ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2006Integrierte Versorgung in der Urologie: „Wir machen das, was alle Leute für sinnvoll halten“

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Integrierte Versorgung in der Urologie: „Wir machen das, was alle Leute für sinnvoll halten“

Rieser, Sabine

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IV-Projekte werden weiter gefördert, heißt es in den Eckpunkten zur Gesundheitsreform. Die Verträge sollen aber transparenter werden. Das fordern manche schon länger.
Stationäre und ambulante Behandlung in der Urologie sollen in Berlin künftig besser verzahnt werden.“ Das kündigten die Vivantes GmbH, die in Berlin neun Krankenhäuser betreibt, und ein genossenschaftlicher Zusammenschluss von Berliner Urologen im Mai 2005 an. In sinnvollen Fällen, so die Planung, würden niedergelassene Ärzte in zwei Vivantes-Häusern ambulant operieren. Auch im Bereitschaftsdienst und den Rettungsstellen solle eine Beteiligung möglich sein. Außerdem wurde angestrebt, dass die niedergelassenen Urologen für Prostata- und Blasenkrebspatienten in ihren Praxen erhebliche Teile der prä- und poststationären Behandlung übernehmen. „Zum ersten Mal schließt sich eine gesamte Facharztgruppe mit einem Krankenhausträger zusammen“, lobte damals selbst Franz Knieps, Abteilungsleiter im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium.
Vorwürfe wegen 250 Euro „Kopfprämie“
Kurze Zeit später mussten sich die Kooperationspartner jedoch Kritik gefallen lassen. Ihnen wurde vorgeworfen, dass eine „Kopfprämie“ von 250 Euro und nicht etwa die besondere Qualität die niedergelassenen Urologen dazu verführe, krebskranke Patienten zur Operation in eine der beiden Vivantes-Kliniken einzuweisen. Dort hoffe man auf mehr Fälle, denn schließlich sei die radikale Prostatektomie ein gut bezahlter Eingriff. Von Wettbewerbsverzerrung und Marktkontrolle war die Rede.
Dem widerspricht Eberhard Thombansen, bei Vivantes Bereichsleiter für neue Versorgungsformen: „Die niedergelassenen Urologen werden für die medizinisch erbrachten Leistungen bezahlt. Anamnese, die umfassende präoperative Aufklärung des Patienten oder eine Sonographie erbringen sie anstelle der Klinik, weshalb ihnen auch eine Honorierung zusteht.“ Außerdem, ergänzt Thombansen, hätten sich die Ärzte in den Praxen vertraglich verpflichtet, die Patienten acht Wochen nach dem Eingriff zu befragen und den Verlauf der Erkrankung zur Qualitätssicherung im Berliner Tumorregister zu dokumentieren.
Auch Dr. med. André Rollenhagen, Sprecher des Urologen-Zusammenschlusses in Berlin, findet die Kritik nicht berechtigt. „Wir machen das, was alle Leute für sinnvoll halten: eine engere Kooperation ambulant-stationär“, betont er. Vor dem Vertrag mit Vivantes habe man sich im Rahmen einer Umfrage erkundigt, wohin Kollegen bevorzugt überweisen. Das Auguste-Viktoria-Krankenhaus von Vivantes habe an erster Stelle gestanden, und dieser Klinikträger habe auf die Idee einer Kooperation umgehend positiv reagiert.
Ist das Rosinenpicken durch Niedergelassene? „Wir gehen davon aus, dass die Entwicklung in Richtung Kompetenzzentrum geht, und wollten uns positionieren“, sagt Rollenhagen. Noch hätten ambulant tätige Ärzte wie in ihrem Fall Spielräume, und die solle man nutzen. Kollegen in Köln, Leipzig oder München machten es ähnlich. Als nächster Schritt ist geplant, die Kooperation zu einem echten Integrationsvertrag auszubauen.
Der Berliner Ärztekammerpräsident Dr. med. Günther Jonitz hält das Projekt gleichwohl für „problematisch“. „Ich als Patient wollte wissen, ob mein Arzt Geld dafür bekommt, dass er mich überweist“, sagt er. Jonitz fordert deshalb eine Transparenzpflicht: Versicherte sollten Kenntnis davon haben, welche Kooperationsverträge ihre Krankenkassen und die behandelnden Ärzte abgeschlossen haben. Nach Ansicht von Rollenhagen trifft das in diesem Fall zu: Patienten würden über die Kooperation mit Vivantes schriftlich informiert.
Ob es sich bei den vereinbarten Zahlungen innerhalb derartiger Kooperationen um eine „Kopfprämie“ handelt oder um Geld für erbrachte Leistungen, könne man nicht beurteilen, stellt Jonitz allerdings klar: „Die Verträge liegen weder der Kammer noch der Kassenärztlichen Vereinigung vor.“ Das bestätigt die Sprecherin der KV Berlin, Annette Kurth. „Verwerflich ist der Vertrag nicht“, betont sie. Problematisch sei allerdings, dass in Verträgen von niedergelassenen Ärzten mit Krankenhäusern Leistungen ausgegrenzt werden könnten, die dann aus dem ambulanten Honorartopf aller bezahlt werden. Im Vorfeld des Vertrags der Urologen mit Vivantes gab es offenbar Klärungsbedarf wegen der Abrechnung von Laborleistungen.
KV Berlin verlangt Offenlegung der IV-Verträge
Mittlerweile hat die KV ihre Satzung aber geändert, sodass Ärzte mitteilen müssen, ob und an welchen IV-Verträgen sie beteiligt sind. Die Delegiertenversammlung hatte zudem entschieden, dass derartige Verträge der KV vorzulegen sind. „Ein Arzt könnte sonst innerhalb eines IV-Vertrags möglicherweise Leistungen erbringen, für die er gar keine Erlaubnis besitzt“, erläutert Kurth. Doch so viel Transparenz ging dem Berliner Senat zu weit. Er lehnte diesen Passus in der überarbeiteten Satzung ohne Begründung ab. Sabine Rieser
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