ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Tuberkulose: Neuer Stamm mit extremer Letalität

AKTUELL: Akut

Tuberkulose: Neuer Stamm mit extremer Letalität

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Neben multiresistenten Tuberkulose-Stämmen (MDR) beobachten Infektiologen zunehmend extensiv-resistente Stämme (XDR). Eine Studie, die auf der 16. Internationalen Aids-Konferenz in Toronto vorgestellt wurde, verdeutlicht ihr Bedrohungspotenzial. Als XDR klassifizieren die US-Centers of Disease Control and Prevention (CDC) Mycobacterium-tuberculosis-Stämme, die sowohl gegen die Mittel der ersten Wahl (Isoniazid und Rifampicin) als auch der zweiten Wahl versagen (wenigstens drei der folgenden sechs Medikamentenklassen: Aminoglykoside, Polypeptide, Fluorochinolone, Thioamide, Cycloserin und Para-Aminosalicylsäure). Kürzlich haben die CDC und die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) eine internationale Umfrage durchgeführt (MMWR 2006; 55: 301–5). Unter 17 690 Isolaten befanden sich 3 520 MDR-Stämme, von denen wiederum 347 – also etwa jeder zehnte – XDR-Eigenschaften hatten. In den Industrieländern waren sie seltener (sechs Prozent), in Osteuropa und Asien dagegen doppelt so häufig. Die höchste Prävalenz (15 Prozent) wurde in Südkorea gefunden.

Welche Folgen dies hat, zeigte die Gruppe um Gerald Friedland (Yale-Universität, New Haven), die ein Programm zur antiretroviralen Behandlung von Aids-Patienten in der Provinz KwaZulu-Natal in Südafrika betreut. Koinfektionen von HIV und Tuberkulose sind dort fast schon die Regel. Mit der zunehmenden Verbreitung der antiretroviralen Medikamente steigen die Chancen der Patienten, nicht mehr an Aids, sondern eher an Tuberkulose zu sterben. Zwischen Januar 2005 und März 2006 wurde im Sputum von 536 von 1 540 HIV-Patienten Mycobacterium tuberculosis nachgewiesen. Von diesen hatten 53 Patienten eine XDR-Tuberkulose, an der 52 verstarben, die Hälfte davon innerhalb von 25 Tagen.

Die durch HIV geschwächte Abwehrlage dürfte ein Grund für die schlechte Prognose gewesen sein. Doch die hohe Letalität, die der anderer gefürchteter Virusinfektionen wie Ebola sehr nahe kommt, hat die Behörden aufgeschreckt. Auch deutete die genetische Untersuchung an, dass es sich um einen neuen XDR-Stamm handelt, der sich unter den HIV-Patienten Südafrikas schnell ausbreiten könnte. Laut Presseberichten hat die WHO für die nächsten Wochen eine Tagung in Südafrika anberaumt, um Strategien zur Behandlung der XDR-Tuberkulose zu entwickeln. Rüdiger Meyer
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