ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2006Schwabehaus: Vom Mörser zum Fernrohr

VARIA: Feuilleton

Schwabehaus: Vom Mörser zum Fernrohr

Rehbein, Maja

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Einer Bürgerinitiative in Dessau ist es gelungen, das Schwabehaus zu retten. Fotos: Maja Rehbein
Einer Bürgerinitiative in Dessau ist es gelungen, das Schwabehaus zu retten. Fotos: Maja Rehbein
Nach der Renovierung ist das Fachwerkhaus in Dessau ein kulturelles Kleinod geworden.

Besucher von Dessau werden neuerdings auf ein besonderes Haus im Zentrum aufmerksam gemacht. Denn dort ist es einer Bürgerinitiative gelungen, im letzten Moment ein kulturell bedeutsames Haus zu retten. Als diese Gruppe im Festsaal der Berliner Humboldt-Universität mit dem Freiherr-vom-Stein-Preis geehrt wurde, sprach der Laudator Prof. Roland Günther von dem „Mann, der die Sonne umarmte“. Wer war dieser Mann?
Samuel Heinrich Schwabe wurde 1789 in Dessau als ältestes von elf Kindern des fürstlichen Leibarztes und Hofchirurgen Johann Gottlob Schwabe geboren. Dessen Ehefrau, die Tochter des Apothekers Häseler, wurde 1812 Besitzerin der Mohren-Apotheke. Ihre Halbschwester war mit dem Arzt Samuel Friedrich Hahnemann verheiratet, der die Homöopathie entwickelte.
Der hoch begabte Knabe wurde im Geiste des Basedowschen Philanthropinums unterrichtet. Aus finanziellen Gründen musste er 1806 die Schule verlassen, beim Großvater das Apothekerhandwerk erlernen und dem Vater bei Operationen assistieren. Erst 1809 bis 1811 konnte er in Berlin studieren. Der Tod von Vater und Großvater zwang ihn 1812, das Studium abzubrechen und die Apotheke zu übernehmen.
Im Turm des Hauses erinnern unter anderem Himmelskarten und ein Fernrohr an Schwabe.
Im Turm des Hauses erinnern unter anderem Himmelskarten und ein Fernrohr an Schwabe.
Ab 1825 führte er astronomische Beobachtungen durch; über die Sonnenflecken notierte er 43 Jahre lang alle Besonderheiten. Um sich ausschließlich seinen astronomischen Interessen widmen zu können, verkaufte er 1830 die Apotheke und zog ins einige Jahre zuvor erbaute Eckhaus Johannisstraße 18. Im Dach ließ er einen Turm für ein kleines Observatorium einbauen. Seine Beobachtungsergebnisse veröffentlichte er in den „Astronomischen Nachrichten“.
Alexander von Humboldt fielen seine Aufsätze auf. Er besuchte sein Observatorium, empfahl ihn am Dessauer Fürstenhof als Lehrer und erwähnte ihn lobend in Kosmos III. So erlangte Schwabe wissenschaftliche Anerkennung in der astronomischen Fachwelt, die ihn bis dahin als Dilettanten abqualifiziert hatte. Am Dessauer Hof lernte er Agnes Moldenhauer kennen, die er 1841 heiratete.
Schwabe korrespondierte mit vielen Wissenschaftlern, darunter Friedrich Raumer, und traf persönlich mit Goethe und Jean Paul zusammen. Er schrieb auf Latein die Flora Anhaltina (1838) und gründete den Naturhistorischen Verein in Dessau. Doch sein Hauptinteresse galt den Sonnenflecken, deren etwa elfjährige Perioden er 1843 erkannte. Nachdem der englische Sonnenforscher Carrington ihn aufgesucht und seine Arbeiten mit höchster Zufriedenheit begutachtet hatte, verlieh ihm die Londoner Royal Astronomical Society am 13. Februar 1857 ihre Goldmedaille. Aus der Begründung des Präsidenten: „Die Energie eines Mannes hat ein Phänomen enthüllt, das 200 Jahre lang selbst den Vermuthungen der Astronomen sich entzogen hatte.“ 1868 wurde Schwabe zum Mitglied dieser Gesellschaft ernannt, der er einige Jahre zuvor seine 39 Beobachtungstagebücher überlassen hatte. Sie liegen noch heute im Archiv der Royal Astronomical Society. Hoch geehrt starb er am 11. April 1875 und wurde in der Familiengruft auf dem Dessauer Historischen Friedhof beigesetzt. 1929 wurde an seinem Haus eine Gedenktafel angebracht.
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Nach der Zerstörung Dessaus durch Krieg, Abriss und Verfall stand das Haus noch. Doch sollte es 1998, obwohl unter Denkmalsschutz stehend, abgerissen werden. Aus der spontanen Aktion „Sonnenflecken“ entstand im Oktober 1998, als innerhalb eines Monats ein Investor gefunden werden musste, der „Schwabehaus e.V.“. Mithilfe der Bochumer GSL-Bank und 78 Kreditbürgschaften konnte der Verein das Haus kaufen. Nach der Renovierung ist das Fachwerkhaus mit der hölzernen Innengalerie ein kulturelles Kleinod geworden. Dort fanden ein Theater und ein Kino, Vereine und kleine Geschäfte eine Heimstatt. Das Haus beherbergt die Schwabestube für größere Veranstaltungen, den Roten Salon für Literaturlesungen und eine – mit dem Schwabe-Verein Dessau gemeinsam eingerichtete – kleine Dauerausstellung im Turm, wo unter vielem anderen ein Mörser, Himmelskarten und ein Fernrohr an Schwabe erinnern. Maja Rehbein

Informationen: Schwabehaus e.V., Johannisstraße 18, 06844 Dessau. Projektassistent Tel. 03 40- 8 59 88 23. www.schwabehaus.de. Postanschrift: Humperdinckstraße 16, 06844 Dessau

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