ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2006Demokratische Republik Kongo: Weit entfernt von der Normalität

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Demokratische Republik Kongo: Weit entfernt von der Normalität

Stöbe, Tankred

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Vertriebenenlager bei Dubie
Vertriebenenlager bei Dubie
Noch immer sind 1,6 Millionen Kongolesen auf der Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen. Doch auch Hunger und die mangelnde medizinische Versorgung machen den Menschen zu schaffen.

Masangue Mwamba ist so erschöpft, dass er die Feldklinik von Ärzte ohne Grenzen nur noch mit fremder Hilfe erreichen kann. Um seinen Brustkorb hat er sich einen Lumpenstrick gebunden – in der Hoffnung, dadurch den chronischen Husten zu unterdrücken, der ihn seit Monaten quält. Außerdem klagt er über Kraftlosigkeit, Nachtschweiß und Gewichtsverlust. Hagere 39 Kilo bringt er noch auf die Waage. Das Symptombild entspricht dem einer offenen, ansteckenden Tuberkulose.
Masangue hat sie mitgebracht von der Flucht, zu der er mit seiner Frau und seinen acht Kindern wegen Kämpfen zwischen Militär und Rebellen gezwungen wurde. Mit 18 000 weiteren Vertriebenen fanden sie schließlich Sicherheit in einem der Lager, die Ende letzten Jahres rund um den Ort Dubie in der Provinz Katanga im Südosten der Demokratischen Republik Kongo (D.R. Kongo) aus dem Boden schossen – und die Einwohnerzahl dieses von der Außenwelt weitgehend isolierten staubigen Dorfes in wenigen Wochen plötzlich verdreifachten.
Dubie ist kein Einzelfall: Die D.R. Kongo hat etwa die Größe Westeuropas und besteht zum überwiegenden Teil aus unbewohnter Steppe und Dschungel. In ihr leben weit verstreut rund 60 Millionen Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit – und sie kommen nicht zur Ruhe. Rund 40 000 Kongolesen werden jeden Monat aus ihrem Heimatort vertrieben. Insgesamt sind derzeit 1,6 Millionen Kongolesen auf der Flucht.
Als den gegenwärtig „tödlichsten Krieg weltweit“ beschreibt das Time-Magazin diesen vergessenen Konflikt in der D.R. Kongo, der seit 1998 etwa vier Millionen Menschenleben forderte und als Afrikas erster Weltkrieg gilt, als die tödlichste humanitäre Katastrophe der letzten 60 Jahre, in die mindestens acht Staaten verwickelt waren und sind. Denn trotz des offiziellen Friedensschlusses mit den östlichen Nachbarn Ruanda und Uganda im Jahr 2002 sterben nach Angaben des International Rescue Committee kriegsbedingt noch immer 1 200 Kongolesen – jeden Tag.
Es trifft vor allem unschuldige Zivilisten. Sie sterben nicht nur durch Waffengewalt, wenn rivalisierende bewaffnete Gruppen umherziehen und die Bevölkerung immer aufs Neue terrorisieren, vertreiben und vergewaltigen. Sie sterben auch, weil es am Nötigsten fehlt. Mehr als die Hälfte der Kongolesen hat nicht genug zu essen, sauberes Trinkwasser und medizinische Behandlungsmöglichkeiten fehlen – und so sterben sie an Unterernährung, Durchfall und Malaria.
Ärzte ohne Grenzen engagiert sich in der D.R. Kongo mit einem seiner größten Nothilfeprogramme. In 25 Projekten arbeiten mehr als 2 000 nationale und 200 internationale Mitarbeiter der Organisation, das Jahresbudget liegt bei rund 27 Millionen Euro. Ein Schwerpunkt der Hilfsarbeit liegt in Katanga. Allein hier sind in den zurückliegenden sechs Monaten rund 150 000 Menschen aus ihren Dörfern geflüchtet. Sie leben ohne Unterstützung von der Regierung oder die internationale Gemeinschaft.
Vertriebene Familie in ihrer Hütte im Lager bei Dubie Fotos: Tankred Stöbe
Vertriebene Familie in ihrer Hütte im Lager bei Dubie Fotos: Tankred Stöbe
In den Lagern rund um Dubie behandelt Ärzte ohne Grenzen täglich mehr als 100 Patienten, die an schweren, jedoch meist heilbaren Krankheiten leiden. Fast jeder zweite Patient in den Krankenstationen leidet an Malaria. Aber auch Wurminfektionen, Atemwegserkrankungen und Durchfall sind häufig. Eines der Hauptprobleme der Vertriebenen ist der Hunger. Außerdem haben die Menschen kaum etwas anzuziehen und klagen über die paralysierende Abhängigkeit, mit Tausenden anderen auf engstem Raum und ohne Zukunftsperspektive leben zu müssen.
Trotzdem bleiben sie in den Lagern. Denn ihre Dörfer und alles, was sie zurücklassen mussten, wurden niedergebrannt, und für eine Rückkehr fehlen ihnen die materiellen Mittel und die Hoffnung auf eine stabile Sicherheitslage. Erst vor kurzem sind weitere 50 Familien aus dem Norden in den Vertriebenenlagern eingetroffen.
Die Gesundheitsversorgung in den Camps hat Ärzte ohne Grenzen mittlerweile weitgehend unter Kontrolle. Die Sterblichkeitsrate ist unter die Alarmgrenze von 1 : 10 000/Tag gesunken. Doch die Ernährung der Vertriebenen bleibt eine enorme Herausforderung. Die lokalen Nahrungsmittelvorräte sind längst erschöpft, die Preise für Lebensmittel sind in die Höhe geschossen, und trotz mehrfacher dringender Bitten von Ärzte ohne Grenzen haben sich bisher weder das für die Nahrungsbeschaffung zuständige Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen noch andere Nichtregierungsorganisationen bereit gefunden, den akuten Nahrungsmittelengpass zu beheben.
Und so schickt Ärzte ohne Grenzen monatlich 16 Trucks mit 130 000 Tonnen Nahrungsmitteln aus der 450 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Lubumbashi nach Norden. Je nach Witterung dauert die beschwerliche Fahrt nach Dubie auf der unwegsamen Piste bis zu zwölf Tagen.
Wer es nach Dubie schafft, hat Glück: wie die ausgezehrte Frau, die ihr Alter ebenso wenig angeben kann wie den Aufenthaltsort ihrer fünf Kinder. Während der Flucht ist ihre Familie auseinander gerissen worden. Nur dass sie alle noch am Leben sind, da ist sie sich sicher. Bei ihr ist die zweijährige Enkelin Kibawa Gormaine, deren Mutter auf der Flucht starb, weil sie krank wurde und keine Medikamente hatte oder ein Krankenhaus, das sie hätte aufnehmen können. Kibawa leidet an Erbrechen und Malaria-Fieber, außerdem zeigt sie Verformungen im Gesicht und Hungerödeme an den Beinen – beides Zeichen von schwerer Unterernährung.
Der tuberkulosekranke Masangue und die unterernährte Kibawa werden von Ärzte ohne Grenzen stationär behandelt und wohl in den nächsten Tagen erste Zeichen der Besserung zeigen. Für viele Tausende aber, die weiterhin auf der Flucht sind und es nicht bis hierher schaffen, kommt jede Hilfe zu spät. Tankred Stöbe
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