ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2006Hausärztliche Versorgung: Nicht zu Ende gedacht
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LNSLNS Der Artikel von Herrn Hege ist ein Plädoyer für den neuen Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin – anders als es der Autor selbst explizit sagt. In dem Artikel wird sehr anschaulich die Trennung einzelner Spezialbereiche der Inneren Medizin untereinander als auch die Trennung der Allgemeinmedizin von der Inneren beschrieben. Analytisch wird allerdings vergessen, die Gründe dafür zu benennen: immer höhergradige Spezialisierung in der Medizin, und dies auch in ihrem größten primär noch zusammenhängenden Bereich. Analytisch wird ebenfalls vergessen darzustellen, welche Funktion der Allgemeinmedizin über die Zeit zugewachsen ist: Sie hat auf dem Hintergrund der Aufsplitterung zu integrieren – was Hege für den Allgemeininternisten reklamiert, aber nicht zu Ende denkt. Denn wenn Integration notwendig wurde, dann kann sie nur auf die gesamte Person bezogen sein, nicht auf die „internistische“ beschränkt werden. Der Allgemeinarzt sollte dies können, vom Allgemeininternisten ist es nicht zu erwarten, weil alle anderen medizinischen und psycho-sozialen Bereiche hier rausfallen. Die weitere zentrale Funktion der Allgemeinmedizin ist ebenfalls nur auf dem Hintergrund der Medizin-Entwicklung zu verstehen: In einer Zeit, in der unendlich viel aus der Medizin möglich ist, und der Spruch, ein gesunder Mensch ist der, der nicht ausreichend untersucht ist, leider Wirklichkeit geworden ist, in einer solchen Zeit braucht es diese Kompetenz, Wesentliches, im Vordergrund Stehendes, Gewünschtes und für diesen Patienten in dieser Situation mit wenig Nebenwirkungen Ausgestattetes von dem jeweiligen Gegenteil zu trennen. Man muss als Generalist selektieren, wer das, was möglich ist, braucht – um ihn vor Überversorgung zu schützen. Heges Gedankengang analytisch erweiternd, kommt man also zu einem Plädoyer für den Generalisten, dieser ist aber sehr viel mehr in der Allgemeinmedizin als in der Allgemeinen Inneren, die ja auch eine Einengung darstellt, zu finden. Denn wieder ist Hege zuzustimmen: für die Aufgabe ist generalistisches Denken notwendig, dies zu lernen erlaubt die neue Weiterbildung über die Zeit in der Allgemeinpraxis, wenn auch dies durch die nur noch eingeschränkte Seminar-Weiterbildung nur unzureichend vorbereitet sein wird. Zukunftsträchtig wäre hier die Forderung nach besserer Vorbereitung. Schließlich diffamiert Hege den Allgemeinarzt als „Makler“, „Archivar“ etc. Aber auch in diesem Fall hätte er analytisch herangehen müssen: Natürlich spart es Kosten, wenn nicht jeder Patient all das, was denkbar und möglich ist, sondern nur das, was für ihn adäquat ist, an Diagnostik und Therapie erhält. Bei einem gesammelten Auftritt aller angesprochenen Spezialdisziplinen zu einem Gesundheitsproblem eines Patienten ist aber die Ausweitung notwendiges Ergebnis – und aus der Sicht jeder Einzeldisziplin auch gerechtfertigt. Und wieder: Die Entwicklung der Medizin bedarf des Generalisten, der hier den Patienten vor dem Zuviel bewahrt. Man darf dann nicht den positiven Nebeneffekt, Kostenersparnis, mit der eigentlich geleisteten Arbeit, Belastungsersparung für den Patienten durch Nicht-Notwendiges, verwechseln.
Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz, Abteilung für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Düsseldorf, Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf
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