ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2006Hausärztliche Versorgung: Szenen einer Zwangsehe
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LNSLNS Wenn zwei Riesen in eine Ehe gezwungen werden, kann es nicht gut gehen: Zwei grundlegend wichtige Fächer wie die Allgemeinmedizin und die Innere Medizin miteinander zu verheiraten sollte – wohl gut gemeint – gesundheitspolitisch ein großer Schachzug werden. Kompromisse lassen Mängel erwarten. Herr Dr. Hege beschreibt in seinem Artikel die Defizite, die sich für das Gebiet Innere Medizin ergeben. Wie er jedoch das Bild des Allgemeinarztes kennzeichnet, bedarf des Widerspruchs. Er zeichnet den Allgemeinmediziner als „Archivar, medizinischen Makler, Hausbesucher und in der Sprechstunde zur Schnellmedizin Verdammten, der ausgiebig von Überweisungen an Spezialisten Gebrauch“ mache. Weiß Herr Dr. Hege nicht, dass der hausärztliche Internist deutlich mehr Überweisungen an Spezialisten veranlasst als der Facharzt für Allgemeinmedizin (Untersuchungen des Zentralinstituts Köln)? Die Tätigkeit des Facharztes für Allgemeinmedizin beinhaltet vielmehr umfangreiche Aufgaben der Prophylaxe, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation. Er besitzt Einfluss auf die Ausschaltung pathogener Faktoren im Vorfeld der Entstehung von Erkrankungen, forciert die Früherkennung und -behandlung häufig vorkommender Erkrankungen und ist für die wirksame medizinische und soziale Betreuung der Bürger seines Sprengels verantwortlich . . . Mit diesem Tätigkeitsprofil wird einem Grundbedürfnis der Bevölkerung entsprochen. Hierzu bedarf es einer strukturierten, breit angelegten, hochwertigen und zu evaluierenden Weiterbildung über fünf Jahre. Der Rostocker Beschluss, die obligaten chirurgischen und pädiatrischen Weiterbildungszeiten zugunsten einer dreijährigen Weiterbildungszeit in der Inneren Medizin zu opfern, führt zwangsläufig zu einer Verschlechterung der Qualität künftiger Hausärzte. Diese Weiter­bildungs­ordnung sieht es nicht einmal vor, die 36 internistischen Monate zu strukturieren: Somit könnte der Assistent beispielsweise drei Jahre gastroenterologische Weiterbildung absolvieren und hätte seine internistische Zeit realisiert . . . Eine Wochenanalyse in 25 bundesdeutschen Allgemeinpraxen aus dem Jahre 2003 ergab lediglich einen Anteil von 38,5 Prozent internistischer Beratungsanlässe und eine Vielzahl anderer breit gefächerter Patientenanliegen. An diesen Patientenbedürfnissen müssen sich Weiterbildungsinhalte orientieren, um die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau zu garantieren . . . Die Tatsache, dass in fast allen Lan­des­ärz­te­kam­mern das Problem des „Facharztes für Innere und Allgemeinmedizin“ unterschiedlich gehandhabt wird, ist beredtes Zeugnis für das entstandene Chaos . . . Ich möchte meine Ausführungen nicht so verstanden wissen, als ob die internistische Weiterbildung nicht für die allgemeinmedizinische Qualifikation wichtig sei. Sie ist es unbenommen – aber im Kanon der weiteren Fachgebiete. Die Verbindung der Inneren Medizin und der Allgemeinmedizin macht allein vom Arbeitsauftrag, den die Bürger traditionell verinnerlicht haben, keinen Sinn: Zum Allgemeinarzt kommen gleiche Patienten mit verschiedenen Krankheiten und zum Internisten verschiedene Patienten mit den gleichen Krankheiten. Es ist nicht so, wie Herr Dr. Hege sagt, dass die „Befreiung der Allgemeinärzte in der hausärztlichen Versorgung von dem Wettbewerb mit dem Allgemeininternisten dazu führen würde, dass die Kompetenzbreite der in der Primärversorgung Tätigen sinken würde“. Die hohe Qualifikation des Facharztes für Allgemeinmedizin ist vielmehr die Voraussetzung, dass eine gute Kooperation mit Spezialisten und Subspezialisten aus dem ambulanten und stationären Sektor resultiert . . . Ganz besonders ungünstig wirkt sich der Doppelfacharzt auf die Stellung an den Universitäten aus. Erst im letzten Jahrfünft ist es uns gelungen, einen erfreulichen Aufschwung zu erreichen. An den gerade etablierten Lehrstühlen erheben wie in unseren Gründungsjahren neuerlich Internisten den Anspruch, allgemeinmedizinische Inhalte darstellen zu wollen. Die Situation an den Hochschulen wird verwässert und unscharf. Studenten fällt die Einordnung schwer. Junge Kollegen können nicht mehr nachhaltig motiviert werden, sich für die Allgemeinmedizin zu entscheiden. Ohne diese Möglichkeit der Identität des Faches und der strukturierten fünfjährigen Weiterbildung für Allgemeinmedizin auf hohem Niveau werden wir aber unserem Versorgungsauftrag nicht gerecht . . .
Literatur bei der Verfasserin
Prof. Vittoria Braun, Lehrstuhl für Allgemeinmedizin der Charité Berlin, Schumannstraße 20/21, 10117 Berlin
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