ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2006Qualitätssicherung in Beratung und ambulanter Therapie von Frauen und Mädchen mit Essstörungen. Eine Praxisstudie

BÜCHER

Qualitätssicherung in Beratung und ambulanter Therapie von Frauen und Mädchen mit Essstörungen. Eine Praxisstudie

PP 5, Ausgabe August 2006, Seite 373

Reich, Günter; Witte-Lakemann, Gabriele; Killius, Uta

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LNSLNS Essstörungen: Psychosomatische Dimension unklar
Günter Reich, Gabriele Witte-Lakemann, Uta Killius: Qualitätssicherung in Beratung und ambulanter Therapie von Frauen und Mädchen mit Essstörungen. Eine Praxisstudie. V & R unipress, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005, 394 Seiten, zahlreiche Abbildungen, kartoniert, 39,90 €
Die Förderung einer frauen- und mädchengerechten Beratung und ambulanten Behandlung bei Essstörungen ist das Ziel der vorliegenden Praxisstudie, die vom Bundesfamilienministerium gefördert und von der Stiftung Bildung und Behindertenförderung durchgeführt wurde.
Die Stärke der von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Göttingen durchgeführten Studie liegt in der großen Zahl von eingeschlossenen Einrichtungen, wobei leider durchgängig nicht zwischen „Beratung“ und „Therapie“ unterschieden wird. Dies ist sicher einerseits der heterogenen personellen Ausstattung der untersuchten Institutionen zuzurechnen, verwischt jedoch die wichtige Grenze zwischen einem möglichst niederschwelligen und gegebenenfalls auch gender-spezifischen Beratungsangebot und einer spezialisierten ambulanten Richtlinienpsychotherapie. Dass bei psychogenen Essstörungen (hohe Letalität der Anorexia nervosa) das Behandlungsspektrum notwendigerweise auch die psychosomatisch-psychotherapeutische oder psychiatrische Krankenhausbehandlung umfassen muss, sucht man in diesem umfangreichen Studienbericht, dem ein Schlagwortverzeichnis fehlt, vergebens. Die in dieser Studie Untersuchten hatten immerhin Krankheitsdauern „zwischen zwei und fünf Jahren“, sodass offensichtlich Patienten mit bereits chronifizierten Essstörungen die untersuchten Institutionen aufsuchten.
Stärken des Buches sind die Transparenz der Datenpräsentation und eine umfassende Dokumentation aller eingesetzten Erhebungsinstrumente im Anhang. Als „gewagt“ muss das Kapitel drei „Leitlinien für die Beratung und ambulante Therapie bei Essstörungen“ angesprochen werden, denn hier werden im Sinne einer Quintessenz der Studie Empfehlungen zur Beratung und Behandlung von Essstörungen zusammengestellt und mit dem in der Medizin klar definierten Begriff der Leitlinie konnotiert, die in keinem Fall diesen Kriterien genügen: unter anderem keine evidenzbasierten Studienergebnisse, kein Delphi-Prozess, keine Beteiligung der einschlägigen wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften. Dem entspricht ein eher mageres Literaturverzeichnis (55 Quellen), dass nur – angesichts eines derart dynamischen Forschungsfeldes – aus den Jahren 2004 und 2005 jeweils eine Literaturstelle umfasst.
Zusammenfassend entsteht der Eindruck, die Förderer wären gut beraten gewesen, bei der Vergabe eines solchen Projektes auf eine stärkere Interdisziplinarität der Studiengruppe zu setzen. So ist eher ein Studienbericht entstanden, in dem die Hauptorientierung der Berater und Therapeuten die „humanistische Psychologie, gefolgt von der systemischen Therapie, war. Eine große Rolle spielten zudem feministische, integrative und dynamische, eine relativ geringe kognitiv-behaviorale Konzepte. Die Arbeit war spezifisch auf die Essstörung ausgerichtet“. Wie, bleibt konzeptuell ebenso offen, wie die Bedeutung der medizinisch-psychosomatischen Dimension. Gereon Heuft
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