ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2006Wartezeiten in Arztpraxen: Zweierlei Maß

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Wartezeiten in Arztpraxen: Zweierlei Maß

Dtsch Arztebl 2006; 103(33): A-2133 / B-1841 / C-1781

Rieser, Sabine

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LNSLNS Meist schätzen es Auftraggeber von Umfragen nicht, wenn Ergebnisse vorzeitig veröffentlicht werden. Doch Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sah sich Anfang August genötigt, vor dem schon angesetzten Pressetermin über eine Versichertenbefragung zu berichten. Denn Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) hatte in „Bild“ beklagt, dass gesetzlich Krankenversicherte zu lange auf einen Arzttermin warten müssten, vor allem in den Praxen von niedergelassenen Fachärzten. Diese bevorzugten bei der Terminvergabe Privatpatienten.
Köhler konterte mit einer repräsentativen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen: Danach hatten 48 Prozent der Befragten angegeben, beim Hausarzt überhaupt nicht warten zu müssen, 41 Prozent sagten dies über einen Facharztbesuch. Ein Prozent äußerte, beim Hausarzt schon einmal mehr als drei Wochen auf einen Termin gewartet zu haben, sieben Prozent hatten dies bei einem Facharzt erlebt.
Und nun? Nun wird einmal mehr deutlich, dass im Gesundheitswesen zwar viele Daten abgefragt, erfasst und ausgewertet werden, aber dennoch vieles im Dunkeln bleibt. Wer kann schon objektiv darlegen, ob und wie sich Terminvergabezeiten in Praxen in den letzten Jahren verändert haben? Oder welche Wartezeiten Patienten noch tolerabel finden und welche nicht mehr?
Zudem schimmert viel Scheinheiligkeit in der Debatte durch. Wenn es um die Ausgaben geht, zum Beispiel Arzneimittelkosten, sollen die Ärzte bitte schön streng ökonomisch handeln, sprich: so kühl wie möglich kalkulierend. Wenn sie dies bei den Einnahmen tun, indem sie als Selbstständige den für sie lukrativeren Privatpatienten Terminvorteile einräumen, werden sie gescholten.
Die Debatte über Wartezeiten ist aber nur Beleg für eine von vielen Widersprüchlichkeiten im Gesundheitswesen: Die gesetzlich Krankenversicherten finanzieren den Großteil des Gesundheitswesens in Deutschland. Ihre persönlichen Beiträge dafür sind zuweilen höher als manche Prämie eines privat Krankenversicherten. Doch am Ende, wenn der Arzt seine Leistungen abrechnet, spiegelt sich das für ihn nicht wider. Sabine Rieser
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