ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Versichertenbefragung der KBV: Viel Lob für die Ärzte, aber auch Hinweise auf Mängel

POLITIK

Versichertenbefragung der KBV: Viel Lob für die Ärzte, aber auch Hinweise auf Mängel

Dtsch Arztebl 2006; 103(34-35): A-2213 / B-1917 / C-1853

Rieser, Sabine

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LNSLNS Die Mehrheit der Patienten ist zufrieden mit der Ärztin oder dem Arzt in der Praxis, die am häufigsten aufgesucht wird.

Die Deutschen verlassen sich auf die niedergelassenen Haus- und Fachärzte. Die ambulante Versorgung in Deutschland ist erheblich besser, als immer wieder behauptet wird.“ Diesen Schluss haben die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler und Ulrich Weigeldt, angesichts der Ergebnisse einer von ihnen in Auftrag gegebenen Versichertenbefragung gezogen. Dafür wurden von der Forschungsgruppe Wahlen mehr als 4 000 Frauen und Männer am Telefon interviewt. Einbezogen wurden Bürger zwischen 18 und 79 Jahren; die Ergebnisse gelten als repräsentativ für die deutsche Wohnbevölkerung dieses Alters.
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Vorwürfe der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin, Patienten müssten oft unzumutbar lange auf Termine vor allem beim Facharzt warten, weitgehend unbegründet sind“, betonte Köhler. Konkret hatten 15 Prozent aller Befragten angegeben, im letzten Jahr bei einem Arztbesuch Probleme wegen eines Termins gehabt zu haben. Dabei berichteten doppelt so viele Kassenpatienten (16 Prozent) wie Privatpatienten (acht Prozent) von Schwierigkeiten.
Sofort in eine Haus- oder Facharztpraxis kommen konnten demnach bei ihrem letzten Termin 46 Prozent der Befragten. Einen Tag gedulden mussten sich sechs Prozent, bis zu einer Woche acht Prozent, länger als drei Wochen nur drei Prozent. Insgesamt hatten 44 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten und 54 Prozent der Privatpatienten sofort einen Arzttermin bekommen. Wie zu erwarten, „werden beim Hausarzt Termine tendenziell etwas schneller vergeben, und es gibt deutlich mehr Patienten, die ganz ohne Termin zum Hausarzt als zum Facharzt gehen“, heißt es in der Auswertung.
„Gefreut hat uns besonders, dass weit über 90 Prozent mit ihrem Arzt und den Praxismitarbeitern äußerst zufrieden sind“, sagte KBV-Vorstandsmitglied Weigeldt. „Sowohl die fachliche Kompetenz als auch das Vertrauensverhältnis als Wurzel einer intakten Arzt-Patient-Beziehung werden hoch geschätzt.“ Der Umfrage zufolge beschreiben 50 Prozent der Bürger das Vertrauensverhältnis zum Arzt, den sie am häufigsten aufgesucht haben, als sehr gut, 44 Prozent als gut. Dessen Fachkompetenz wird von 93 Prozent als sehr gut oder gut eingestuft.
Weigeldt wies aber auch auf schlechtere Umfragewerte hin. So gaben 15 Prozent der Interviewten an, im vergangenen Jahr mit einem Arzt einmal so unzufrieden gewesen zu sein, dass sie eine Beschwerde in Erwägung zogen. Ein Drittel dieser verärgerten Patienten setzte ihr Vorhaben um – „überdurchschnittlich viele Befragte der mittleren Altersgruppen, überdurchschnittlich viele Hochschulabsolventen oder Bewohner von großen Städten sowie deutlich mehr privat als gesetzlich krankenversicherte Personen“, heißt es in der Auswertung. Die Mehrheit von ihnen, nämlich 70 Prozent, wandte sich dabei direkt an den behandelnden Arzt, über den sie sich geärgert hatten. „Wir werden diese Informationen näher auswerten, den KVen zur Verfügung stellen und gemeinsam überlegen, wie und wo Qualitätsverbesserungen erreicht werden können“, kündigte Weigeldt an.
Positiv überrascht zeigte sich der KBV-Vorstand von den Angaben zu Wegezeiten. „Lange Anfahrtswege gibt es kaum, auch nicht im ländlichen Bereich“, resümierte Weigeldt. Gefragt wurde allerdings nur nach den Wegen zum Haus-, nicht zum Facharzt. Danach erreichen 40 Prozent ihren Hausarzt innerhalb von fünf Minuten, 30 Prozent in zehn Minuten, 15 Prozent in 15 Minuten, sechs Prozent in 20 Minuten.
Zufrieden ist die KBV auch mit den Antworten zu Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). „Viele Presseinformationen und Untersuchungen in jüngster Zeit schüren den Eindruck, als würde sich die Arztpraxis in einen Marktplatz verwandeln“, kritisierte Weigeldt. Doch die Realität sehe anders aus. 16 Prozent der Befragten, die gesetzlich krankenversichert sind, gaben an, in den letzten zwölf Monaten selbst nach IGeL gefragt zu haben. 19 Prozent wurde ein IGeL-Angebot gemacht; bei zwei Drittel war das in Facharztpraxen der Fall. Die Mehrheit zeigte Interesse: 58 Prozent der Patienten, denen man eine individuelle Gesundheitsleistung angeboten hatte, gingen darauf ein. Gleichzeitig betonten 86 Prozent, dass sie ausreichend Zeit für ihre Entscheidung gehabt hätten.
Die Untersuchung enthält weitere aufschlussreiche Ergebnisse, zum Beispiel zum ärztlichen Bereitschaftsdienst, zu Notdienstpraxen, zu den KVen, aber auch zur Informationsbeschaffung von Versicherten. Kurz- und Langfassung sind abrufbar unter www.kbv.de. Sabine Rieser
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