ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2006Gottfried Benn: Vollendung und Faszination

THEMEN DER ZEIT

Gottfried Benn: Vollendung und Faszination

PP 5, Ausgabe August 2006, Seite 362

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„Ich war ursprünglich Psychiater gewesen, bis (. . .) ich mich nicht mehr für den Einzelfall interessieren konnte.“ Gottfried BennFoto: picture-alliance/akg-images
„Ich war ursprünglich Psychiater gewesen, bis (. . .) ich mich nicht mehr für den Einzelfall interessieren konnte.“
Gottfried Benn
Foto: picture-alliance/akg-images
Vor 50 Jahren starb der Arzt und Dichter Gottfried Benn.

Morgue und andere Gedichte“ hieß ein kleines Bändchen, das im März 1912 in Berlin erschien. Geschrieben hatte die Texte ein bis dahin Unbekannter, der 25-jährige Arzt Gottfried Benn. Selten in der Geschichte der deutschen Literatur haben ein paar Gedichte einen derartigen Wirbel ausgelöst. Von den Orten, denen Benn seine Inspiration verdankte, konnte ein bürgerlicher Mittelstand, der dem „Höheren“ nachhing, sich nur angewidert abwenden: Leichenhalle und Krebsbaracke, Operations- und Kreißsaal. Die Gedichte zeigen den Menschen in seiner kreatürlichen Erbärmlichkeit, sein Ausgeliefertsein an unaufhaltsamen körperlichem Zerfall. Ein ganz eigenes Gemisch aus religiösem Sprechen, kalt-zynischem Jargon und Vulgär-Sprachlichem verleihen ihren unverwchselbaren Ton. Der Titel ist doppeldeutig, im Französischen meint „morgue“ auch „Hochmut“ und „Stolz“. Doch gerade diese Haltungen unterlaufen die Gedichte systematisch; hier wird der Mensch jedes Stolzes beraubt.
Am 2. Mai 1886 wird Gottfried Benn als ältester Sohn in ein evangelisches Pfarrhaus in der Mark Brandenburg geboren. 1904 kommt er nach Berlin und verfällt dieser Stadt fürs Leben. Ab 1905 studiert er hier Medizin. Zunächst deutet alles auf eine Laufbahn in der Psychiatrie hin. Für seine Arbeit zur „Ätiologie der Pubertätsepilepsie“ erhält Benn die Goldmedaille der Berliner Universität. Weitere Aufsätze, etwa „Beitrag zur Geschichte der Psychiatrie“ und „Medizinische Psychologie“, erscheinen 1910 und 1911 in einer Berliner Wochenzeitung. 1910 beginnt Benn ein Praktikum in der Psychiatrie der Charité bei Professor Ziehen. Jahre später erinnert er sich: „Ich war ursprünglich Psychiater gewesen, bis sich das merkwürdige Phänomen einstellte, (. . .) dass ich mich nicht mehr für den Einzelfall interessieren konnte.“ Sein Mund trocknet aus, die Lider entzünden sich. Schließlich wird er zum Chef zitiert und wegen unzureichender Führung der Krankengeschichten entlassen. Ein beruflicher Werdegang in der Psychiatrie ist danach unmöglich.
Immer wieder betont Benn sein „Doppelleben“, wie 1950 ein Teil seiner Autobiografie überschrieben ist: „Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt, dies ist eine fundamentale Tatsache unserer Existenz, und wir müssen uns mit ihr abfinden.“ „Doppelleben“ heißt auch in zweifacher Weise existieren: In der Banalität des Alltags und in der Ekstase des künstlerischen Augenblicks. Voraussetzung für den schöpferischen Akt ist die „Zerlösung des Ich“. So öffnen sich Tiefenschichten der Seele, der Dichter verliert seine Individualität und ist offen für die Macht des Wortes, die ihn drängt, ein Gebilde zu schaffen, das sich dem Nichts entgegenstellt. Dabei ist Benn skeptisch gegenüber jeder Synthese. Die gelingt allenfalls für Augenblicke, nie systematisch befestigt. Für ihn bleiben die Dinge auch dann getrennt, wenn er sie zur Sprache gebracht hat. So werden seine Texte zur Chronik einer in ihre Bestandteile zerfallenden Welt.
1914 heiratet Benn. 1916 lässt er sich als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin nieder. Der Schulmedizin steht er kritisch gegenüber: Ihr Bestehen auf „analysierfähigen Organen“ hat eine einseitige Krankheitslehre hervorgebracht. Doch das Leid ist geblieben. Heilen kann es niemand, und die modernen Religionsersatzversuche Wissenschaft und Fortschrittsglaube bieten nicht einmal mehr Trost. Rausch, Orgie, Massensuggestion auf der einen, Formleidenschaft auf der anderen Seite: So könnte dem Kritiker einer rationalistischen und zweckorientierten Wissenschaft der Nationalsozialismus für kurze Zeit als eine der Kunst entsprechende Ordnung erschienen sein. Jedenfalls dient Gottfried Benn sich im April 1933 zunächst den neuen Machthabern an. 1934 wendet er sich angewidert ab und wählt die Armee als „aristokratische Form der Emigration“. 1938 wird er aus der Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen und mit Schreibverbot belegt.
Während Stefan George und Rainer Maria Rilke ihre Werke an einem strengen, doch unbezweifelten Kunstbegriff messen, schlägt Benn sich zeitlebens mit der Legitimation von Kunst überhaupt herum. Nie hat er angestrebt, als freier Künstler zu leben – mit der Tätigkeit als Arzt gleicht er Legitimationslücken der Kunst aus. Und umgekehrt: Die Kunst darf sich nicht mit dem Leben gemein machen, indem sie sich von ihm aushalten lässt. Im November 1955 diskutiert Gottfried Benn mit Reinhold Schneider die Frage: „Soll die Dichtung das Leben bessern?“ Das dichterische Wort will nichts erreichen und hat gerade deshalb die Kraft zur Veränderung: Dichtung „hebt die Zeit und die Geschichte auf, ihre Wirkung geht auf die Gene, die Erbmasse, die Substanz – ein langer innerer Weg. (. . .) das Wesen der Dichtung ist Vollendung und Faszination.“ Am 7. Juli vor fünfzig Jahren ist Gottfried Benn in Berlin gestorben. Christof Goddemeier
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema