arzt unterlassen.
Vor dem Hintergrund dieser Fakten scheinen demoskopische Studien, die vor der Gesundheitsreform eine sehr hohe Bereitschaft der Patienten zur gesundheitlichen Eigenverantwortung und zur Selbstmedikation vermuten ließen, inzwischen obsolet. Versuche, diese Diskrepanz mit der Praxisgebühr, der allgemeinen wirtschaftlichen Situation und der Konsumschwäche zu erklären, greifen zu kurz. Insbesondere wenn die Mehrausgaben, die die Gesundheitsreform verursacht, ins Verhältnis zu Konsumausgaben in anderen Bereichen gesetzt werden.
Hohe Sympathiewerte
Die Hypothese, dass weniger die Zahlungsfähigkeit als die Zahlungsbereitschaft eine entscheidende Rolle spielen könnte, hat den Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) bewogen, zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Icon Added Value eine Bevölkerungsbefragung durchzuführen1. Die Studienergebnisse beruhen auf einer für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Basisstichprobe von 800 Bürgern im Alter zwischen 20 und 70 Jahren. Die Befragung wurde im Januar 2006 bundesweit mit der so genannten CATI-Methode (computer-aided telephone interviews) durchgeführt. In die Interpretation der Ergebnisse fließen zusätzlich Erkenntnisse aus dem Health Care Monitoring des Kölner Marktforschungsinstituts psychonomics ein2.
Der Arzt verkörpert traditionell und vom ethischen Anspruch her den Inbegriff eines vertrauenswürdigen Heilberuflers und altruistischen Verfechters der Patienteninteressen. Von gesundheitspolitischer Seite wird dem Arzt darüber hinaus zunehmend auch die Rolle eines Lotsen im Gesundheitswesen und eines Agenten der ökonomischen Interessen des GKV-Systems zugedacht. Letztgenannte Aufgaben können tatsächlich oder in der öffentlichen Wahrnehmung mit der Zielsetzung, das Patientenwohl uneingeschränkt zu vertreten, in Konflikt geraten. Gleichwohl war es zu erwarten, dass der Grundtenor der Befragungsergebnisse ein sehr positives Bild der Ärzte in der Bevölkerung wiedergibt. So sind die Sympathie- und Vertrauenswerte sowie die Loyalität gegenüber Ärztinnen und Ärzten in einem Vergleich mit Dienstleistungserbringern verschiedener Branchen weit überdurchschnittlich hoch. 72 Prozent der Patienten sind mit der Qualität der medizinischen Behandlung zufrieden, 62 Prozent glauben, dass sich ihr Arzt in allen Gesundheitsfragen gut auskennt, und für 66 Prozent ist er ein wichtiger Ratgeber bei Gesundheits-problemen. 64 Prozent gaben an, ihren eigenen Arzt schon einmal weiterempfohlen zu haben.
Apotheker besser beurteilt
Positive Eigenschaften der Mediziner, die den Befragten vorgegeben wurden, finden bei diesen durchweg eine Zustimmung von rund 90 Prozent. Das heißt, bei jeweils neun von zehn Befragten gelten Ärzte als verantwortungsbewusst, diskret, zuverlässig, ehrlich und engagiert. Freundlichkeit wird noch ein wenig häufiger als ärztliches Charakteristikum benannt. Auf Werte von 80 Prozent und darunter kommen in absteigender Reihenfolge die Eigenschaften kompetent, einfühlsam und modern. Der Vorwurf, vorrangig ein monetäres Interesse an den Patienten zu haben, wurde zu Anfang des Jahres 2006 nur etwa von jedem zehnten Befragten erhoben.
Die individuelle Entscheidung, bei gesundheitlichen Beschwerden einen Arzt aufzusuchen, hängt von dem Nutzen ab, den sich der jeweilige Patient davon verspricht. Mehr als 80 Prozent der Patienten fühlen sich bei ihrem Arzt ernst genommen, gut aufgehoben und mit verständlichen Erklärungen bedacht (siehe Grafik). Kaum weniger Menschen geben an, dass der Arzt sich genügend Zeit für sie nimmt und ihnen immer die Medikamente verordnet, die sie brauchen. Letzteres ist in Anbetracht des OTC-Erstattungsausschlusses und anderer Verordnungseinschränkungen ein bemerkenswertes Ergebnis, wenngleich im Umkehrschluss immerhin jeder Fünfte sowohl im Hinblick auf das ärztliche Zeitkontingent wie auch die Arzneiverordnung eine Beschränkung, das heißt eine subjektive Rationierung erfährt.
Etwas deutlicher werden bestimmte Defizite bei den Nutzenmerkmalen. Nur gut 70 Prozent halten ihren Arzt für einen wichtigen Gesundheitsratgeber und glauben, von ihm die beste Behandlung zu erfahren. Etwa sechs von zehn Befragten wähnen ihren Arzt auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Die Tatsache, dass nicht weniger als jeder Fünfte seinem Arzt zutraut, auf Kosten seiner (des Patienten) Gesundheit zu sparen, muss nachdenklich stimmen, zumal die freie Arztwahl es den Patienten ermöglichen würde zu wechseln, sofern sie sich davon Besserung erhoffen würden.
In der Gesamtbetrachtung werfen die Ergebnisse das erwartete positive Licht auf das ärztliche Bild in der Bevölkerung. Allerdings fällt in der gleichen Untersuchung die Bewertung der Bevölkerung für die Apotheker noch positiver aus. Sie genießen im Vergleich zu den Ärzten bessere Sympathie und Vertrauenswerte.
Als direkte Folge der Gesundheitsreform ist zu konstatieren, dass unter anderem durch Praxisgebühr und zunehmende IGeL-Angebote die „kaufmännischen Aspekte“ des Arztberufs im Verhältnis zu dem heilberuflichen Auftrag aus Sicht der Bevölkerung ein stärkeres Gewicht erlangt haben. Dies könnte Teil einer Erklärung für das leicht getrübte, aber überwiegend positive Arztbild in der Bevölkerung sein.
Gegenüber OTC-Präparaten skeptisch
Im Hinblick auf rezeptfreie Arzneimittel ergibt die Momentaufnahme des Stimmungsbilds, dass die Markensympathie und das Markenvertrauen hier, in Relation zu pharmazeutischen Produkten insgesamt, gering ausgeprägt sind. Im Einklang damit wollten sich dem Statement „Rezeptfreie Arzneimittel bieten eine ausgezeichnete Qualität“ lediglich 47 Prozent der Befragten anschließen.
Positive Produkteigenschaften wie „wirksam“, „bewährt“, „modern“, „zuverlässig“ und „sicher“ werden rezeptfreien Arzneimitteln jeweils nur von 50 bis 60 Prozent der Befragten zugeschrieben. Die wünschenswerte Eigenschaft „unbedenklich“ wird den OTC-Produkten von nur rund 30 Prozent der Befragten beigemessen. Hinsichtlich aller oben genannten Produkteigenschaften sind jeweils Männer und ältere Menschen die deutlich kritischeren Gruppen.
Nur rund 40 Prozent der Patienten sind der Meinung, dass OTC-Produkte auch das Vertrauen ihres Arztes genießen. Nicht mehr als jeweils 30 bis 40 Prozent vertreten die Auffassungen, dass OTC-Produkte ihr Geld wert sind, sie genauso wirksam sind wie verschreibungspflichtige Arzneimittel oder dass sie für die eigene Gesundheit unverzichtbar sind. Demgegenüber glauben nur etwas mehr als 20 Prozent der Befragten, dass rezeptfreie Arzneimittel tendenziell weniger Nebenwirkungen als verschreibungspflichtige Medikamente haben. Patienten, die älter als 60 Jahre sind, möchten weniger gern auf ihre Selbstmedikationsprodukte verzichten, wenngleich sie die Produkteigenschaften der OTC-Präparate negativer bewerten als jüngere Menschen.
Nach der letzten Gesundheitsreform hat ein tief greifender Stimmungswandel in der Bevölkerung eingesetzt. Offensichtlich deuten die Patienten den OTC-Erstattungsausschluss durch den Gesetzgeber als Signal dafür, dass es sich bei diesen Produkten um überflüssige und minderwertige und somit verzichtbare Arzneimittel handelt. Aber auch die Verbraucher, die dies nicht unterstellen wollen, kultivieren die eigene Verzichtsfähigkeit, indem sie die „unkontrollierte“ Anwendung der Arzneimittel als Gefahr einstufen, um den Verzicht ohne Gesichtsverlust vor sich zu rechtfertigen.
Nicht zuletzt fehlt den Verbrauchern in vielen Fällen der Arzt als Gewährsinstanz, um das diffizile psychologische Spannungsfeld zwischen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit zu lösen. Die Ärzte sind aufgrund ihrer Nähe zu den Patienten und aufgrund ihres Vertrauensvorschusses prädestiniert, hier einen Beitrag zur Aufklärung, Sensibilisierung und sachlichen Information der Bevölkerung zu leisten. Dr. Uwe May und Marion Ries, BAH


1 Icon Added Value/BAH, Apotheker, Arzt und die Selbstmedikation – Rationale und emotionale Wahrnehmung der Leistungsangebote aus Verbrauchersicht, Nürnberg und Bonn, März 2006
2 psychonomics AG, Abwertungseffekte von OTC nach dem GMG. Eine Stellungnahme auf Basis von vier Jahren Health Care Monitoring im Auftrag des BAH, Köln, April 2006
Anzeige
Grafik: Gute Noten für den Arzt

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema