ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2006Zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud: Auf den Spuren der Romantik, Magie und Alchemie

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Zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud: Auf den Spuren der Romantik, Magie und Alchemie

Dtsch Arztebl 2006; 103(33): A-2152 / B-1858 / C-1796

Schott, Heinz

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Foto: The Freud Museum, London
Foto: The Freud Museum, London
Mit der Erschaffung der Psychoanalyse hat Freud an historisch überwunden geglaubte Traditionen angeknüpft und sie fast unmerklich in den naturwissenschaftlich geprägten Diskurs seiner Zeit eingeflochten.

Neurobiologen und Hirnforscher, Kulturwissenschaftler und Gedächtnisforscher haben sich in letzter Zeit intensiv mit der Psychoanalyse auseinander gesetzt und dabei Freud aus ihrer jeweiligen Sicht ein Stück weit wissenschaftlich rehabilitiert. Der „Erfinder der Psychoanalyse“ scheint von dieser Seite eine neue Wertschätzung zu erfahren. Er habe, so heißt es, vieles genial vorausgeahnt, was die heutige Neurowissenschaft nicht zuletzt mithilfe bildgebender Verfahren immer besser illustrieren könne, indem man etwa die Wirkung der Psychoanalyse im Kernspintomographen untersuche. In dieser Sicht wird die Forderung nach einer social neuroscience von namhaften Neurobiologen erhoben, da die Gesellschaft „mitten durch das Gehirn“ gehe, wie es der Philosoph und Neurobiologe Gerhard Roth kürzlich formulierte (12).
Das Folgende soll sich jedoch weniger mit dem wissenschaftstheoretischen Status der Psychoanalyse und ihrer mehr oder weniger zweifelhaften Fundierung als „Wissenschaft“ auseinander setzen als vielmehr mit Freuds Kunstfertigkeit, an historisch überwunden geglaubte Traditionen anzuknüpfen und sie (weitgehend) unmerklich in den von den Naturwissenschaften geprägten Diskurs der Medizin seiner Zeit einzuflechten und sie im Gewand der Psychoanalyse einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.
1895 begann Freud seine persönliche Selbstanalyse mithilfe der „Selbstbeobachtung“ und „Selbstüberwindung“, die zur Begründung der Psychoanalyse durch die „Traumdeutung“ führen sollte (4). Damals konnte er erstmals den verborgenen Sinn des Traumes, nämlich die „Wunscherfüllung“, durch die Deutung seines Traums „von Irmas Injektion“ enthüllen, wovon die Entfaltung der psychoanalytischen Lehre im Traumdeutungsbuch ihren Ausgang nahm (2). In der Freud-Rezeption gilt das Unbewusste zumeist als Reservoir der („dunklen“) Triebwelt und als gefährliches Reich verdrängter Wünsche und Sehnsüchte. Tatsächlich aber spricht ihm Freud – in keiner anderen Schrift so eindeutig wie in der „Traumdeutung“ – auch künstlerische Schöpferkraft zu: Freud, der Krypto-Romantiker. In der Tat erinnert seine Theorie der Traumarbeit an Gotthilf Heinrich Schuberts „Symbolik des Traumes“ (1814), die im Traumdeutungsbuch positiv erwähnt wird. Denn das Unbewusste bedeutet bei Freud wie bei Schubert (der den Begriff des Unbewussten freilich noch nicht explizit verwendet hat) eine poetische Kraft, die sich im Traum zum Ausdruck bringe, die dem Wachbewusstsein verschlossen sei und unverständlich bleibe.
Bei der Traumbildung treffen nach Freud zwei psychische Mächte aufeinander und produzieren den Traum, wobei die eine (der unbewusste Traumwunsch) agiere, die andere (die Traumzensur) reagiere. Der schöpferische Traumwunsch produziere den Traum nach Maßgabe der unterdrückenden Zensur. Der Vorgang der Traumschöpfung funktioniere insgesamt wie eine Übertragung: „Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und Übersetzung kennen lernen sollen.“ (4)
In diesem Zusammenhang formuliert Freud eine Metaphorik, die der romantischen Naturphilosophie nahe kommt. Das Unbewusste, gleichsam die Restnatur im Menschen, schlüpft nämlich in die Rolle eines Literaten. Denn die Traumarbeit verwandelt durch ihre Hauptmomente (Verdichtungsarbeit, Verschiebungsarbeit, Rücksicht auf Darstellbarkeit und die sekundäre Bearbeitung) die latenten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt. Der Träumer wird sozusagen zu einem Dichter, ohne sich dieser seiner Dichtkunst bewusst zu sein. Es ist klar, womit sich Freud identifiziert: Es ist der schöpferische Schriftsteller, der die politischen und gesellschaftlichen Reaktionäre, die an der Macht sind, überlistet.
„Heiliger Text“:
Die Zeichen der Natur deuten
Der Traum als „heiliger Text“ wurde vor Freud – zusammen mit anderen psychischen Grenzphänomenen wie Somnambulismus, Ekstase, Geistersehen – zuletzt in der Romantik eingehend diskutiert. Hierbei waren die Naturforscher und Ärzte vor allem auf der Suche nach einer ursprünglichen Natursprache, einer „Ursprache“, die man in den ägyptischen Hieroglyphen zu erblicken glaubte und deshalb als „Hieroglyphensprache“ bezeichnete, wie sie vor allem Gotthilf Heinrich Schubert in seiner bereits erwähnten „Symbolik des Traumes“ (1814) thematisierte (9). Diese Vorstellung wurzelte letztlich in der frühneuzeitlichen Signaturenlehre, wonach die verborgene Natur ihre innersten Wirkkräfte in der äußeren Beschaffenheit der Naturdinge offenbare. So wurde Naturforschung schlechthin als „Lesen im Buch der Natur“ verstanden, die Natur wurde nun zur „Heiligen Schrift“ erklärt, zur wahrhaften Bibel für die (Natur-)Wissenschaft. Hierauf ging Freud nicht explizit ein, und es ist fraglich, ob ihm diese wissenschaftshistorischen Implikationen seines eigenen Ansatzes tatsächlich in ihrer Tragweite bewusst waren.
Verborgenes alchemistisches Erbe
Kupfertitel aus Johann Baptist van Helmont: „Aufgang der Artzney-Kunst“ Sulzbach 1683 (deutsche Übersetzung von Christian Knorr von Rosenroth). Allegorisch wird die in dunkler Gruft verborgene „Wahrheit“ angedeutet. Die großen Forscher hätten bisher vergeblich versucht, zum „Grab der wahren Artzney-Kunst“ vorzudringen, das von ignoranten Zeitgenossen (fledermausartigen „Nachtvögeln“) umschwirrt wird. In der Mitte von vorn nach hinten zu sehen: Galen,Avicenna, Theophrastus (= Paracelsus) und van Helmont mit Laterne. Der aufklärerische Impetus dieser Naturphilosophie erinnert an Freuds anthropologisch gewendetes Bestreben, das Unbewusste gegen die Widerstände einer missliebigen Umwelt zu erhellen.
Kupfertitel aus Johann Baptist van Helmont: „Aufgang der Artzney-Kunst“ Sulzbach 1683 (deutsche Übersetzung von Christian Knorr von Rosenroth). Allegorisch wird die in dunkler Gruft verborgene „Wahrheit“ angedeutet. Die großen Forscher hätten bisher vergeblich versucht, zum „Grab der wahren Artzney-Kunst“ vorzudringen, das von ignoranten Zeitgenossen (fledermausartigen „Nachtvögeln“) umschwirrt wird. In der Mitte von vorn nach hinten zu sehen: Galen,Avicenna, Theophrastus (= Paracelsus) und van Helmont mit Laterne. Der aufklärerische Impetus dieser Naturphilosophie erinnert an Freuds anthropologisch gewendetes Bestreben, das Unbewusste gegen die Widerstände einer missliebigen Umwelt zu erhellen.
Eines ist jedoch klar: Indem er gegen jene Auffassungen der Neurophysiologen opponierte, die im Traum nur eine „zerbröckelte Hirntätigkeit“ erblicken wollten, und im Gegenzug apodiktisch behauptete, dass der Traum einen „Sinn“ habe, ein „sinnvolles Gebilde“ sei, berief er sich ausdrücklich auf die antike Weissage- und Deutungskunst. Dass diese Deutungskunst gerade in der naturphilosophischen Begründung der aufblühenden Naturforschung im Gefolge der Renaissance, namentlich in Magie, Alchemie und Astrologie, eine zentrale Rolle spielte, wird von Freud nicht eigens erwähnt. Sie ist freilich eine unstrittige historische Tatsache. Der Weg der Freudschen Deutungsarbeit lässt sich auf die Formel bringen: aus dem manifesten Trauminhalt die latenten Traumgedanken erschließen. Dieser Prozess der Entschlüsselung bedeutet bei Freud das Lesen einer Botschaft, die der verborgenen Natur im Subjekt entspringt – dem Unbewussten. Dieses kann sich in unverständlichen, geheimen Botschaften äußern, in Fehlleistungen, Traum und Neurose – sozusagen durch Signaturen, die als Ausdruck des Seelenlebens zu verstehen sind.
Im Gegensatz zum Nervenarzt Sigmund Freud war der Psychiater C. G. Jung an der Bilderwelt der alchemischen Symbole interessiert, die für ihn nichts anderes als Archetypen des kollektiven Unbewussten darstellten. Er verglich, ja identifizierte den tiefenpsychologischen beziehungsweise psychotherapeutischen Vorgang der „Individuation“ mit dem alchemistischen Forschungsprozess. Auch wenn Freud demgegenüber immer darauf achtete, zu konkreten Inhalten und Symbolen von Alchemie und Magie Abstand zu wahren, weist sein Werk doch gewisse Berührungspunkte zu der betreffenden Tradition auf. Am deutlichsten wird das verborgene alchemistische Erbe Freuds in seinem Schlüsselbegriff der Sublimierung. Es geht hier um die Ablenkung des Sexualtriebs und die Nutzung seiner Energie bei der künstlerischen und intellektuellen Arbeit, welche nach der Freudschen Auffassung eine Voraussetzung aller Kulturleistungen sind. Eine solche Umwandlung des Sexualtriebs stelle „der Kulturarbeit außerordentlich große Kraftmengen zur Verfügung“ (5). Freuds Grundidee war es, die kulturelle Arbeit des Menschen schlechthin als „Sublimierung der Sexualität“ zu begreifen.
Sublimierung – in der Fachliteratur auch sublimatio oder „Erhebung“ genannt – betrifft in der Alchemie einen Vorgang der Verfeinerung und der Gestaltverwandlung. Es ist aufschlussreich, den entsprechenden Artikel in Zedlers Universallexikon aus dem 18. Jahrhundert heranzuziehen: „Die Erhebung ist eine chymische Arbeit, in welcher das Feuer einen gantzen Cörper, oder einige Theile desselben, gleich einer trockenen Ausdünstung in die Höhe treibet dass sie oben in dem Glase zusammen gehet, in Gestalt subtiler Blumen, oder auch in einen härtern oder festern Leib. [. . .] Die Sublimation wird angestellet, entweder einen Cörper zu säubern, und von allem Unrathe zu befreyen, wie bey dem Salmiac; oder demselben eine andere Gestalt zu geben, wie bey dem Quecksilber.“ (11) Die Etymologie des Begriffs leitet sich ab von dem lateinischen Adjektiv sublimis (= hoch, erhaben, emporragend). Im 18. Jahrhundert meinte das Verb „sublimieren“ allgemein „ins Erhabene steigern, verfeinern, veredeln“ (3). Nichts anderes will Freud im Kontext seiner Trieblehre und Kulturanthropologie im Hinblick auf den Bildungsprozess des Menschen zum Ausdruck bringen.
Das Motto der „Traumdeutung“ entnahm Freud keinem geringeren Werk als Vergils „Äneis“: „Flectere si nequeo superos, acheronta movebo“ (Kann ich schon die Götter nicht erreichen, so werde ich doch die Mächte der Unterwelt aufrühren). Diese Vorstellung bedient sich indirekt einer wichtigen naturphilosophischen Metapher, die den Weg ernsthafter Naturforschung beschreiben soll: nämlich den Aufstieg zum Göttlichen auf einer Art Himmelsleiter.
Hinab in die dunklen Verließe des Unbewussten
Der Renaissance-Philosoph Giovanni Pico della Mirandola verwies in seinem 1486 verfassten Hauptwerk „Über die Würde des Menschen“ auf das Gleichnis von der Himmelsleiter, das für die frühneuzeitliche Naturforschung, insbesondere im Bereich der Alchemie, von zentraler Bedeutung werden sollte (8). Die Jakobsleiter erscheint bei Pico und den ihm nachfolgenden Gelehrten als Symbol der zu erforschenden Natur, die dem Menschen einen Weg aus den irdischen Niederungen zu den himmlischen Höhen bietet. Am unteren Endpunkt der Natur steht der ungebildete Mensch, der durch einen Prozess der Erziehung und Reinigung zum oberen Endpunkt, nämlich Gott, gelangen kann. Es handelt sich hier um eine klare hierarchische Ordnung, eine Ausrichtung von unten nach oben, die seinerzeit nicht nur der kosmologischen Vorstellung allgemein entsprach, sondern auch der speziellen Perspektive der Alchemie. Der Aufstieg auf der Leiter der Natur setzt eine ständige Reinigung durch „philosophische Betrachtung“ voraus und ist ein zielgerichteter Prozess der Vervollkommnung.
Freud blickt bildlich gesprochen aber nicht wie die frühneuzeitlichen Naturforscher nach oben in himmlische Gefilde, sondern nach unten in die dunkleren Verließe des Unbewussten. (Die Jakobsleiter ist bei ihm gewissermaßen sexualisiert: Leitern, Treppen und das Auf- und Absteigen auf ihnen erscheinen nämlich als „symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes“ [4].) Dabei ist der Blick bei der Deutungsarbeit nicht nach vorne in die Zukunft, sondern zurück in die Vergangenheit gerichtet. Dennoch ist die mühselige Arbeit der Entschlüsselung der verborgenen Natur in beiden Fällen von derselben fundamentalen Bedeutung: Sie soll den Menschen von den Fesseln seines irdischen Elends wenigstens „ein Stück weit“, wie Freuds beliebte Redewendung lautet, befreien. Doch die verbreitete Vorstellung vom Unbewussten als einem dunklen und üblen Verschlag böser Triebe, die den Menschen immer wieder überwältigen und leiden machen, verfehlt den springenden Punkt. Denn sie suggeriert, dass es der Psychoanalyse primär darum gehe, wie mit einem Scheinwerfer ein dunkles Kellergewölbe auszuleuchten, nach dem bekannten Wahlspruch „Wo Es war, soll Ich werden“ (6).
Freud (links) und Fließ, Anfang der 1890er- Jahre: Der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ (1858–1928) war als wissenschaftlicher Gesprächspartner Freuds Intimfreund („alter ego“) in den Jahren vor 1900, als dieser die „Traumdeutung“ entfaltete. Mit seinen biorhythmischen, sexual- und evolutionsbiologischen Vorstellungen beeinflusste Fließ nachhaltig Freuds spätere Theoriebildung. Foto: picture-alliance/akg-images
Freud (links) und Fließ, Anfang der 1890er- Jahre: Der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ (1858–1928) war als wissenschaftlicher Gesprächspartner Freuds Intimfreund („alter ego“) in den Jahren vor 1900, als dieser die „Traumdeutung“ entfaltete. Mit seinen biorhythmischen, sexual- und evolutionsbiologischen Vorstellungen beeinflusste Fließ nachhaltig Freuds spätere Theoriebildung. Foto: picture-alliance/akg-images
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Doch auch die Vorstellung vom Unbewussten als einer Art Unterwelt, Schattenreich, dunklem Verließ bedrohlich eingesperrter Triebkräfte et cetera hat in der Tradition der (paracelsischen) Alchemie eine beachtliche Entsprechung. Denn die Erde wird zwar als vergänglicher, irdischer Gegenspieler und Widerpart des ewigen, himmlischen Geistes angesehen, zugleich birgt das Erdinnere, insbesondere das Innere der Berge, Bodenschätze, Naturmächte, Elementargeister, insbesondere den „vulcanus“, der wie ein Schmied im Labor der Natur mit Feuerkraft die Metalle bereitet. Die Natur scheint gerade hier im Verborgenen als Magierin am Werke, quasi als inhärenter Alchemist – analog wie er im menschlichen Leib als Lebensgeist (archeus) bei der Stoffverwandlung, insbesondere der Verdauung, tätig ist.
Die alchemische Forschungsperspektive wollte Licht in diese Unterwelt werfen, um der verborgenen Natur auf die Spur zu kommen – ähnlich wie später die psychoanalytische Deutungsarbeit ins Unbewusste vorzudringen versuchte, um die verdrängten Inhalte des Seelenlebens aufzudecken. Bei den Ansätzen ging es um die Suche nach der „Wahrheit“, das der irregeleitete menschliche Geist bisher nach Ansicht der Promotoren verfehlt habe. Der bedeutende (Al-)Chemiker Johann Baptist van Helmont schilderte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts diese Wahrheitssuche eindrücklich am Beispiel seiner Vision, seines Traums vom „Grab der Wahrheit“, das tief in einer dunklen Höhle verborgen sei und das bisher kein Forscher zu erreichen vermochte. Die betreffende Illustration (Abbildung) erinnert durchaus an Freuds Intention, verborgene Schätze im Unbewussten aufzudecken und ans Licht zu heben, zu „sublimieren“ (10).
Wenn Freud in seiner Eigenschaft als „Entdecker des Unbewussten“ zumeist als Gründungsvater der Psychoanalyse und Ausgangspunkt der modernen Psychotherapie gesehen wurde und wird, als ein Bahnbrecher, der das moderne Menschenbild revolutioniert habe, so zielen meine Überlegungen in die entgegengesetzte Richtung: Mag er noch so sehr ein „Erster“, ein Ausgangspunkt für unterschiedliche Bewegungen, Schulen, Disziplinen gewesen sein, so war er doch auch ein „Letzter“, ein Endpunkt naturphilosophischer Weltanschauungen und magischer Heilkonzepte im Geiste der (al-)chemischen Medizin. In dieser Perspektive erscheint seine Lehre vom Unbewussten als letzter Rest einer Naturphilosophie, die im Zeitalter der siegreichen Naturwissenschaften und ihres Objektivismus im Rahmen einer medizinischen Fakultät gerade noch tolerabel erschien. In seiner Lehre spiegelt sich noch einmal im Diskurs der Medizin – in dieser Penetranz wahrscheinlich ein letztes Mal – deren verdrängte Vorgeschichte wider. Als Neurowissenschaftler vollzog Freud die Wende zur modernen Naturwissenschaft nur teilweise: An entscheidender Stelle, fundamental in der „Traumdeutung“, hielt er an vergessenen und zum Teil verfemten Ansätzen vormoderner Wissenschaftstraditionen fest, um sie in seine Theoriebildung zu implantieren.
Indem Freud die Borniertheit der naturwissenschaftlichen Medizin seiner Zeit überwinden und sie mit einer psychologischen Dimension anreichern wollte, nicht um die somatische Medizin durch eine psychologische abzulösen, sondern vielmehr jene durch diese zu ergänzen, griff er auf wissenschaftshistorisch vergessene und verdrängte Ansätze zurück und erwies sich dabei als Bewahrer einer von der modernen Naturwissenschaft verpönten Vergangenheit. Es ist oftmals herausgestellt worden, dass sich Freud nicht in erster Linie als Arzt oder Therapeut verstand, sondern als Wissenschafter, als Forscher. Dies mag prima vista für seine ärztliche Praxis zutreffen, nicht aber für sein wissenschaftliches Ethos. In einem Brief an Romain Rolland vom Jänner 1936 schrieb Freud: „Sie wissen, meine wissenschaftliche Arbeit hatte sich das Ziel gesetzt, ungewöhnliche, abnorme, pathologische Erscheinungen des Seelenlebens aufzuklären, das heißt, sie auf die hinter ihnen wirkenden psychischen Kräfte zurückzuführen und die dabei tätigen Mechanismen aufzuzeigen. Ich versuchte dies zunächst an der eigenen Person, dann auch an anderen, und endlich in kühnem Übergriff auch am Menschengeschlecht im Ganzen.“ (7) Damit zielte auch Freud auf eine Art „General-Reformation“ des menschlichen Seelenlebens ab, im Unterschied zum gleichnamigen Rosenkreuzermanifest aus dem 17. Jahrhundert (1) jedoch im Sinne des modernen (biologisch geprägten) Menschenbildes: nämlich auf die (relative) Emanzipation der Zeitgenossen von ihrem neurotischen Leiden, ihrem „Unbehagen in der Kultur“.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(33): A 2152–6

Literatur
 1. Andreae JV: Allgemeine und General Reformation, der gantzen weiten Welt Beneben der Fama Fraternitatis, Deß Ordens des Rosencreutzes/ an alle Gelehrte und Häupter Europä geschrieben [. . .]. Kassel 1614.
  2. Anzieu D: L’auto-analyse de Freud et la découverte de la psychanalyse. 2 Bde. Paris 1959.
 3. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen M–Z. 2. Aufl. Berlin 1993.
 4. Freud S: Die Traumdeutung (1900). In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Bd. 1–18. Frankfurt am Main 1960–68 [= GW], Bd. 2/3.
 5. Freud S: Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908). GW, Bd. 7.
 6. Freud S: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1932). GW, Bd. 15: 86.
 7. Freud S: Brief an Romain Rolland (Eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis). GW, Bd. 16.
 8. Pico della Mirandola G: De hominis dignitate. Über die Würde des Menschen (1486). Hrsg. von August Buck. Hamburg 1990 (Philosophische Bibliothek, Bd. 427).
 9. Schott H: Der versteckte Poet in uns. Zur Sprachtheorie in der naturphilosophischen Seelenlehre von Gotthilf Heinrich Schubert (1780–1860). Sudhoffs Archiv 1981; 65: 226–50.
10. Schott H: Paracelsismus und chemische Medizin. Johann Baptist van Helmont zwischen Naturmystik und Naturwissenschaft. In: Schott H (Hrsg.): Meilensteine der Medizin. Dortmund 1996 (Abbildung S. 200).
11. Zedler JH: Grosses vollständiges Universal-Lexicon. 40. Bd. Leipzig, Halle 1744.
12. „Wissen: Sigmund Freud 2006“. Die Zeit; 23. Februar 2006: 34–8.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott
Direktor des Medizinhistorischen Instituts der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn

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