ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2006Nationaler Ethikrat: Expertenstreit um Sterbehilfe

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Nationaler Ethikrat: Expertenstreit um Sterbehilfe

PP 5, Ausgabe August 2006, Seite 358

Rabbata, Samir

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LNSLNS Ratsmitglieder wollen ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung berufsrechtlich zulassen.

Dürfen Ärzte Sterbenden ihren Wunsch nach Erlösung erfüllen? Dürfen sie in aussichtsloser Situation lebenserhaltende Geräte abschalten, um ein vermeintlich unwürdiges Leben zu beenden? Ein Jahr ist es her, dass der Tod der schwer kranken Amerikanerin Terry Schiavo die Welt bewegte und diese Fragen in der Öffentlichkeit aufwarf. Nun entfacht eine Stellungnahme des Nationalen Ethikrates die Debatte in Deutschland erneut. Wohl auch deshalb, weil sich die 24 Ratsmitglieder vor klaren Antworten und Handlungsempfehlungen drücken.
Nach zwei Jahren intensiver Beratungen sind sich die Experten lediglich darüber einig, die irreführenden Begriffe „indirekte“, „passive“ und „aktive“ Sterbehilfe zu ersetzen und stattdessen von „Sterbebegleitung“, „Therapie am Lebensende“, „Sterben lassen“, „Beihilfe zur Selbsttötung“ und „Tötung auf Verlangen“ zu sprechen. Dies soll helfen, die verschiedenen Handlungsoptionen klar zu definieren.
Fragen zum Suizid und zur Beihilfe zum Suizid konnten die Experten jedoch nicht einheitlich beantworten. So plädiert eine Mehrheit dafür, dass Ärzte nicht bestraft werden sollen, wenn sie bei einem Suizidversuch nicht einschreiten. Allerdings muss es eindeutige Anhaltspunkte dafür geben, dass die Absicht, sich selbst töten zu wollen, auf einem ernsthaften Entschluss des Patienten gründet.
Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, der Freiburger Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff und der Schriftsteller Peter Radtke warnen dagegen in einem Minderheitenvotum davor, den Grundsatz der Selbstbestimmung des Individuums in Fragen zum Suizid überzubetonen: „Unsere Rechtsordnung und unser spontanes Verhalten gegenüber Suizidwilligen müssen darauf ausgerichtet bleiben, diese von dem Wunsch, sich töten zu wollen, abzubringen.“
Für Diskussionen sorgt auch die Frage nach der Zulässigkeit ärztlicher Beihilfe zum Suizid. Noch im Juni letzten Jahres legte sich der Nationale Ethikrat in einem Forderungskatalog zu Patientenverfügungen fest, dass das strafrechtliche Verbot aktiver Sterbehilfe nicht infrage gestellt wird. Dies gilt zwar noch immer, doch ist mittlerweile umstritten, wie die Beihilfe von Ärzten bei einer Selbsttötung ethisch und berufsrechtlich zu bewerten ist. Während sich die meisten Ratsmitglieder gegen eine erlaubte Beihilfe zur Selbsttötung aussprechen, plädiert eine Minderheit dafür, diese berufsrechtlich zuzulassen, „sofern ein unerträgliches und unheilbares Leiden des Patienten vorliegt, die Entscheidungsfähigkeit des Patienten gegeben ist und sein Wunsch zu sterben – nach Beratung und ausreichender Bedenkzeit – als endgültig anzusehen ist“.
Kein Recht getötet zu werden
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, lehnt dies kategorisch ab: „Der Patient hat das Recht auf einen würdigen Tod, nicht darauf, getötet zu werden.“ Wenn man in der Frage der Sterbehilfe nachgebe, gerate die Gesellschaft in eine ethische Schieflage, warnt Hoppe. Ablehnend äußert sich auch der Stuttgarter Palliativmediziner Prof. Dr. med. Christoph Student. Er wertet es als Verstoß gegen ärztliches Standesrecht, wenn die ärztliche Beihilfe zum Suizid zugelassen würde. Diese Position einiger Ratsmitglieder sei „hanebüchen“.
Kritik kam auch von den Kirchen. „Wir haben immer wieder verdeutlicht, dass eine Mitwirkung von Ärzten bei der Selbsttötung dem ärztlichen Ethos widerspricht“, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Kardinal Lehmann. Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, bezeichnet es als „verhängnisvoll“, dass der Ethikrat mit Blick auf die Beihilfe zum Suizid nicht zu eindeutigen Ergebnissen gekommen ist. Samir Rabbata
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