ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1997Sensomotorik der Musikausübung und berufsbezogene neurologische Erkrankungen: 4. Europäischer Kongreß für Musiker-Medizin und Musikphysiologie

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Sensomotorik der Musikausübung und berufsbezogene neurologische Erkrankungen: 4. Europäischer Kongreß für Musiker-Medizin und Musikphysiologie

Schuppert, Maria

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LNSLNS Die junge Disziplin der Musikphysiologie und Musiker-Medizin widmet sich den berufsbedingten Erkrankungen von Musikern. Durch die Gründung entsprechender Fachgesellschaften, die Einrichtung von Lehraufträgen und Spezialsprechstunden an Musikhochschulen und medizinischen Fakultäten konnte sich dieses Gebiet in den vergangenen Jahren auch in Europa etablieren. Der vierte Europäische Kongreß für Musiker-Medizin und Musikphysiologie wurde vom 26. bis 29. September 1996 von der Hochschule für Musik und Theater Hannover unter der wissenschaftlichen Leitung von Eckart Altenmüller (Hannover) ausgerichtet. Schwerpunkt der diesjährigen Veranstaltung waren die Sensomotorik hochspezialisierter Systeme am Beispiel der Musikausübung und neurologische Erkrankungen bei Musikern, insbesondere die in dieser Berufsgruppe überproportional häufig auftretende fokale Dystonie.


Sensomotorik der Musikausübung


Plastizität des Nervensystems
Die hochspezialisierte, durch jahrelanges "Üben" erworbene Sensomotorik des Musikers ist durch die Notwendigkeit höchster zeitlicher und räumlicher Präzision und durch extreme Kontrollierbarkeit charakterisiert. Mit neuen neurophysiologischen Meßverfahren und funktionellen bildgebenden Verfahren konnte nun von mehreren Forschungsgruppen dargestellt werden, daß Aufbau und Training differenzierter feinmotorischer Bewegungsprogramme zu plastischen Veränderungen kortikaler sensomotorischer Repräsentationen bei Kindern und Erwachsenen führen.
Mit Hilfe magnetoenzephalographischer Untersuchungen studierte Th. Elbert (Konstanz) Veränderungen von somatosensiblen Repräsentationszonen des Gehirns bei Streichinstrumentalisten. Leichte Berührung der Fingerkuppen der linken Hand ("Greifhand") führte bei Streichern zur Aktivierung eines deutlich größeren kortikalen Areals im Vergleich zu Nicht-Musikern. Bei Beginn des Violinspiels vor dem 13. Lebensjahr zeigten sich die weitaus größten Repräsentationszonen, doch bemerkenswert - insbesondere auch im Hinblick auf Lern- und Rehabilitationsprozesse - ist der Nachweis der kortikalen Plastizität im Erwachsenenalter.
G. Schlaug (Boston) und K. Amunts (Düsseldorf) führten magnet-resonanztomographische Untersuchungen bei rechtshändigen Tasten- und Streichinstrumentalisten und entsprechende Nicht-Musiker-Kontrollen durch und analysierten die makroskopisch-anatomischen Unterschiede zwischen Musikergehirnen und "Normalbürgern". Nach morphometrischen Analysen zeigen Musiker eine größere sensomotorische Repräsentation, gemessen an der intrasulkalen Länge des hinteren Gyrus praecentralis. Dies korreliert mit einer verbesserten Handgeschicklichkeit, die in Tapping-Tests ermittelt werden konnte. Ebenfalls vergrößert ist der vordere Anteil des Balkens, welcher als Parameter der interhemisphärischen Konnektivität untersucht wurde. Beide anatomischen Strukturen sind um so größer, je früher die musikalische Ausbildung beginnt, und sprechen für eine strukturelle Adaptation, die wohl besonders durch komplexe bimanuale Koordinationsaufgaben gefördert wird. Auch bei erwachsenen Nicht-Musikern läßt sich nach den Untersuchungen mittels transkranieller Magnetstimulation von A. Pascual-Leone (Valencia) der Zusammenhang zwischen dem Erlernen motorischer Aufgaben am Klavier und einer vergrößerten kortikalen Repräsentation nachweisen. Von besonderer Bedeutung für die Musikpädagogik ist die nicht nur nach mechanischem Üben, sondern auch bereits nach Phasen mentalen Trainings verstärkte Aktivierung entsprechender Hirnregionen. Den neurophysiologischen Studien von R. Beisteiner (Wien) zufolge erscheint als effektive Übemethode eine Kombination aus praktischem und mentalem Üben mit einer hierbei exakten Vorstellung des Gefühls durch den Probanden.


Optimierung von Bewegungsprogrammen
Chronifizierte Schmerzsyndrome machen aufgrund langdauernder Über- und Fehlbelastungen das häufigste Beschwerdebild in der Berufsgruppe der Musiker aus. Zur Verbesserung von Prävention und Therapie ist neben der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener Fachärzte und Physiotherapeuten die weitere Klärung funktioneller Gegebenheiten durch die Grundlagenforschung erforderlich.
D. Binkert und Th. Peschel (Hannover) demonstrierten einen unökonomischen Kräfteeinsatz bei Amateuren im Vergleich zu Berufsmusikern. Ursprünglich für Druckverteilungsmessungen beim diabetischen Fuß entwickelte Sensorfolien dienten zur Erfassung dynamischer Fingerdruckprofile der jeweils rechten Hand von Bratschern und Pianisten. Die Analysen zeigen, daß ein hoher instrumentaltechnischer Übungsgrad einen ökonomischen Kräfteeinsatz mit sich bringt, mangelnde Koordination bei ungenügender Vorbereitung oder geringerer Ausbildung wird dagegen durch vermehrten Einsatz an Kraft kompensiert. Da der Musikeralltag häufig durch Zeitdruck beim Einüben von Bewegungsabläufen geprägt wird, ist das Wissen um diesen Mechanismus gleichermaßen für Musiker, Pädagogen und Mediziner wertvoll zur Prävention von Überlastungssyndromen des Muskel-Bandapparates. Dreidimensionale biomechanische Bewegungsanalysen lassen - analog der Sportphysiologie - auch beim Musiker diagnostisch relevante Bewegungs- und Haltungsparameter erkennbar werden. A. Reitelmann (Köln) berichtete über die nach ihren Untersuchungen bei Harfenisten in 48 Prozent der Fälle auftretenden berufsbezogenen Beschwerden in der Schulter-Nackenregion, davon 20 Prozent im HWSBereich. Die kinematischen Analysen zeigen eine mittlere Lateralflexion des Kopfes von 20o und der HWS von 7o beim Harfespiel; aufgrund der täglich mehrstündigen Übedauer kann diese unphysiologische Spielhaltung als ursächlich für die hohe Prävalenz der Überlastungserscheinungen angesehen werden.


Neurologische Erkrankungen


Fokale Dystonie
Fokale Dystonien sind gekennzeichnet durch unwillkürliche, zumeist schmerzfreie muskuläre Verkrampfungen und Dyskoordinationen, die aufgabengebunden in umschriebenen Muskelgruppen auftreten. Mit einer Prävalenz von zirka 1:500 sind sie bei Musikern im Bereich der Hand deutlich häufiger anzutreffen als bei anderen feinmotorisch arbeitenden Berufsgruppen (1 : 3 400). Anhand von Videoaufnahmen und Tagebuchaufzeichnungen demonstrierte F. Wilson (San Francisco), daß der kanadische Pianist Glen Gould mit höchster Wahrscheinlichkeit an dieser Erkrankung gelitten hat, was auch seine physische Exzentrik und seinen Rückzug vom Podium erklären könnte. Die Ursachen der für Musiker häufig zum Ende der "Konzertfähigkeit" führenden fokalen Dystonie sind noch immer nicht ausreichend geklärt und bleiben Gegenstand der Diskussion.
G. Deuschl (Kiel) zog die Parallele zu vergleichbaren Erscheinungen bei Profisportlern und Berufszeichnern oder -schreibern und erläuterte die Verwandtschaft von "Musikerkrämpfen" und Krankheitsbildern wie Blepharospasmus, Schreibkrampf oder Torticollis spasmodicus. Entsprechend könne die Erkrankung als Folge einer Funktionsstörung der Basalganglien oder des olivo-zerebellären Systems entstehen. Andererseits könnten auch suboptimale motorische Strategien oder chronische Überbeanspruchungssyndrome zugrunde liegen. Bei den hochspezifischen, aufgabengebundenen und nichtprogredienten Dystonieformen sieht E. Altenmüller (Hannover) die Ursache in einer Fehlsteuerung motorischer Programme im supplementär-motorischen Kortex. Nach seinen Ausführungen betrifft die fokale Dystonie bevorzugt beruflich sehr engagierte und exponierte Musiker, typischerweise handelt es sich um Solisten und Konzertmeister. Prädisponierende Faktoren können Nervenkompressionssyndrome und chronische Schmerzsyndrome sein (etwa 25 Prozent), auch eine genetische Prädisposition mit einer familiären Häufung von Erkrankungen aus dem dystonen Formenkreis (sieben Prozent) kann zugrunde liegen. Charakteristisch ist das isolierte Auftreten der Bewegungsdyskoordination im Zusammenhang mit den komplexen Bewegungen am Instrument, während andere, weniger spezifische manuelle Tätigkeiten meist unbeeinträchtigt bleiben. Eine spiegelsymmetrische Ausbreitung auf die andere Hand wurde bei zehn Prozent der Patienten beobachtet. Therapeutisch werden Anticholinergika (Trihexyphenidyl) eingesetzt; ebenfalls erfolgreich kann die Entwicklung neuer Bewegungsprogramme sein, was durch eine reversible Schwächung der betroffenen Muskelpartien durch elektromyographisch gesteuerte lokale Injektion von Botulinum-Toxin A unterstützt werden kann.
Bei Überbeanspruchungs-Syndromen und fokalen Handdystonien beschrieb N. Byl (San Francisco) nach ersten Studien einen günstigen Effekt durch das Umlernen von Bewegungsmustern mit Inanspruchnahme größerer, auch proximaler Muskelgruppen. Die von ihr beobachtete Dedifferenzierung kortikaler Repräsentationsfelder der Hand beim exzessiven Trainieren hochspezialisierter und hochfrequenter feinmotorischer Bewegungen könne so vermieden werden.
M. Ptok (Hannover) diskutierte das Krankheitsbild der spasmodischen Dysphonie als mögliche Form einer berufsbedingten fokalen Dystonie bei Sängern. Sie führt zu einer massiven Beeinträchtigung der Stimmfunktion und macht das Singen unmöglich. Im Unterschied zu Dystonien der Hand bei Instrumentalisten wird jedoch trotz der zweifellos starken Belastung der extra- und intralaryngealen Muskulatur die spasmodische Dysphonie bei Sängern als relativ selten eingestuft.


Nervenkompressionssyndrome
Die Symptome peripherer Nervenkompressionssyndrome werden von Instrumentalisten häufig sehr frühzeitig wahrgenommen, da sie mit professionellem Spiel nicht vereinbar sind. R. Lederman (Cleveland) fand zwar bislang kein eindeutig höheres Auftreten von Nervenkompressionssyndromen bei Musikern, doch spezifische Spielhaltungen oder -bewegungen können nach seiner Ansicht ihre Entstehung begünstigen. Dafür sprechen beispielsweise die überwiegend linksseitig auftretenden Ulnarisläsionen bei Geigern, deren linker Ellbogen in permanenter Flexion gehalten wird. Das Thoracic-Outlet-Syndrom wird in erster Linie bei Pianisten (rechts und links), Flötisten (rechts und links) und Geigern (überwiegend links) gesehen, das Karpaltunnelsyndrom häufig beidseits bei Pianisten und Gitarristen.
J. Blum (Mainz) stellte die endoskopischen Operationsverfahren zur Retinakulumspaltung beim Karpaltunnelsyndrom vor. Aufgrund minimaler Hautinzision, geringer Weichteiltraumatisierung und frühzeitiger Rehabilitation mit Integration des Instruments erscheint das endoskopische Vorgehen, insbesondere die Technik nach Agee, für den Musiker besonders geeignet.


Dr. med. Maria Schuppert
Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin
Hochschule für Musik und Theater
Plathnerstraße 35
30175 Hannover

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