ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2006Kinder psychisch kranker Eltern: Vergessene Kinder

WISSENSCHAFT

Kinder psychisch kranker Eltern: Vergessene Kinder

PP 5, Ausgabe August 2006, Seite 368

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Zwei Drittel der betroffenen Kinder werden später selbst psychisch krank. Noch besteht ein großer Mangel an Betreuungs- und Beratungsangeboten.

Eine halbe Million Mädchen und Jungen haben psychisch kranke Eltern. Mit ihren Ängsten und Nöten sind die Kinder jedoch weitgehend auf sich gestellt. Daher werden sie von Experten als „vergessene Kinder“ bezeichnet. Aus den psychischen Erkrankungen der Eltern ergeben sich für die Kinder viele Probleme. Prof. Dr. Fritz Mattejat von der Universität Marburg unterscheidet hierbei unmittelbare und Folgeprobleme:
Unmittelbare Probleme sind Probleme, die sich direkt aus dem Erleben der Krankheit der Eltern herleiten lassen, wie Desorientierung, Schuldgefühle, Tabuisierung und Isolation. Diese Probleme werden dadurch hervorgerufen, dass Kinder und Jugendliche die Krankheitssymptome und die Probleme der Eltern als unberechenbar und verwirrend erleben. Sie können sie oftmals nicht verstehen und einordnen. Sie glauben dann, dass sie an den psychischen Problemen ihrer Eltern schuld sind und dass die Krankheit eine Folge ihres eigenen Verhaltens gegenüber den Eltern ist.
Tabuisierung
In vielen Familien wird die Krankheit nicht eingestanden, oder es wird versucht, sie als Familiengeheimnis zu wahren. Als Folge der Tabuisierung wissen die Kinder nicht, an wen sie sich mit ihren eigenen Problemen im Zusammenhang mit der Krankheit der Eltern wenden können und ziehen sich von ihrer sozialen Umwelt zurück.
Zu den Folgeproblemen zählen etwa Betreuungsdefizite, Zusatzbelastungen der Kinder, Verantwortungsverschiebung und mangelnde Unterstützung der Kinder. Aber auch Parentifizierung, Abwertungserlebnisse und Loyalitätskonflikte gehören dazu. Die Eltern sind mit ihren eigenen Problemen oft überfordert und vernachlässigen eine angemessene Versorgung und Erziehung. Darüber hinaus gelingt es ihnen nicht kontinuierlich, ihren Kindern Aufmerksamkeit, Geborgenheit, emotionale Nähe und Zuwendung zu vermitteln. Sie reagieren häufig nicht auf die Gefühle und Bedürfnisse der Kinder, was dazu führt, dass die Kinder mit und unter ihren Eltern leiden und häufig zu kurz kommen. Stattdessen müssen sie in der Familie zusätzliche Aufgaben übernehmen, die von den Eltern aufgrund der Krankheit nicht geleistet werden können. Durch diesen Rollentausch geraten die Kinder oftmals in Erwachsenenrollen, die sie hoffnungslos überfordern. Zudem erleben sie in den Familien Spannungen und Konflikte, in die sie zum Teil mit der impliziten Erwartung einbezogen werden, Partei für eine Seite zu ergreifen. Nach außen formulieren sie ihre Sorgen und Nöte nur selten, weil sie sich vor Freunden und Bekannten schämen und weil sie zwischen Loyalität und Distanzierung von der Familie schwanken. Außerdem erleben sie, dass sie selbst durch die Tatsache der psychischen Erkrankung ihrer Eltern von ihrem sozialen Umfeld abgewertet werden. Dazu kommen oft auch noch weitere Probleme, wie Kranken­haus­auf­enthalte, Ehekrisen, Gewalt oder Arbeitslosigkeit und finanzielle Sorgen.
„High-risk“-Forschungen zeigen, dass die psychische Erkrankung der Eltern bei vielen Kinder Spuren hinterlässt. Nach Remschmidt und Mattejat (1994) hat ein Drittel der Kinder, die sich in stationärer kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung befinden, einen psychisch kranken Elternteil. Und bis zu zwei Drittel der Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko, später selbst psychisch zu erkranken.
Kinder reagieren bereits im Säuglingsalter auf eine psychische Erkrankung der Eltern. Geht die Erkrankung beispielsweise mit Depressionen, Überforderung und einer negativen Haltung gegenüber dem Kind einher, so kann sie bei Säuglingen zu Entwicklungsverzögerungen führen. Die Kinder sind passiver, weniger neugierig, orientieren sich weniger an der Umwelt und sind in sich gekehrt. Andere Neugeborene, deren Mütter impulsiv mit der eigenen Stimmungslage und dem Nachwuchs umgehen, reagieren sehr aufgeregt mit viel Schreien und Weinen, Schlaf- und Essstörungen. Im Laufe der Kindheit können sich die psychischen Probleme der Kinder verstärken bis hin zu kinder- und jugendpsychiatrischen Auffälligkeiten.
Zu frühe Verantwortung und Angst
Es gibt aber auch Kinder, die psychisch gesund bleiben. Sie besitzen eine hohe Resilienz und haben individuelle Möglichkeiten gefunden, mit den Belastungen in ihrem sozialen Umfeld umzugehen. Dies gelingt ihnen manchmal erst nach vielen Jahren, wenn sie längst erwachsen sind. Wie Berichte von Betroffenen belegen, müssen Kinder psychisch Erkrankter oft deren Rollen als Gatte oder Elternteil übernehmen. Sie bekommen viel zu früh sehr viel Verantwortung übertragen, sodass es ihnen selbst nicht mehr möglich ist, ihr eigenes Leben zu leben und wichtige Entwicklungsphasen zu durchlaufen. Häufig gelingt es ihnen nur durch eine Flucht, etwa durch eine frühe Heirat, sich aus inadäquaten Rollen zu lösen. Ein weiteres Problem, das bis ins Erwachsenenalter hinwirkt, ist Angst. Wie die Diplom-Pädagogin Sabine Wagenblass vom Institut für Soziale Arbeit e.V. in Münster berichtet, haben Kinder erkrankter Eltern vor allem Angst vor und um das erkrankte Elternteil, um die eigene Existenz und davor, selbst zu erkranken. Darüber hinaus versuchen viele Betroffene im Jugend- und Erwachsenenalter, ihre Kindheitserlebnisse einzuordnen und rückwirkend zu erklären, indem sie sich verstärkt mit psychischen Erkrankungen befassen, was mitunter auch die Berufswahl beeinflusst. Wie Studien über die Biografien von Psychotherapeuten zeigen, erlebten Psychotherapeuten ihre Eltern häufig als belastet und wenig fürsorglich. Sie fühlten sich zudem im besonderen Maß verantwortlich dafür, elterliche Probleme zu lösen. Oft waren sie Vertraute der Eltern und fungierten als Familientherapeuten („care taker“) und Ersatzpartner.
Für die „vergessenen Kinder“ fühlt sich kaum jemand zuständig. Es besteht ein erheblicher Mangel an Beratungs- und Betreuungsangeboten, sowohl für Kinder als auch für deren Eltern. Dabei gibt es einen immensen Bedarf. So kam beispielsweise eine Befragung unter stationären Patienten an der Universitären Psychiatrischen Klinik Bern zu dem Ergebnis, dass mehr als zwei Drittel der Patienten ein Bedürfnis nach Hilfe bei der Information ihrer Kinder über ihre Krankheit und Unterstützung in Form von Elterngruppen wünschten. In vergleichbaren Studien wurden zudem Paten- und Pflegschaften sowie praktische Unterstützung bei der Erziehung von den erkrankten Eltern als hilfreich angesehen. Es stellte sich jedoch auch heraus, dass psychisch erkrankte Eltern oft nur unzureichend über Hilfsangebote informiert sind und Hemmungen haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Initiativen entstehen
Ganz aussichtslos ist die Lage jedoch nicht. Mattejat berichtet: „Mittlerweile ist eine ganze Reihe von Initiativen entstanden, die psychisch kranken Eltern und ihren Kindern präventive Hilfe anbieten.“ Zu diesen Initiativen zählt etwa KIPKEL (Präventionsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern in Haan) oder das Kinderprojekt AURYN Hamburg, das vom Verein SeelenNot e.V. in Hamburg angeboten wird. Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf wurde außerdem eine Spezialambulanz für psychisch kranke Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern eingerichtet. Ziel solcher Initiativen ist es, den Bedürfnissen der Kinder gerechter zu werden, protektive Ressourcen zu aktivieren und sie davor zu schützen, später selbst psychisch zu erkranken.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Liste mit Beratungs- und Präventionsangeboten für Kinder psychisch kranker Eltern in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): Anhang

Kontakt:
Prof. Dr. Fritz Mattejat, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Philipps-Universität Marburg, Hans-Sachs-Straße 6, 35039 Marburg

Dipl.-Päd. Sabine Wagenblass, Institut für Soziale Arbeit e.V., Studtstraße 20, 48149 Münster
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1.
Furtado EF, Laucht M, Schmidt MH: Psychische Auffälligkeiten von Kindern alkoholkranker Väter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2002; 30 (4): 241–50.
2.
Knuf A: Mit meiner Mutter stimmt was nicht. Die vergessenen Kinder psychisch Kranker. Psychologie heute 2000; 6: 34–9.
3.
Mattejat F: Kinder psychisch kranker Eltern im Bewußtsein der Fachöffentlichkeit. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): 491–7.
4.
Mattejat F: Kinder mit psychisch kranken Eltern – eine aktuelle Standortbestimmung. In: Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e. V. (Hrsg.): Auch Kinder sind Angehörige – Dokumentation einer Fachtagung. Bonn 1996: 9–34.
6.
Remschmidt H, Mattejat F: Kinder psychotischer Eltern – Mit einer Anleitung zur Beratung von Eltern mit einer psychotischen Erkrankung. Göttingen 1994a.
7.
Sommer R, Zoller P, Felder W: Elternschaft und psychiatrische Hospitalisierung. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): 498–512.
8.
von Sydow K: Liebesbeziehungen von Psychotherapeuten. In: Kernberg O, Dulz B, Eckert J (Hrsg.): WIR: Psychotherapeuten über sich und ihren „unmöglichen“ Beruf. Stuttgart: Schattauer 2005: 133–44.
9.
Wagenblass S: Biographische Erfahrungen von Kindern psychisch kranker Eltern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): 513–24.
1. Furtado EF, Laucht M, Schmidt MH: Psychische Auffälligkeiten von Kindern alkoholkranker Väter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2002; 30 (4): 241–50.
2. Knuf A: Mit meiner Mutter stimmt was nicht. Die vergessenen Kinder psychisch Kranker. Psychologie heute 2000; 6: 34–9.
3. Mattejat F: Kinder psychisch kranker Eltern im Bewußtsein der Fachöffentlichkeit. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): 491–7.
4. Mattejat F: Kinder mit psychisch kranken Eltern – eine aktuelle Standortbestimmung. In: Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e. V. (Hrsg.): Auch Kinder sind Angehörige – Dokumentation einer Fachtagung. Bonn 1996: 9–34.
6. Remschmidt H, Mattejat F: Kinder psychotischer Eltern – Mit einer Anleitung zur Beratung von Eltern mit einer psychotischen Erkrankung. Göttingen 1994a.
7. Sommer R, Zoller P, Felder W: Elternschaft und psychiatrische Hospitalisierung. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): 498–512.
8. von Sydow K: Liebesbeziehungen von Psychotherapeuten. In: Kernberg O, Dulz B, Eckert J (Hrsg.): WIR: Psychotherapeuten über sich und ihren „unmöglichen“ Beruf. Stuttgart: Schattauer 2005: 133–44.
9. Wagenblass S: Biographische Erfahrungen von Kindern psychisch kranker Eltern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2001; 50 (7): 513–24.

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