ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2006Prognose: Der Patient von morgen

POLITIK

Prognose: Der Patient von morgen

Dtsch Arztebl 2006; 103(31-32): A-2093 / B-1804 / C-1746

Spielberg, Petra

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LNSLNS Gesundheitsversorgung im Jahr 2020: mehr Eigenverantwortung

Im Jahr 2020 gehen die Menschen nicht nur zum Arzt, wenn sie krank sind. Sie verspüren vielmehr ein Verlangen danach, ab und an Gesundheitsdienstleistungen zu konsumieren. So wie man sich von Zeit zu Zeit ein gutes Essen gönnt. Was verschroben klingt, ist ein ernst gemeintes Szenario. Das schwedische Unternehmen Health Consumer Powerhouse (HCP) hat 132 Patientenorganisationen aus 24 europäischen Ländern (alle EU-Staaten außer Malta) befragt, wie sie die Gesundheitsversorgung im Jahr 2020 sehen. Das Ergebnis: Die Vereinigungen zeichnen das Bild eines informationshungrigen Patienten, der medizinische Leistungen ebenso gezielt nachfragt wie andere Verbrauchsgüter. „Zwar wird es auch in Zukunft staatliche Versorgungssysteme geben. Aber der Patient von morgen muss begreifen, dass er in erster Linie selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist“, lautet die Antwort des Vertreters einer englischen Diabetesorganisation.
So glauben 58 Prozent der Patientenvereinigungen, dass Eigenverantwortung künftig eine entscheidende Rolle bei der Gesundheitsversorgung spielen wird. Zwei Drittel der Befragten meinen, dass Patienten im Jahr 2020 bereit sind, für Leistungen außerhalb der Grundversorgung zuzuzahlen.
Wer behandlungsbedürftig ist oder sich gesundheitlich einfach etwas gönnen will, scheut sich nach den Vorstellungen der Patientenvertreter auch nicht, Leistungen fern der Heimat nachzufragen: Knapp 90 Prozent glauben, dass Patienten zukünftig Reisen – auch ins Ausland – unternehmen werden, um sich versorgen zu lassen. Ein weiterer Grund könnte nach Meinung von HCP-Präsident Johan Hjertqvist der Mobilität des Patienten von morgen Vorschub leisten: „Nicht alle Länder werden in allen Spezialitäten führend sein. Je nach Krankheitsbild könnte der Patient somit gezwungen sein, auch über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus Leistungen in Anspruch zu nehmen.“
Die Umfrage des HCP scheint einen Trend zu bestätigen: die Abkehr vom weitgehend passiv dem Behandlungsgeschehen ausgesetzten Patienten hin zum aktiven Nachfrager von Leistungen. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium erkor das Thema „Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess“ sogar zu einem Förderschwerpunkt und investierte zwischen 2001 und 2004 rund 3,3 Millionen Euro in diverse Projekte. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt leitete dabei die Überzeugung: „Der mündige Patient steht dem Arzt auf gleicher Augenhöhe gegenüber.“
Doch wer ist der mündige Patient? Dr. Anja Dieterich vom Institut für Allgemeinmedizin der Berliner Charité hat zahlreiche Artikel im Deutschen Ärzteblatt ausgewertet, um die Bedeutung des Begriffs zu analysieren. Ihr Fazit: „Mit der Verwendung des Begriffs werden unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Interessen verfolgt.“ Eine Erwartung sei, dass Patienten mehr finanzielle Verantwortung übernehmen.
Das sieht auch Rodney Elgie, Präsident des European Patients’ Forum, so. Aufgeklärte Patienten nutzten medizinische Ressourcen effizienter. Die Tatsache, dass das Internet zusehends als Informationsquelle über medizinische Themen dient, ist für ihn zudem ein Beleg dafür, dass die Patienten aktiv am Behandlungsprozess teilnehmen wollen. Hjertqvist leitet daraus ab, dass es Aufgabe des Staates sein muss, die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Bürger jederzeit Zugang zu seriösen Informationen haben, frei über ihre medizinischen Daten verfügen und Leistungen problemlos auch im Ausland nachfragen können. Petra Spielberg
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