ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2006Psychisch Kranke und Privatversicherungen: Nicht versicherbare Risiken?

EDITORIAL

Psychisch Kranke und Privatversicherungen: Nicht versicherbare Risiken?

PP 5, Ausgabe August 2006, Seite 337

Bühring, Petra

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LNSLNS Psychisch Kranke werden in vielen Lebensbereichen diskriminiert. Die Lobby, die sich für sie einsetzt, wird zwar stärker – der jüngste Deutsche Ärztetag hat im Mai gerade umfassend auf die Stigmatisierungsproblematik aufmerksam gemacht – doch sie findet nicht überall ein offenes Ohr. Auch viele Jahr nach Behandlungsabschluss sei es für ehemalige Psychiatrie- oder Psychotherapiepatienten nahezu unmöglich, eine Risikole-bens- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, kritisiert der Berufsverband Deutscher Psychologen und Psychologinnen (BDP) e.V. „ ,Psycho‘ ist nicht versicherbar“ überschrieb auch Martin Riemer einen Artikel in der Fachzeitschrift „Psychotherapeut“ (5/2005). Der Rechtsanwalt hatte das Petitionsverfahren beim Deutschen Bundestag eingeleitet, mit dem die Abgeordneten auf das Problem hingewiesen wurden. Antragsteller, die sich einmal in Behandlung wegen einer psychischen Erkrankung befanden, unabhängig davon, ob bei einem Hausarzt, Facharzt, Psychologen oder einer psychiatrischen Klinik, würden regelmäßig zurückgewiesen, kritisiert Riemer. Die Versicherungen unterschieden nicht nach Schweregrad der Erkrankung und berücksichtigten ebenso wenig, dass psychische Erkrankungen auch erfolgreich behandelt werden könnten. Das sieht der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft e.V. allerdings ganz anders: Nach Abschluss einer Psychotherapie und nach einer drei- bis fünfjährigen Stabilitätsphase sei eine Versicherung gegen das Berufsunfähigkeitsrisiko sogar ohne Ausschlussklausel für psychische Erkrankungen möglich, hieß es auf Anfrage. Gibt es also eigentlich gar kein Problem?
Die Unterzeichner der Petition haben offenbar andere Kenntnisse und forderten das Bundesjustizministerium auf, das Anliegen bei der Modernisierung des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG), das noch aus dem Jahr 1908 stammt, zu berücksichtigen. Das Gesetz folge immer noch der Vorstellung, dass Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen verzichtbar seien. In der Petition wird gefordert, das Gesetz dahingehend zu ergänzen, dass psychische Erkrankungen und deren Behandlung – so wie bei anderen Erkrankungen üblich – als unerhebliche Gefahrenumstände angesehen werden, wenn sie mehr als fünf Jahre zurückliegen. Der BDP weist darauf hin, dass es sich angesichts der drastischen Zunahme psychischer Erkrankungen inzwischen um eine „regelhafte Erkrankung“ bei einem großen Teil der Bevölkerung handelt. Der Ausschluss solcher Erkrankungen aus dem Leistungspaket von Versicherungen richte sich daher „gegen das Wohl der Bevölkerung und auch gegen das Interesse des Staates am Versicherungsschutz seiner Bürger“. Im derzeit vorliegenden Entwurf zum VVG seien die Änderungswünsche der Petition nicht berücksichtigt worden.
Mehr Transparenz erhalten Antragsteller, die sich einmal in Behandlung wegen einer psychischen Erkrankung befunden haben, möglicherweise durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das Ende Juni verabschiedet wurde. Davon geht jedenfalls Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Leitender Arzt des Verbandes der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung e.V., aus. Werde § 20 Abs. 2 entsprechend umgesetzt, könnten die privaten Versicherungen dazu verpflichtet werden, offen zu legen, warum jemand „nicht versicherbar“ erscheine. Petra Bühring
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