ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Gesundheit in Deutschland: Versorgung auf hohem Niveau

POLITIK

Gesundheit in Deutschland: Versorgung auf hohem Niveau

Dtsch Arztebl 2006; 103(34-35): A-2214 / B-1918 / C-1854

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Das Krankheitspektrum verschiebt sich. Der demographische Wandel macht sich bemerkbar. Leistungen und Kosten halten aber dem internationalen Vergleich stand.

Die Deutschen leben länger und lange beschwerdefrei. Mit ihrer Gesundheit sind sie ziemlich zufrieden. Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt die persönliche Bewertung bei 6,5. Die Ausgaben für die Gesundheit sind zwar hoch, halten aber, angesichts der Leistungen, dem internationalen Vergleich stand. Die Qualität steigt.
Dieses positive Bild der „Gesundheit in Deutschland“ wird relativiert durch
- die Verschiebung des Krankheitsspektrums hin zu langwierigen chronischen Erkrankungen,
- den demographischen Wandel (der eine wesentliche Ursache dieser Verschiebung ist und die Personal- und Kostenintensität steigen lässt),
- den Generationenwechsel in der ambulanten ärztlichen Versorgung, der den hausärztlichen Sektor beeinträchtigt.
Solche Angaben finden sich in der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, die erstmals seit acht Jahren wieder erstellt wurde. Das eindrucksvolle Zahlenwerk, das lesefreundlich erschlossen ist, gibt „einen umfassenden Überblick über den Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung und das Gesundheitswesen in Deutschland“, so Dr. Bärbel-Maria Kurth vom Robert Koch-Institut (RKI) und Prof. Dr. Hans Selbmann, der Vorsitzende der RKI-Kommission Gesundheitsberichterstattung. Das RKI hat den Gesundheitsbericht federführend und in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt bearbeitet. Politisch verantwortet wird er vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium.
Die mittlere Lebenserwartung gibt der Gesundheitsbericht mit 81,6 Jahren (Frauen) und 76 Jahren (Männer) an. Sie stieg seit 1990 um 2,81 (Frauen) und 3,76 (Männer) Jahre. Die Geschlechtsdifferenz hat sich somit von 6,5 auf 5,6 Jahre verringert. Eine 65-jährige Frau hat statistisch noch 19,8 Jahre vor sich, ein Mann 16,4 (alle Angaben nach dem Stand von 2004). Die Welt­gesund­heits­organi­sation hat für 2002 zu ermitteln versucht, wie viele der zusätzlichen Jahre gesundheitlich beeinträchtigt sind. Das sind bei Frauen 7,6 und bei Männern 5,9 Jahre.
Das Krankheitsspektrum wird seit Jahrzehnten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs dominiert. Auf sie entfallen 70 Prozent der Todesursachen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zwar nach wie vor zu den häufigsten Todesfällen, doch der Anteil geht zurück. Auch werden weniger Menschen wegen solcher Erkrankungen arbeitsunfähig oder berentet. Die Häufigkeit von Krebserkrankungen nimmt zu, die Sterblichkeit dagegen sinkt. Doch, so der Gesundheitsbericht: „In den kommenden Jahrzehnten könnte die Zahl neuer Krebserkrankungen deutlich steigen, weil mit einem wachsenden Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung gerechnet werden muss.“
Eine Million Demenzkranker
Eine immer größere Rolle spielen psychische Erkrankungen. 15 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer erlebten während eines Jahres eine depressive Phase. Depressionen würden freilich oft unterschätzt oder gar nicht erkannt, bemerkt der Bericht. Die Zahl Demenzkranker werde, demographisch bedingt, stark steigen. Sie liege heute bei rund einer Million und könnte sich bis 2050 verdoppeln.
Zwischen 1993 und 2003 ging die Zahl der Krankenhäuser um 6,7 Prozent auf 2 197 zurück, die Bettenzahl um 13,8 Prozent auf 542 000. Die Liegezeit sank von 12,5 auf 8,9 Tage. Im Krankenhaussektor arbeiten 1,1 Millionen Menschen, das entspricht einem Viertel aller im Gesundheitswesen tätigen Personen.
In der ambulanten Versorgung steht ein Generationenwechsel bevor, prophezeien die Gesundheitsberichterstatter. Innerhalb von zehn Jahren stieg nämlich das Durchschnittsalter der Ärzte von 46,6 auf 50,6 Jahre. Besonders deutlich wird die Überalterung bei den Hausärzten. Betroffen sind vor allem die Hausärzte und hier wiederum in den ostdeutschen Bundesländern. Zwischen 1990 und 2002 stieg die Zahl der Vertragsärzte zwar kontinuierlich. Der Zuwachs betraf im Wesentlichen aber die Spezialisten (Zuwachsrate bei Fachärzten 43, bei Allgemeinärzten 14 Prozent).
Seltener zum Arzt
Die Neigung, zum Arzt zu gehen, nimmt ab. 1995 waren laut Mikrozensus noch 72,6 Prozent wegen einer Erkrankung „innerhalb der letzten vier Wochen“ beim Arzt, 2003 nur 66,2. Die Praxisgebühr hat die Arztkontakte nochmals sinken lassen. Der Gesundheitsbericht kann hier aber noch nicht mit abschließenden Zahlen aufwarten.
Für „Gesundheit“ (einschließlich der Einkommensleistungen wie etwa Lohnfortzahlung) wurden 2003 insgesamt 305 Milliarden Euro ausgegeben, 48,3 Prozent kamen von privaten, 13,7 von öffentlichen Haushalten, 38 Prozent von den Arbeitgebern. Der Trend geht zur privaten Finanzierung. Seit 1993 hat sich deren Anteil deutlich erhöht, während die Finanzierungsanteile der öffentlichen Hand und der Arbeitgeber zurückgingen.
Die Krankheitskosten betrugen 2002 223,9 Milliarden. Euro. Die durchschnittlichen Krankheitskosten je Einwohner lagen bei 2 710 Euro jährlich, mit altersbedingten Unterschieden. So betrugen die Krankheitskosten in der Altersgruppe bis 45 etwa 1 700, in der zwischen 45 und 65 knapp 3 000 und in der Gruppe der über 65-jährigen 6 000 Euro.
Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt kontinuierlich, er lag 2003 bei 11,1 Prozent. Nur die USA (15 Prozent) und die Schweiz (11,5 Prozent) lagen höher. Die Gesundheitsberichterstatter weisen dazu auf einen wenig beachteten Zusammenhang hin: „Bei der Bewertung des BIP-Anteils ist zu berücksichtigen, dass Deutschland in den vergangenen Jahren zwar relativ moderate Ausgabenzuwächse und deutliche Effizienzgewinne im Gesundheitswesen zu verzeichnen hat, dennoch ist der BIP-Anteil gewachsen, weil die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung ungünstiger verlief als in anderen Staaten.“ Pro Kopf steht Deutschland gemäß einer OECD-Erhebung von 2003 mit 3 000 Dollar jährlich relativ günstig da (USA 5 600, Schweiz 3 780 Dollar). Und das bei einem in Deutschland hohen Leistungsniveau! Die Ausgabenhöhe sei, stellt der Gesundheitsbericht fest, „auf eine umfassende medizinische Versorgung für die gesamte Bevölkerung ohne längere Wartezeiten, mit einem umfassenden Leistungskatalog, und eine große Arzt- und Versorgungsdichte zurückzuführen“.
Qualitätsmanagement
Ausführlich beschäftigt sich der Gesundheitsbericht mit dem Qualitätsmanagement und wirkt damit dem verbreiteten Eindruck entgegen, dass den erheblichen Aufwendungen für das Gesundheitssystem nicht die Leistungen gegenüberstehen, die erreichbar wären. Bemühungen um Qualität seien zwar „nicht gänzlich neu“, doch wüchsen sie seit etwa 1990, nicht allein durch gesetzliche Vorgaben (Krankenhäuser und Praxen sind nach SGB V zur Qualitätssicherung verpflichtet), sondern insbesondere auch auf Initiative der Selbstverwaltung. Dazu enthält der Gesundheitsbericht eine Fülle von Beispielen, von Curricula und Leitlinien bis zu Fehlermeldesystemen der Krankenhäuser.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt, die den seit Anfang Juli fertigen Gesundheitsbericht bisher zwar nicht präsentierte, aber schon mal mit einem Vorwort zierte, hält die Gesundheitsberichterstattung für eine unverzichtbare Informationsquelle; auch die Politik profitiere von der Aufbereitung aktueller Gesundheitsdaten. Norbert Jachertz
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