ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2006Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven

BÜCHER

Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven

Dtsch Arztebl 2006; 103(31-32): A-2102

Stoppe, Gabriela; Bramesfeld, Anke; Schwartz, Friedrich-Wilhelm

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LNSLNS Depression: Geld macht glücklicher
Gabriela Stoppe, Anke Bramesfeld, Friedrich-Wilhelm Schwartz (Hrsg.): Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven. Springer Medizin Verlag, Heidelberg, 2006, 475 Seiten, gebunden. 39,95 Euro

Das Fragezeichen im Titel des Buches kann mit einem Ja beantwortet werden: Bei einer Prävalenz von 9,5 Prozent aller weiblichen Versicherten und 3,7 Prozent der Männer (erstes Halbjahr 2004) muss von einer Volkskrankheit gesprochen werden (zum Vergleich: die Prävalenz bei Diabetes beträgt rund fünf Prozent). Massiv angestiegen sind zudem die Versorgungsleistungen der Krankenkassen: Die Rate der stationär mit der primären Diagnose Depression Behandelten stieg in den letzten vier Jahren um 40 Prozent, die Arzneimittelverordnungen nahmen innerhalb eines halben Jahres um 43 Prozent zu.
Die Zahlen stammen aus dem in der wissenschaftlichen Reihe der Gmünder Ersatzkasse (GEK) erschienenen Buch, das das Thema Depression nicht nur aus klinischer Sicht beleuchtet, sondern auf sozioökonomische und gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen hinweist. Grundlage sind nationale und internationale Studien sowie die Analyse der GEK-Versichertendaten. Zu Wort kommen 35 renommierte Wissenschaftler.
Das Buch zeigt einige ernst zu nehmende sozioökonomische Zusammenhänge auf. Zum Beispiel, dass ein höheres Einkommen mit einem niedrigeren Risiko für depressive Erkrankungen verbunden ist: Versicherte mit einem Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze haben ein um ein Viertel geringeres Risiko für die Diagnose Depression. Dagegen haben Arbeitslose ein etwa doppelt so hohes Risko wie Erwerbstätige. In den neuen Bundesländern liegen die Diagnoseraten für Depression 20 bis 40 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Dieser Unterschied bleibt auch bestehen, wenn man Arbeitslose und Erwerbstätige gesondert betrachtet.
Die Wissenschaftler gehen aufgrund der Studienlage davon aus, dass es sich um ein reales epidemiologisches Phänomen handelt, dass nicht nur mit unterschiedlichen Diagnosegepflogenheiten zu erklären ist. Vielmehr bieten sich soziologische Erklärungsmodelle an, zum Beispiel, dass bei Massenarbeitslosigkeit das Depressionsrisiko sinkt, weil es weniger stigmatisierend ist, arbeitslos zu sein.
Die Herausgeber fordern, die Bedeutung des Faktors Arbeit für die psychische Gesundheit ernster zu nehmen. Bei zunehmendem Leistungsdruck, unsicheren Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Norm, die Leistungsfähigkeit, Erfolg, ständige Aktivität und Selbstverwirklichung durch Arbeit als Ideal propagiert, sei ein „Einknicken“ im Sinne einer psychischen Erkrankung von immer mehr Menschen nicht erstaunlich.
Das Phänomen, dass diese Attribute eher der westdeutschen Sozialisation entsprechen, erklärt vielleicht auch die geringere Prävalenz von depressiven Erkrankungen in den östlichen Bundesländern. Notwendig ist nach Ansicht der Herausgeber eine Arbeitsmarktpolitik, die mehr und sichere Arbeitsplätze schafft, auch für weniger Leistungsfähige.
Ärzten, Psychologen, Soziologen, Gesundheitswissenschaftlern und Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen liefert das Buch wichtige Anregungen für Gesund­heits­förder­ung und Prävention.
Petra Bühring
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